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Politik Das Gute im Nicht-Wissen
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07:01 17.09.2018
Der Philosoph Sokrates wusste, dass er nichts wusste. Quelle: picture alliance / akg-images
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Berlin

Viel zu selten fallen die drei großen, heiligen Worte der Menschheit.Diese Worte sind für mich nicht: „Gott ist groß“, „Dein Wille geschehe“ oder „iPhone zum Sonderpreis“. Sondern: „Ich weiß nicht.“

In einer Zeit, in der alle immer genau Bescheid über alles zu wissen scheinen, hörte ich wirklich gern einen Politiker oder Wirtschaftsboss einfach mal sagen: „Ich weiß nicht.“ Auch von anderen Mitmenschen vermisse ich diese Worte. Statt Sätzen, die so eingeleitet werden: „Es ist doch wohl erwiesen, dass ...“ oder „Du kannst nicht leugnen, dass ...“. Denn diesen Eröffnungen folgt gern mal dumpfer Quatsch: „... dass die Ausländer schuld/kriminell/inkompetent sind“, „... dass das Finanzkapital schuld/kriminell/inkompetent ist“, oder „... dass das iPhone schuld/kriminell/inkompetent ist“. Wobei man Letzteres nicht völlisg von der Hand weisen kann.

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Warum geben wir unser Nicht-Wissen nicht häufiger mal zu? Sokrates sagte ganz radikal: „Ich weiß, dass ich nichts weiß!“ Wer die Erkenntnis des Nichtwissens in sich trägt, geht auf die Welt mit freudiger Neugierde zu – so wie Kinder es tun. Sicher gibt es Fragen, auf die man lieber kein „Ich weiß nicht“ zur Antwort haben möchte. Etwa: „Liebst du mich?“, „Können Sie meine Rechnung überhaupt bezahlen?“ oder „Mama, ist Papa wirklich mein Papa?“.

Eine Weisheit des Zen-Buddhismus lautet: „Nichtwissen ist das Intimste.“ Das heißt auch: Im Teilen des Nichtwissens entsteht Intimität. Womöglich ist die hohe Scheidungsrate eine Konsequenz aus der Tatsache, dass viele Paare diesen Grad der Intimität nicht erreichen.

Chin Meyer ist Kabarettist und Autor in Berlin.

Von Chin Meyer