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Politik #Susamam: Türkische Rapper rechnen mit politischem System ab
Nachrichten Politik #Susamam: Türkische Rapper rechnen mit politischem System ab
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15:43 08.09.2019
Über soziale Netzwerke verbreitet sich im Mai 2013 der Aufruf „Occupy Gezi“ in der ganzen Türkei.
Istanbul

Es ist, als ob ein Wirbelsturm die türkische Jugend erfasst, jedenfalls auf Youtube. Zwei Videos der berühmtesten türkischen Rapper wurden seit Freitag viele Millionen Mal angeschaut und in den sozialen Medien der Türkei diskutiert. Offenbar erkennt sich eine „schweigende Mehrheit“ von Jugendlichen in den Protestsongs wieder, mit denen die Rap-Idole die Repression im Land anprangern und erklären, dass sie politisch nicht länger still sein werden.

„Musik kann etwas verändern“, singen sie. Die Hashtags mit den Video-Titeln #Susamam (Ich kann nicht schweigen) und #Olay (Ereignis) schnellten an die Spitze der türkischen Twittercharts, die Lieder dröhnten aus vielen Autos in Istanbul.

„Ich wuchs apolitisch auf, hab' niemals gewählt, hab über Urlaub, Reisen und Schulden nachgedacht“, singt der türkische Protest-Rapper Sarp Palaur, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Saniser, der für „Susamam“ 17 weitere Musiker zusammenbrachte. „Dann starb die Gerechtigkeit, doch ich blieb still und machte mit. Jetzt habe ich Angst, überhaupt zu twittern. Ich stelle fest, dass ich mich vor der Polizei meines eigenen Landes fürchte.“ Seine grimmige Anklage handelt von Unschuldigen im Gefängnis und korrupten Abgeordneten, die ihren Reichtum zu Lasten der Armen vermehren. „Wenn sie dich eines Nachts zu Unrecht ins Gefängnis werfen, wirst du nicht einmal einen Journalisten finden, der darüber berichtet. Denn sie sind alle eingesperrt!“

Der 32-jährige Künstler und seine Mitstreiter haben mit „Susamam“ einen hypnotischen 15-Minuten-Track geschaffen, in dem sie die schlimmsten Probleme des Landes abhandeln, von Umweltzerstörung, Klimawandel über die Morde an Frauen, die Polizeigewalt bis zur allgegenwärtigen Korruption, Gewalt und Zensur. Die Songs richten sich an die „hoffnungslose Jugend des Landes“ und äußern kaum verhüllt Kritik an der Regierung – allerdings ohne den Namen des Langzeitherrschers Recep Tayyip Erdogan direkt zu erwähnen. Das Video wurde bis Sonntagnachmittag 13 Millionen Mal aufgerufen.

Ebenfalls am Freitag veröffentlichte auch der linke türkische Star-Rapper Ömer Sercan Ipekcioglu, Künstlername Ezhel, sein Video „Olay“, eine wütende Anklage des Staates mit schnell geschnittenen dokumentarischen Filmbildern aus der jüngsten Geschichte. Die Clips zeigen vor allem Massenproteste und Polizeigewalt während der Gezi-Unruhen von 2013, aber auch das Grubenunglück von Soma 2014 oder den furchtbaren Terroranschlag von Ankara 2015 gegen Friedensdemonstranten.

Der 29-jährige Ezhel scheut sich nicht, auf denjenigen zu verweisen, den er für schuldig hält. Immer wieder gerät Präsident Erdogan ins Bild. Der Song schildert die Türkei als einen dystopischen Polizeistaat. „Es gibt keinen Grund, kein Psychopath zu sein - also stehlt“, rappt Ezhel, während das Video Erdogans Prunkpalast in Ankara heranzoomt. Der Rapper wurde international bekannt, als er im letzten Jahr wegen angeblicher „Anstiftung zum Drogenkonsum“ für einen Monat ins Gefängnis musste. Sein Clip wurde bis Sonntagnachmittag 4,1 Millionen Mal angeschaut.

Die Gezi-Bewegung war ein kultureller Widerstand gegen die staatliche Repression, der nicht geschwächt ist und gerade mit neuem Schwung zurückkehrt.

Yavuz Baydar, Chefredakteur der Internet-Nachrichtenseite Ahvalnews

„Die Gezi-Bewegung war ein kultureller Widerstand gegen die staatliche Repression, der nicht geschwächt ist und gerade mit neuem Schwung zurückkehrt“, sagt dazu Yavuz Baydar, Chefredakteur der unabhängigen exiltürkischen Internet-Nachrichtenseite Ahvalnews. „Vor allem seit dem Sieg der Opposition in den Kommunalwahlen in Istanbul meldet sich die oppositionelle Jugend wieder zu Wort. Die enorme Resonanz zeigt, dass sich Erdogan erfolglos gegen die politische Realität stemmt.“

In den sozialen Medien wurden die Rebellen-Rapper für ihren Mut gelobt. Dem Musiker Saniser ist der Erfolg offenbar inzwischen unheimlich geworden. Am Sonntag erklärte er in einem neuen Youtube-Video, dass er und seine Mitstreiter nicht zu einer bestimmten politischen Richtung gehörten, sondern einfach gesellschaftliche Probleme anprangern wollten. Im „Susamam“-Text hört sich das allerdings anders an. Darin fordert der Rapper Fuat: „Retweeten reicht nicht. Es muss etwas getan werden!“.

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Von Frank Nordhausen/RND

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