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Politik Pisa-Chef: „Schüler haben nicht leichtere Aufgaben, sondern besseren Unterricht verdient“
Nachrichten Politik Pisa-Chef: „Schüler haben nicht leichtere Aufgaben, sondern besseren Unterricht verdient“
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13:09 10.05.2019
Tausende Schüler beklagen, die Mathe-Prüfung im Abitur sei in diesem Jahr zu schwer gewesen. Quelle: Holger Hollemann/dpa

Herr Schleicher, in mehreren Bundesländern haben Tausende Schüler Online-Petitionen unterzeichnet, weil sie das Mathe-Abitur zu schwer fanden. Muss die Politik jetzt reagieren?

So wie die Schule müssen natürlich auch die Kultusministerien lernende Systeme sein. Wenn viele Schüler Schwierigkeiten hatten, sollte der Dialog gesucht werden – auch, um für die Zukunft zu lernen. Wodurch sind Missverständnisse entstanden? War die Vorbereitung im Unterricht nicht optimal? Ein gutes Bildungssystem arbeitet beständig an sich. Eines ist für mich aber klar: Die Richtung, in die sich die deutsche Abiturprüfung in Mathe entwickelt hat, ist eindeutig richtig.

Wie meinen Sie das?

In der Vergangenheit war es vergleichsweise leicht, die Mathe-Prüfung zu bestehen, wenn man seine Formeln auswendig gelernt hat. Jetzt erwarten wir von den Schülern etwas Anspruchsvolleres: Es geht darum, wie ein Mathematiker zu denken, komplexe mathematische Zusammenhänge zu analysieren. Das sind andere Anforderungen als früher, aber sie sind richtig und zeitgemäß. Im realen Leben stehen auch keine Formeln und Gleichungen vor uns. Da gilt es, Zusammenhänge zu erkennen und in die Sprache der Mathematik zu übersetzen.

Bereitet der Mathe-Unterricht die Schüler auf solche Prüfungsaufgaben denn gut genug vor?

Die Bildungsstandards in Deutschland sehen schon seit vielen Jahren vor, dass die Schüler genau diese Fähigkeit entwickeln, mit Hilfe der Mathematik selbstständig Probleme zu lösen. Es hapert also nicht an der richtigen Idee. Deutschland muss weiter daran arbeiten, seinen Unterricht zu verbessern. Die Pisa-Ergebnisse zeigen: Deutsche Schüler sind gut darin, etwas auswendig zu lernen. Aber sie könnten besser daran sein, Ideen zu durchdringen und kreativ mit ihnen zu arbeiten.

Wie muss ein Unterricht aussehen, bei dem man so etwas lernt?

Mathematik darf kein totes Fach sein, in dem einfach nur ein Lehrer an der Tafel steht. In Deutschland trainieren die Schüler oft Rechenprozeduren. In einer japanischen Klasse stellt der Lehrer ein Problem in den Raum – und alle entwickeln gemeinsam eine Herangehensweise für die Lösung. In Deutschland wird noch immer zu viel Stoff in zu geringer Tiefe vermittelt. Ich empfehle: weniger Stoff, mehr eigenständige Auseinandersetzung. Die deutschen Schüler haben nicht leichtere Abituraufgaben, sondern besseren Unterricht verdient.

Müssen die Abiturprüfungen in Mathe in einigen Bundesländern großzügiger benotet werden, falls sie zu schwer waren?

Da will ich mich nicht einmischen. Für mich zeigt sich hier einmal mehr: Es ist mit vielen Problemen verbunden, dass es keine einheitlichen Prüfungen für ganz Deutschland gibt. Gäbe es sie, dann wäre es doch so: Fällt eine Prüfung zu schwer aus, ist das zwar schmerzlich. Es hätte aber keine gravierenden Auswirkungen, weil es ein Jahrgang ist, der um Studienplätze konkurriert. Ein fairer Vergleichsmaßstab ist das Abitur bislang nicht. Das sollte sich ändern.

Mathematik gilt ohnehin schon als Fach, an dem viele scheitern. Wird dieser Frustrationsfaktor nicht noch größer, wenn sie von jedem eigenes mathematisches Denken erwarten?

Eben nicht. Dieses mathematische Denken kann man trainieren – das ist nicht einfach nur Begabungssache. Mathe kann man viel besser lernen als beispielsweise Musik, die viel mit Talent zu tun hat. Die Pisa-Ergebnisse aus China und Singapur zeigen, dass sich die Fähigkeiten zum mathematischen Denken an die gesamte Schülerschaft in hohem Maß vermitteln lassen. Der große Fehler in Deutschland ist: Zu oft wird Schülern früh vermittelt, sie könnten das Ganze sowieso nicht. Das führt dazu, dass sie nicht an sich selbst glauben.

Wie können wir am besten Lust auf Mathematik wecken?

Ganz ehrlich, wir brauchen bessere Aufgaben. In Deutschland bilden Textaufgaben oft künstliche Situationen ab, die zwar real klingen sollen, es aber nicht sind. Es geht darum zu lernen, dass Mathematik eine Sprache ist, mit der sich die Realität beschreiben und gestalten lässt. Dafür ist fächerübergreifender Projektunterricht sehr gut geeignet. Die Frage, wie es mit dem Klimawandel weitergehen könnte, ist auch ein gutes Thema für den Mathematikunterricht.

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Von Tobias Peter/RND

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