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Politik „Es gibt gravierende Mängel, was die Studierfähigkeit zahlreicher Abiturienten angeht“
Nachrichten Politik „Es gibt gravierende Mängel, was die Studierfähigkeit zahlreicher Abiturienten angeht“
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06:40 18.06.2019
Sind Studenten von der Schule gut auf das Studium vorbereitet worden? Quelle: Jan Woitas/dpa

 

Herr Alt, Sie sind Präsident der Hochschulrektorenkonferenz und von Haus aus Literaturwissenschaftler: Können Sie da mitfühlen, dass so viele Schüler gegen das diesjährige Mathe-Abi protestiert haben?

Ich habe Glück gehabt, ich war immer recht gut in Mathematik. Viele hassen das Fach ja geradezu. Das war schon vor 100 Jahren so. Franz Kafka hatte Albträume vor seiner Mathe-Abiturprüfung. Zumindest in der Schule ist Mathematik ein Fach, in dem es ein eindeutiges Richtig oder Falsch gibt. Die Kurvendiskussion ist eben keine Diskussion, durch die man sich rhetorisch geschickt durchlavieren kann. Das kann Menschen verschrecken, denen das Fach schwerfällt. Das vermag ich durchaus nachzuempfinden.

Entlassen die Schulen die Abiturienten gut vorbereitet an die Hochschulen?

Es gibt gravierende Mängel, was die Studierfähigkeit zahlreicher Abiturienten angeht. Das gilt insbesondere für die Fächer, in denen Mathematik die Grundlage ist. Die Rückmeldungen aus den Hochschulen sind zahlreich und eindeutig: Die Studienanfänger erfüllen die Voraussetzungen deutlich schlechter als früher. Das betrifft die Ingenieurswissenschaften und die Naturwissenschaften, aber beispielsweise auch die Volks- und Betriebswirtschaftslehre.

Wie gehen die Hochschulen damit um?

Die Universitäten bieten Brückenkurse zwischen Schulzeit und eigentlichem Studienbeginn an, damit die neuen Studierenden eine Chance haben, Fuß zu fassen. Das ist notwendig. Es ist aber auch alarmierend. Wir leben in der Fiktion, dass mit dem Abitur die Voraussetzungen für das Studium erfüllt sind. Die Realität zeigt: Viel zu oft stimmt das nicht.

Gibt es Probleme unter den Studienanfängern nur bei den mathematischen Fähigkeiten oder auch beim Schreiben und Textverständnis?

Auch hier habe ich kritische Rückmeldungen aus den Hochschulen. Selbst Literaturwissenschaftler sagen: Es wird immer schwieriger, die jungen Menschen in den Seminaren zum Lesen zu bringen. Längere Texte zu lesen und zu schreiben, falle den Studierenden schwerer. Da hat es offenbar eine erhebliche Verschlechterung innerhalb der letzten fünf Jahre gegeben.

Woran liegt das?

Auch die meisten Erwachsenen merken, dass sich in Zeiten der Digitalisierung ihre Lesegewohnheiten verändert haben. Es werden heute im Alltag vermutlich sogar mehr Texte gelesen als früher, aber sie werden vom Einzelnen oft nur noch selektiv durchgescannt. Wie oft lesen wir wirklich noch einen Text vom Anfang bis zum Ende? Junge Menschen, die mit einer solchen Lesekultur aufwachsen, tun sich schwerer, sich auf einen Text zu konzentrieren.

Wie können Schule und Eltern da gegensteuern?

Es ist pädagogisch wichtig, darauf zu bestehen, dass das Handy auch mal für längere Zeit ausgeschaltet ist. Junge Menschen sind heute sicherlich besser fähig, mehrere Dinge nebeneinander zu tun, als wir es je waren. Das finde ich gut. Aber jeder sollte sich auch intensiv und ohne Ablenkung auf eine Sache konzentrieren können, ob beim Lesen oder auch in der Mathematik. Dazu müssen wir die Schüler zwingen. Oder, freundlich ausgedrückt: Wir sollten ihnen die Chance dazu geben. Es ist richtig, dass Schulen durch den Digitalpakt jetzt technisch auf die Höhe der Zeit gebracht werden. Wir brauchen aber gleichzeitig einen Lernpakt für all die anderen Kenntnisse und Fähigkeiten, die wir neben dem Umgang mit digitalen Medien benötigen.

