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Politik AfD stattet Comedian Hausbesuch ab
Nachrichten Politik AfD stattet Comedian Hausbesuch ab
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20:18 18.09.2018
AfD-Abgeordneter Frank-Christian Hansel postete ein Video von seinem Hausbesuch bei dem Comedian. Quelle: Britta Pedersen/dpa
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Berlin

Mit Satire hat es die AfD nicht so. Schließlich ist die Rettung Deutschlands von den „Altparteien“ eine ernste Sache und der dauernde Seiltanz zwischen seriösem Auftreten und Straßen-Getöse erfordert die ganze Aufmerksamkeit. Manchmal haben AfD-Vertreter dennoch Zeit, Satiresendungen juristisch anzugreifen – und scheitern, wie Alice Weidel mit ihrer Klage gegen das NDR-magazin „extra 3“.

Die Berliner AfD hat daraus gelernt und einen anderen Weg gewählt: den Video-Hausbesuch. Der Abgeordnete Frank-Christian Hansel hat sich über ein Satire-Video des „Bohemian Browser Ballet“ geärgert – und taucht unangemeldet vor der Tür der Produzenten auf. Die trifft er zwar nicht an, filmt aber Hauseingang und Klingelschild ab – und gibt die Macher damit einem gefährlichen Shitstorm preis.

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Vor einer Woche veröffentlichte die Berliner AfD erstmals Meldungen über ein „Fake-Video“, in dem ein angeblicher AfD-Infostand eine Rolle spielte. Zu den Dreharbeiten sollten auch Jagdszenen auf Dunkelhäutige gehören, ein Klischee-Skinhead wird zum Parteieintritt animiert. Hansel war empört: „Das Video zeigt alles was die AfD nicht ist“, ärgerte er sich.

Wutbürger, Skinheads und AfD-Infostand

Zu diesem Zeitpunkt hätte er schon wissen müssen, dass es sich um Dreharbeiten für einen Satire-Clip im Auftrag des Südwestrundfunks (SWR) handelte. Der Film „Volksfest in Sachsen“ vom „Bohemian Browser Ballet“ spitzt die Ereignisse von Chemnitz zu. Es treten auf: Viele Wutbürger, drei Skinheads, einer davon an einer Leine, an der seine Freundin zieht („Hase, du bleibst hier“). Ferner zwei Pegizisten, proppere Promotion-Girls, die das #wirsindmehr-Konzert anpreisen und eben ein AfD-Infostand. Der 90-Sekünder ist witzig, treffend, aber im Grunde harmlos.

Doch wer einmal in Fahrt ist wie der Abgeordnete Hansel, lässt sich von der Kunstfreiheit nicht bremsen. „Unglaublich, zu welchen Mitteln gegriffen wird“, schreibt er auf Facebook. „Was heißt hier „Satire“. Es soll „was hängen bleiben“, bei den Leuten, die das sehen.“ Dazu stellt Hansel ein eigenes Video, das ihn beim (vergeblichen) Hausbesuch bei der Produktionsfirma zeigt. Firmenname, Klingelschild und Adresse gehen aus dem Video klar hervor.

Bei dem Produzenten handelt es sich um Christian Brandes alias Schlecky Silberstein. Er schreibt auf seinem Blog: „Der Krawatte nach zu urteilen ist Hansel ein Mensch, der erst handelt und dann nachdenkt, aber ein Abgeordneter muss wissen, dass diese Unsitte, Privatadressen ins Netz stellen, nicht nur illegal ist, sondern auch gefährlich. Das Video mit den Adressdetails wurde über den Facebook- und Youtube-Kanal der AfD-Berlin geteilt, wo viele Kommentatoren sehr erregt über den jüdischen Namen meines Partners waren.“ Er veröffentlicht Hassmails mit folgenden Zeilen: „Ihr Juden seid ein Geschwür. Euch muss man ermorden!!“ Brandes erkennt einen „Hauch von ‚33“ und veröffentlicht einen sehr ernsthaften und aufrüttelnden Eintrag auf seinem Blog: „Nicht umsonst ist überall auf der Welt und überall in der Geschichte Schritt eins nach der Machtübernahme die Einschränkung der Kunst- und Pressefreiheit. Zuvor wird diesem Eingriff der Weg geebnet, in dem systematisch an der Glaubwürdigkeit der Medien gesägt wird.“

Pazderski: Keine Dirty-Campaigning-Methode ist AfD-Gegnern zu schade

Auch der stellvertretende AfD-Bundessprecher Georg Pazderski kritisiert das Video: „Ein von der Rundfunk-Zwangsabgabe finanziertes Hetz-Video als Satire und Kunst zu bezeichnen, scheint der letzte Ausweg der argumentlosen Linken. Das nehmen wir mit einem Lächeln hin. Diese These jedoch mit Lügen zu ummanteln, ist dreist-dumm und leicht zu durchschauen. So sei die Adresse ein offizieller Firmensitz. Weiter sagt er: „Die Opferhaltung der Unternehmensleitung ist daher eine reine Schutzbehauptung, um von den eigenen Dirty-Campaigning-Methoden abzulenken.“

Von dem Vorwurf des Antisemitismus entferne er sich deutlich: Der AfD gehe es ausschließlich um die Aufdeckung unlauterer Propaganda mit Geldern aus der Kasse des öffentlich-rechtlichen SWR. Die Tatsache, dass die Firma auf das Gesprächsangebot der AfD nicht eingegangen ist, sieht Pazderski als „lächerlich“ an. Und er ist sich sicher: „Keine Dirty Campaigning-Methode ist unseren Gegnern zu schade.“

Von RND/Jan Sternberg