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12:07 31.01.2019
Der Brite Peter Braund, Senior Scout bei britischen und deutschen Fußballvereinen, möchte noch vor dem Brexit die deutsche Staatsbürgerschaft erwerben. Quelle: Holger Hollemann/dpa
Hannover

Kurz vor dem Brexit noch Deutscher werden? Gar nicht so einfach - diese Erfahrung macht derzeit Peter Braund aus der Nähe von Hannover. Der 53-Jährige sitzt am Esstisch seines Reihenhauses, er lebt seit über 20 Jahren in Deutschland. Seine Erfahrung der vergangenen Tage: „Andere Briten sollten nicht glauben, dass das ein Selbstläufer ist mit der deutschen Staatsbürgerschaft.“

Vor sich auf dem Tisch hat der Brite, verheiratet mit einer Deutschen, eine zweiseitige Checkliste zur Beantragung der deutschen Staatsbürgerschaft. Daneben die Anmeldebescheinigung für einen Einbürgerungstest an einer Volkshochschule. Die Quittung über die bezahlte Anmeldegebühr ist feinsäuberlich mit einer Tackernadel angeheftet. Seit einer Woche bemüht sich der 53-Jährige, möglichst ordentlich alle Unterlagen für einen Antrag auf doppelte Staatsbürgerschaft zusammenzustellen.

Zahl der Einbürgerungen steigt

Auf dem massiven Holztisch liegen bereits zwei Pässe: ein deutscher, ein britischer. Der deutsche Ausweis gehört seiner 16-jährigen Tochter. Braund blickt ein wenig sehnsüchtig darauf. Der 53-Jährige sah für sich lange keinen Grund für eine Einbürgerung. Inzwischen versteht er, dass viele Landsleute sich bereits mit der Entscheidung der Briten für einen Brexit um die doppelte Staatsbürgerschaft bemühten.

Alleine in Niedersachsen wurden 2017 nach Angaben des Landesamtes für Statistik 672 Briten eingebürgert, mehr als doppelt so viele wie 2016. 2018 schnellten die Zahlen in den großen Städten Hannover (54), Wolfsburg (43), Osnabrück (40) und Braunschweig (33) noch einmal deutlich in die Höhe. Doch Peter Braund wurde erst durch den Aufruf von Niedersachsens Europaministerin Birgit Honé und der Ablehnung des von Theresa May ausgearbeiteten Brexit-Vertrags wachgerüttelt.

Briten werden zu „Drittstaatsangehörigen“

Als Bürger der EU kann Braund bisher problemlos in Deutschland wohnen und in Großbritannien arbeiten. Von 2007 bis 2010 war er Talentscout beim Fußballverein Hannover 96, danach arbeitete er für Manchester United, aktuell sucht er für den englischen Premiere League Verein Tottenham Hotspur nach neuen Spielern. Wie es um diese Freiheiten im Fall eines ungeordneten Brexits am 29. März steht, ist ungewiss. Sollte Großbritannien die EU ohne ein geregeltes Austrittsabkommen verlassen, werden britische Staatsbürger zu „Drittstaatsangehörigen“.

Braund nimmt die Pässe seiner Tochter in die Hand. „Den einen habe ich, den anderen will ich“, sagt er mit einem Lächeln, nur sein britischer Akzent im makellosen Deutsch verrät seine Herkunft. Mit 28 Jahren lernte er die Sprache - jetzt, Jahre später, ärgert er sich, damals keinen Abschlusstest gemacht zu haben.

Peter Braund ist Senior Scout bei britischen und deutschen Fußballvereinen. Quelle: Holger Hollemann/dpa

Für die Einbürgerung muss der Brite zahlreiche Nachweise einreichen. Zwei ganze Tage habe er gebraucht, um die geforderten Unterlagen zusammenzustellen, erzählt er. Dann fuhr er nach Hannover zum „Team Einbürgerung“ - nur um zu erfahren, dass noch immer Papiere fehlten.

Prüfungstermine sind längst vergeben

Voraussetzung für die deutsche Staatsbürgerschaft ist das Bestehen eines Einbürgerungstest, geprüft wird Wissen zu Geschichte, Rechts- und Gesellschaftsordnung sowie Lebensverhältnissen in Deutschland. Für Braund nach eigener Einschätzung kein Problem. Doch: Der Brite rechnete nicht damit, dass es so schwer werden würde, überhaupt auf die Schnelle noch einen Prüfungstermin für den Einbürgerungstest zu erhalten. Sechs, sieben Sprach- und Volkshochschulen rief er in den letzten Tagen an. In Wunstorf gibt es erst im Mai wieder einen freien Platz, in Garbsen hatte er die Anmeldefrist für den Test im Februar bereits verpasst. Mit Glück erhielt er schließlich den vorletzten freien Platz für die Prüfung am 1. März in Wolfsburg.

„Nun liegt alles bei den Behörden, außer dem Beweis, dass ich den Einbürgerungstest bestanden habe“, sagt er. Etwa drei Wochen nach dem Test gibt es das Ergebnis - idealerweise noch gerade rechtzeitig, um den vollständigen Antrag vor dem 29. März einzureichen.

„Ich lebe hier. Ich habe Deutschland viel zu verdanken. Aber ich habe britisches Blut“, sagt der sonst so ruhig wirkende Mann mit Leidenschaft. Daher setzt er nun alles daran, eine doppelte Staatsbürgerschaft zu erhalten, um die bisherigen Freiheiten als EU-Bürger nicht aufgeben zu müssen - und gleichzeitig Brite bleiben zu können.

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Von RND/dpa

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