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18:55 07.09.2017
Traumata wirken lange nach: Flüchtlinge auf dem Mittelmeer. Quelle: dpa
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Hamburg

Gelegentlich sollten wir mehr Psychologie wagen. Humanitarismus ist das eine, Willkommenskultur das andere, beides ist ehrenvoll. Integration aber beginnt erst, wenn Begrüßung und Unterbringung abgeschlossen sind. Und da müssten wir eigentlich jedem geflüchteten Individuum einen Therapeuten zur Seite stellen. Klingt verrückt? Ist ernst gemeint.

Mit Millionen Migranten und ihren nachgeholten Angehörigen kommen – durch Krieg, Folter, Vergewaltigung, Missbrauch, Heimatverlust – auch millionenfache Traumata nach Deutschland, die sich transgenerationell vererben und über Jahrzehnte hinweg in der Gesellschaft wirksam werden können. Abgesehen von einem bei vielen sehr niedrigen Ausbildungs- und Kompetenzniveau sind traumatisierte Flüchtlinge oftmals kaum belastbar genug, den Anforderungen des harten deutschen Arbeitsmarktes psychisch standzuhalten. Wer Flashbacks lange zuvor erlittener Gewalt erleidet, kann im schlimmsten Fall mit Gewalt, Terror oder Amok reagieren. Wann das passiert, weiß niemand.

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Statt Militär und Polizei aufzurüsten und alle Winkel des Landes in die Überwachung zwängen zu wollen, müsste man Abertausende Sozialarbeiter in die Brennpunkte der Städte und Abertausende Traumatherapeuten in die Familien entsenden. Wer Grenzen öffnet und Menschenrechte fordert, muss auch Therapien fördern, um künftig Gewalt zu verhindern. Es sind als kluge Vorleistung investierte Vorschussmilliarden, deren Rendite der künftige soziale Friede ist. Ohne erhöhte Sensibilität für die verletzte Psyche der Zuwanderer wird Integration misslingen, das lehren die Jahrzehnte.

Christian Schüle ist Autor in Hamburg.

Von Christian Schüle