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Politik Timmermans gegen Weber: Spiel mit vertauschten Rollen
Nachrichten Politik Timmermans gegen Weber: Spiel mit vertauschten Rollen
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23:33 07.05.2019
Zwei, die Chef der EU-Kommission werden wollen: Der CSU-Europapolitiker Manfred Weber (links) und der niederländische Sozialdemokrat Frans Timmermans beim Duell der Spitzenkandidaten in der ARD-Wahlarena. Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa
Köln

Manfred wer gegen Frans wen? Umfragen zufolge sind die Spitzenkandidaten, mit denen Europas Parteifamilien zur europäischen Parlamentswahl antreten, den meisten Deutschen unbekannt. Wahrscheinlich wissen auch noch längst nicht alle, dass vom 23. bis zum 26. Mai rund 450 Millionen EU-Bürger ein neues Parlament wählen können. Insofern war es vielleicht gar nicht so verkehrt, dass das TV-Duell „ARD-Wahlarena“ am Dienstagabend über weite Strecken den Charme eines schrill klingelnden Weckers hatte: Hallo, Europa, aufstehen!

„Wir haben überhaupt keine Zeit zu verlieren“, das ist einer der Lieblingssätze des niederländischen Sozialdemokraten Frans Timmermans. Timmermans, derzeit noch als Vize-Kommissionschef für Rechtssetzung in der EU zuständig, mahnt zum Tempo, allem voran beim beherrschenden Thema dieses Abends, dem Klimaschutz. „Schnell und unbedingt“ müsse eine Kerosinsteuer her, die das Fliegen teurer machen würde. „Schnell und unbedingt“ brauche es auch eine CO2-Steuer, um den Treibhausgas-Ausstoß zu reduzieren, fordert er in perfektem Deutsch.

Timmermans ist angriffslustig

Manfred Weber ist da etwas gemütlicher unterwegs. Klar, Klimaschutz sei wichtig, aber bitte nicht die Folgen für die deutsche Autoindustrie und die Arbeitsplätze aus dem Blick verlieren, mahnt der Fraktionsvorsitzende der Europäischen Volkspartei im EU-Parlament. Mit ihm werde es keine CO2-Steuer geben, erläutert Weber. Aber auch der CSU-Politiker kann sich der Hektik dieses Abends nicht entziehen. Kein Wunder angesichts der 45 Sekunden, innerhalb derer die Kandidaten die vielen Fragen der Zuschauer beantworten sollen.

Als Spitzenkandidaten der beiden größten europäischen Parteifamilien rechnen sich Weber und Timmermans gute Chancen aus, die Nachfolge des Luxemburgers Jean-Claude Juncker antreten und nächster EU-Kommissionschef werden zu können. Gut zwei Wochen vor der Europawahl lieferten sie sich ihr erstes von zwei TV-Duellen im deutschen TV. Dabei gaben sich Weber und Timmermans alle Mühe, das Klischee vom austauschbaren, grauen EU-Bürokraten zu widerlegen.

Weber verspricht neue EU-Rettungsmission

Beide wollen eine persönliche Note in diesen ja eher abstrakten Wahlkampf bringen. Beide wollen Leidenschaft verströmen, jeder auf seine Art: Weber lächelt oft und breit, Timmermans mahnt und gibt sich angriffslustig: „Sie erfinden Gründe, nichts zu tun“, wirft er Weber vor, als dieser beim Klimaschutz bremst.

Im Bemühen darum, sich voneinander abzugrenzen, scheint es immer wieder so, als hätten der Christsoziale und der Sozialdemokrat die Rollen vertauscht. Zum Beispiel möchte ein Fragesteller wissen, wie Europa mit IS-Heimkehrern verfahren soll. Zur Antwort wirbt der CSU-Mann Weber für eine selbstkritische Befragung, was junge Europäer überhaupt zur Auswanderung in den syrischen Krieg bewogen habe. Den Law-and-Order-Part übernimmt statt seiner der Sozialdemokrat Timmermans, der ein Gerichtstribunal für IS-Verbrecher fordert – und zwar außerhalb Europas.

Oder, anderes Beispiel: die Seenotrettung im Mittelmeer. Was sie denn gegen das Sterben auf See zu unternehmen gedenken, will einer wissen. Und während Timmermans zur Hilfe in den afrikanischen Herkunftsländern rät und verbesserte Lebensbedingungen in den libyschen Elendslagern fordert, überrascht Weber mit einem sehr konkreten Versprechen: Als EU-Kommissionschef werde er ein Nachfolgeprojekt der gestoppten EU-Rettungsmission „Sophia“ auf den Weg bringen.

Weber gibt sich bürgernah

Seinen Höhepunkt erreicht das Spiel mit vertauschten Rollen, als Timmermans ein Loblied auf Kanzlerin Angela Merkel anstimmt. Es geht um die Aufnahme Geflüchteter in den Jahren 2015/2016. „Sie hat Europa gerettet damals mit ihrer Menschlichkeit“, schwärmt der Sozialdemokrat. Der CSU-Vizechef Weber schweigt.

Es gibt allerdings auch viel, in dem beide sich einig sind – etwa bei der Angleichung von Unternehmenssteuern, bei der Stärkung des Parlaments, bei der paritätischen Besetzung der Kommission. Die Hälfte der Posten soll mit Frauen besetzt werden, mindestens. Zum Konsens finden beide vor allem bei Themen, bei denen sie einen gemeinsamen politischen Gegner haben: die EU-Mitgliedstaaten und deren nationale Egoismen.

Wie tief selbst bei den Spitzenkandidaten die Sorge vor einer Abkehr der Bürger von Europa sitzt, offenbart Weber, als ihn eine Frau im Publikum nach dem Einfluss von Lobbyisten und Hinterzimmerdeals in Brüssel fragt. Es ist mehr Vorwurf als Frage. Weber wirkt betroffen. „Ich stehe hier als Bürger, als Kandidat“, beteuert er. Es ist sein Versuch, den Vorbehalten gegen Politiker entgegenzutreten.

Timmermans klärt auf

Timmermans wiederum zielt und trifft, als sich ihm eine Steilvorlage bietet. Eine Fragestellerin bittet um transnationale Wahllisten bei Europawahlen. Die Moderatorin führt zur Erläuterung als Beispiel ausgerechnet das Nicht-EU-Land Norwegen an, dessen Kandidaten man dann ja auch als Deutscher wählen könnte. „Einen Norweger nicht, die machen noch nicht mit“, sagt Timmermans knapp.

Beide Kandidaten haben an diesem Abend einen souveränen, soliden Eindruck hinterlassen. Mitte nächster Woche treten Weber und Timmermans erneut im deutschen Fernsehen gegeneinander an. Vielleicht wissen bis dahin ja ein paar Leute mehr mit ihrem Namen etwas anzufangen.

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Von Marina Kormbaki/RND

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