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Politik So lebten diese Menschen mit 1000 Euro Grundeinkommen
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18:16 22.02.2019
13.02.2019, Rostock, Porträt Luise Zöllner (23) für MV. Foto: Frank Söllner Quelle: Frank Söllner
Rostock

Ein Jahr lang 1000 Euro monatlich direkt aufs Konto – klingt nach einem Lotto-Gewinn. Für Marko Schultz aus Pasewalk ist das Realität geworden. Der 33-Jährige hat bei einer Verlosung des gemeinnützigen Start-up-Vereins „Mein Grundeinkommen“ gewonnen. Für ihn und seine Frau Sina hat sich dadurch das Leben verändert.

Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens ist simpel: Jeder Bürger, egal wie es ihm wirtschaftlich geht, bekommt vom Staat regelmäßig eine feste Summe, ohne etwas dafür tun zu müssen. Sven Müllen, Pressesprecher der Vereinigung der Unternehmensverbände für Mecklenburg-Vorpommern, steht der Idee kritisch gegenüber: „Es werden keine Anreize geboten, um neue Arbeit aufzunehmen.“ Befürworter meinen dagegen, wenn Menschen arbeiten, weil sie es gerne tun, steige Produktivität und Kreativität.

„Ich konnte es nicht glauben“

Schultz gewann sein Grundeinkommen im September 2018. Zunächst war er skeptisch: „Bis zur ersten Überweisung wusste ich nicht, ob da wirklich was kommt.“ Schultz meldete sich für die Los-Ziehungen an, nachdem ihm ein Freund von dem Projekt erzählt hatte. „Man könnte sich dann ein Jahr lang weniger Sorgen ums Geld machen“, dachte er sich. Zu den Gewinnern zählte er dann bereits nach dem dritten Mitmachen.

Hier lesen: Bedingungsloses Grundeinkommen: Habeck widerspricht Nahles

Trotz Vollzeit-Jobs müssen sich Marko Schultz und seine Frau Sina das Geld gut einteilen. Mit dem zusätzlichen Einkommen können die beiden mit ihrer kleinen Tochter auch mal einen Kurztrip unternehmen und „sich mal was gönnen.“ Die bisher größte Veränderung ergab sich für Sina Schultz, die durch die finanzielle Absicherung den Mut fasste, einen neuen beruflichen Weg einzuschlagen. Die 33-Jährige wechselte aus dem Call-Center ins Gastgewerbe und „wirkt seitdem viel glücklicher“, meint Marko Schultz.

„Mein Grundeinkommen“ ist ein Experiment, das zeigen soll, wie sich so ein Modell auf die Empfänger auswirken kann. Mehr als 270 Menschen in Deutschland wurden bislang per Zufallsprinzip ein Jahr lang unterstützt. Finanziert wird das Projekt auf Spendenbasis über ein sogenanntes Crowdfunding-Modell. Kommen 12 000 Euro zusammen, werden sie unter den Teilnehmern, die aus verschiedenen sozialen Schichten kommen, verlost. In MV gewannen bislang sechs Bewerber.

Der Verein „Mein Grundeinkommen“

Gegründet wurde der Verein vom Berliner Jungunternehmer Michael Bohmeyer. „Er wollte ursprünglich sehen, ob fremde Menschen andere finanziell unterstützen würden“, erklärt Pressesprecherin Veronika Wallner. So sollte gezeigt werden, dass es Alternativen zum derzeitigen Hartz-IV-System gibt.

In Finnland wurde das System bereits ausprobiert. Ergebnis: „Die Menschen sind nicht fauler geworden. Aber sie waren glücklicher“, sagt Wallner.

Auch die Erfahrungen der Gewinner der Verlosungen in Deutschland seien durchweg positiv. „Fast alle sind anfangs der Meinung, dass sie das Geld nicht verdient hätten“, beschreibt sie. Aber bisher konnten sich alle fangen und neu verwirklichen.

Luise Zöllner hat einen neuen Plan A gefunden

Eine von ihnen ist Luise Zöllner, die in Rostock lebt. Als sie im Mai 2018 bei der Verlosung gewann, machte sie eine Ausbildung zur Physiotherapeutin. Nebenbei arbeitete die 23-Jährige im Fitnessstudio, um ihre unvergütete Lehre zu finanzieren. „Rückblickend weiß ich nicht, wie ich das gemacht habe. Vormittags hatte ich immer Schule und nachmittags habe ich oft gearbeitet“, erinnert sie sich.

Der Gewinn warf bei ihr anfangs einige Zweifel auf. „Andere bräuchten das Geld bestimmt dringender als ich“, dachte Zöllner. Da sie aber in der Schlussphase ihrer Lehre war, kam der Gewinn zur richtigen Zeit. So konnte sie ohne Druck einen Job finden und sich die ersten Weiterbildungen, wie Lymphdrainage und einen Englischkurs, finanzieren. Allerdings wusste sie schnell, dass sie durch die körperliche Belastung nicht lange in diesem Beruf bleiben würde.

Durch die finanzielle Absicherung konnte sie nach einigen Monaten problemlos den Job kündigen. „Es hilft schon sehr, wenn man weiß, dass im nächsten Monat genug Geld da ist. So hatte ich die Zeit und Ruhe, um einen neuen Plan A zu finden“, sagt Zöllner. Zum nächsten Wintersemester will sie ein Studium der Gesundheitswissenschaften anfangen. Für sie bedeutet ein bedingungsloses Grundeinkommen „gleiche Chancen für alle, egal wie viel Geld von Haus aus zur Verfügung steht“.

Weiterlesen: Jeder Sechste ist von Armut bedroht

Von RND/Dimitiri Paul

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