Welches Wissen brauchen die Schüler und Studenten denn heutzutage noch?

Diese Diskussion wird viel zu wenig geführt. Und das, obwohl sich durch die Digitalisierung in der Welt des Wissens und der Wissensvermittlung vieles rasant verändert. Die alte Tafel gab es schon im antiken Griechenland, Lexika sind seit der Aufklärung die Speicher des Wissens. Jetzt haben wir eine unvergleichlich viel schnellere Medienentwicklung. Also müssen wir beständig darüber nachdenken, welchen Kanon alten Wissens wir brauchen – und welche Fähigkeiten zusätzlich trainiert werden müssen.

Bildungsforscher wie Pisa-Chef Andreas Schleicher argumentieren, es gehe im Wesentlichen nicht mehr um Wissen, da dieses durch die Digitalisierung leicht verfügbar sei. Statt Daten oder Formeln zu pauken, müssten die Schüler lernen, wie Historiker und Mathematiker zu denken. Hat er nicht Recht?

Das klingt beim ersten Hören überzeugend, aber ganz so einfach ist es nicht. Studiengänge bauen gerade in der Bachelor-Phase auf Wissen auf, das die Studierenden aus der Schule mitbringen sollten. Und: Die Studierenden brauchen zwingend die Fähigkeit, Faktenwissen auch in großen Mengen auswendig zu lernen. Anders geht es in Naturwissenschaften, in der Medizin, in Jura, aber auch in den Geschichtswissenschaften gar nicht. Das Wissen ist wie ein Rohbau, auf dem das restliche Gebäude errichtet wird. Wenn es zu viele Lücken gibt, fehlt es an den Grundlagen. Daran scheitern viele.

Sind Sie ein Freund der alten Schule?

Nein, ich bin für einen guten Methodenmix. Es geht gar nicht darum, dass ich für Frontalunterricht wäre. In einigen Fächern gibt es aber schon seit Jahrzehnten die Tendenz, dass man mit geschickten Redebeiträgen und einem Minimum an Wissen durchkommt. Wir brauchen bereits in den Schulen methodische Einheiten zum Thema: „Wie lerne ich richtig, wie kann ich meinen eigenen Lernprozess organisieren?“ Aus meiner Sicht muss aber auch klar sein: Die jungen Menschen dürfen in der Schule schon ein paar Lernzumutungen mehr erfahren, als es im Augenblick der Fall ist.

Haben die Probleme mit der Studierfähigkeit etwas damit zu tun, dass heute viel mehr Menschen Abitur machen als früher?

Es wäre naiv zu glauben, es würde sich nichts dadurch ändern, dass bald die Hälfte eines Jahrgangs Abitur macht. Viele, die früher einen mittleren Schulabschluss und eine Berufsausbildung gemacht hätten, machen heute Abitur und absolvieren ein Studium. Der Arbeitsmarkt benötigt diese hohen Zahlen an Hochschulabsolventen ja auch. Wir müssen aber darüber reden, was die Hochschulen – und im Übrigen auch die ausbildenden Betriebe – heute von einem Abiturienten und einer Abiturientin erwarten dürfen.

Viele finden es unfair, dass es in einigen Bundesländern im Abitur im Schnitt bessere Noten gibt als in anderen, während alle um dieselben Studienplätze konkurrieren. Wäre es da nicht fairer, deutschlandweit ein einheitliches Abitur zu haben?

Mittelfristig bin ich für einheitliche Abiturprüfungen – das ist gerechter. Wir dürfen aber auch nicht den dritten Schritt vor dem ersten tun. Erstens braucht es für einheitliche Prüfungen auch einheitliche Lehrpläne. Zweitens müssen die Unterschiede an den Schulen besser ausgeglichen werden. Sonst gibt es zwar formale Fairness, aber faktisch Ungerechtigkeit, weil die Ausgangsvoraussetzungen sehr verschieden sind. Natürlich hat eine Schule in einem Problemviertel einer Großstadt andere Herausforderungen zu bewältigen, was die Vielfalt in der Schülerschaft angeht, als eine im ländlichen Raum. Insgesamt müssen wir konsequenter auf den Ganztag setzen, damit die Schüler aus bildungsfernen Schichten die bestmöglichen Chancen haben.

Von Tobias Peter/RND

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