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Politik Stirbt die deutsche Mittelschicht durch die Digitalisierung?
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18:07 02.04.2019
Buchautor Daniel Goffart (l), Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD): „heftiger Umbruch“. Quelle: Monika Skolimowska/dpa
Berlin

Nein, alle Thesen dieses Buches mag Bundesarbeitsminister Hubertus Heil nicht unterschreiben. So weit geht der SPD-Politiker dann doch nicht. Aber Heil gibt zu, dass er das Buch „mit Gewinn“ gelesen habe. Und dass ihn Vieles, was auf den 400 Seiten geschrieben steht „nachdenklich“ gemacht habe.

„Das Ende der Mittelschicht - Abschied von einem deutschen Erfolgsmodell“, heißt das Werk, über das der Bundesminister für Arbeit und Soziales am Dienstag in Berlin referiert. Bis in die Nacht habe er darin geschmökert, sagt Heil. Auch wenn er sich zwischendurch des Gefühles wachsender Verzweiflung habe erwehren müssen.

In der Tat ist es keine Wohlfühllektüre für unbeschwerte Stunden, die Focus-Autor Daniel Goffart vorgelegt hat. Im Gegenteil. Der Journalist für Politik und Wirtschaft liefert eine schonungslose Bestandsaufnahme der deutschen Gesellschaft. Er analysiert die Versäumnisse der Vergangenheit, benennt die Herausforderungen der Gegenwart, umreißt die Risiken der Zukunft.

Die Mitte der Gesellschaft gehört zu den Verlierern

Er tut das vor dem Hintergrund der mit Macht voranschreitenden digitalen Revolution. Und er formuliert eine unmissverständliche Botschaft: Hauptverlierer jener disruptiven Veränderungen, die mit dem Siegeszug von Big Data und künstlicher Intelligenz einhergehen, ist eine Gruppe, die in den Sonntagsreden der Politiker für gewöhnlich als besonders wichtig beschrieben wird: die hart arbeitenden Menschen in der Mitte der Gesellschaft.

Goffarts Buch ist eine Mischung aus harten Fakten, persönlichen Erfahrungen und dem Mut, beides zu einer These zu verdichten.

Er nimmt die Leser mit in seine Kindheit in einer Aachener Reihenhaussiedlung, wo sie aus seiner Sicht zu Hause war, die deutsche Mittelschicht. Jene Angestellte, Techniker, Lehrer, Verwaltungsbeamte, Buchhalter und Handwerker, die ein Leben fernab von Hierarchien und Standesdünkel geführt hätten, das auf gemeinsamen Regeln und Werten basiert habe. Wenig Luxus, viel Sicherheit und der fast schon unerschütterliche Glauben daran, dass es die eigenen Kinder auf der sozialen Leiter eines Tages ein Stück weiter nach oben schaffen würden als man selbst.

Die Schere zwischen arm und reich ging auseinander

Diese Verheißung. schreibt Goffart, selbst Spross des geburtenstärksten Nachkriegsjahrgangs 1964, habe sich schon für viele Mitglieder der Babyboomer-Generation nicht mehr erfüllt. Die steigende Arbeitslosigkeit in den 1970er-Jahren, das sinkende Gehaltsniveau, die kontinuierlich gestiegene Steuer- und Abgabenlast habe es schon für den Geburtsjahrgang 1965 im Schnitt nicht mehr möglich gemacht, das Lebenseinkommen früherer Jahrgänge zu erreichen. Die gesellschaftliche Schere begann, auseinander zu gehen.

Ein Trend, der laut Goffart in den darauffolgenden Jahrzehnten permanent angehalten hat und eine Erosion der gesellschaftlichen Mitte zur Folge hatte.

Zählten 1991 noch 60 Prozent der Deutschen zur Mittelschicht, also jener Bevölkerungsgruppe, die 70 bis 150 Prozent des mittleren Einkommens verdient, sind es heute nur noch 54 Prozent. Goffart geht davon aus, dass sich diese Entwicklung in den kommenden Jahren noch einmal dramatisch beschleunigen wird. Grund: die stetig voranschreitende Digitalisierung.

„Jeder bemerkt an seinem Arbeitsplatz die Veränderungen, sieht wie Geschäftsmodelle zusammenbrechen, Firmen geschlossen und Kollegen und entlassen werden“, schreibt er. Die Menschen würden Zuversicht und Vertrauen in die Zukunft verlieren, stattdessen in Statutspanik verfallen. Die Folgen: stärkere Polarisierung, härtere Konflikte, radikalere Wahlergebnisse. Und die eigentlichen Umbrüche durch Automatisierung und künstliche Intelligenz stünden erst noch bevor.

In Banken, Versicherungen, dem Handel fallen Jobs weg

Das räumt auch Arbeitsminister Hubertus Heil ein. Ja, sagt er, es werde Bereiche geben, in denen menschliche Arbeitskraft durch künstliche Intelligenz ersetzt werde, etwa im Handel, bei Banken oder Versicherungen. Trotzdem warnt der Sozialdemokrat vor Panik. In anderen Bereichen, etwa der Industrie, blieben Jobs erhalten oder würden neue entsteht.

Schon bei der ersten industriellen Revolution habe Karl Marx ein Ende der Mittelschicht propagiert, sagt Heil. Doch auch er sei widerlegt worden. „Die Arbeit ist uns nicht ausgegangen, auch wenn der Umbruch heftig war.”

Auch Goffart sieht trotz düsterer Bestandsaufnahme und Prognosen einen Weg, das Auseinanderbrechen der Gesellschaft noch zu verhindern. Er plädiert ins einem Buch für einen „digitalen Gesellschaftsvertrag“ um Fehlentwicklungen der Digitalisierung zu korrigieren. Dazu gehört für ihn, die großen Internetkonzerne Google, Amazon, Facebook und Apple schärfer zu regulieren und ihre Macht über die Daten der Nutzer zu beschneiden.

Wie das Ende der Mittelschicht verhindert werden kann

Goffart fordert darüber hinaus die Ausweitung des Mehrheitsprinzips bei Entscheidungen in der EU, die Abschaffung des Deutschen Bildungsföderalismus und die Einführung einer Digitalsteuer, um Gemeinwesen und Sozialsystem auch künftig finanzieren zu können. Außerdem seien feste Regeln für Automatisierung und künstliche Intelligenz sinnvoll.

„Das Ende der Mittelschicht ist nicht zwangsläufig, aber als lässt sich nur mit neuem Denken und entschlossener Gegenwehr verhindern“, so das Fazit des Autors.

In diesem Punkt kann auch der Arbeitsminister uneingeschränkt zustimmen.

Von Andreas Niesmann/RND

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