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Politik NS-Prozess: „Ich hätte nicht hundertprozentig sagen können: Die werden jetzt vergast“
Nachrichten Politik NS-Prozess: „Ich hätte nicht hundertprozentig sagen können: Die werden jetzt vergast“
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16:58 25.10.2019
„Das belastet mich bis heute“: Der 93-jährige frühere KZ-Wachmann Bruno D. wird im Rollstuhl in den Gerichtssaal geschoben. Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa Pool/dpa
Hamburg

Bruno D. konnte alles sehen. Er stand auf dem Wachturm und hatte freien Blick: auf das Krematorium, auf die Gaskammer – und auf das, was dort geschah. „Ich habe gesehen, dass Leute da reingeführt wurden und die Tür geschlossen wurde“, sagt er in die vollkommene Stille im Saal 300 des Hanseatischen Oberlandesgerichts hinein. „Dann hat man Schreie und Poltern vernommen.“

Die Gaskammer, ausgemergelte Gestalten, die hineingesperrt werden, dann die Schreie: Es war offenkundig, was dort geschah. Dass dort Menschen vergast wurden. Dennoch behauptet er: „Ich habe gedacht: Was konnte das sein? Ich hatte keine Vorstellung, was die da machen.“

So ist an diesem Freitag im Gericht in Hamburg ein Mann zu beobachten, ein Greis mit weißem Haar, der sich innerlich und äußerlich mit aller Kraft gegen das wehrt, was doch für alle offensichtlich ist. Und dem es nicht gelingt.

Bruno D. ist 93 Jahre alt. Mit seiner Frau lebt er in Hamburg in dem Haus, das sie nach dem Krieg gebaut haben. Im Krieg, von August 1944 bis April 1945, war Bruno D. Wachmann im Konzentrationslager Stutthof, im heutigen Polen. Deshalb steht er jetzt, seit inzwischen vier Prozesstagen, in Hamburg vor Gericht. Ein alter Mann vor der Jugendstrafkammer, weil er damals erst 17 war. Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor. Er war nur ein kleines Rädchen im Getriebe der NS-Mordmaschinerie, aber ohne diese Rädchen hätte die Maschine eben nicht funktioniert, argumentiert die Anklage. Bruno D. und seine Kollegen sorgten dafür, dass niemand aus dem Lager entkommen konnte und niemand revoltierte.

„Dann hätten Sie geschossen?“

„Auf dem Turm zu stehen und zu gucken, dass nichts passiert“, so beschreibt er seine Aufgabe. Was er sonst gemacht hätte, fragt Richterin Anne Meier-Göring nach. „Ja, Alarm.“ – „Dann hätten Sie geschossen?“ – „Ja, vielleicht ja.“ Alarmgeräte, räumt er ein, habe es auf dem Turm auch nicht gegeben.

Es ist ein Prozess unter schwierigen Bedingungen. Die tägliche Verhandlungsdauer ist wegen des angeschlagenen Gesundheitszustands von Bruno D. auf zwei Stunden beschränkt. Im Rollstuhl lässt er sich in den Saal schieben. Aber er spricht mit fester Stimme, und sein Erinnerungsvermögen ist gut – jedenfalls in vielen Punkten. Zum Beispiel, wenn es um seine Lehrzeit als Bäcker geht, seine Diphtherie-Erkrankung, die ihn ins Lazarett brachte, oder die Farbe seiner Uniform. Seine Erinnerung lässt nur recht zuverlässig dann nach, wenn es um die unfassbaren Verbrechen geht, die direkt vor seinen Augen geschahen. Wann, von wem und ob er überhaupt erfahren hat, dass Juden nach Stutthof gebracht worden: Das alles, beteuert D., wisse er nicht mehr. Vor allem aber beteuert er immer wieder, zunehmend zur Fassungslosigkeit der Richterin, er habe all die eindeutigen Zeichen nicht zu deuten gewusst.

„Aber, Herr D.“, sagt die Richterin einmal, „es wurde irgendwann still, weil die Menschen in den Gaskammern ermordet wurden.“ Doch Bruno D. beharrt darauf: „Ich hätte nicht hundertprozentig sagen können, die werden jetzt vergast.“

„Das belastet mich noch heute“

Das Bild, das Bruno D. von sich zeichnet, ist das eines jungen Menschen, der sich gern rausgehalten hätte, der überleben wollte und der letztlich keine Wahl hatte. Ursprünglich wegen eines Herzfehlers als frontuntauglich gemustert, wurde er dann doch zunächst zur Wehrmacht eingezogen, dann mit seiner Einheit Kollektiv in die SS überführt und nach Stutthof geschickt. „Da wurde nicht gefragt: Willst du oder kannst du oder möchtest du, sondern: Du musst!“, sagt D. Die Anklage hingegen geht davon aus, dass D. sich straflos hätte versetzen lassen können. Genau das wird einer der entscheidenden Punkte sein, von denen abhängt, ob D. am Ende verurteilt wird.

In einer Erklärung hatte D. an einem vorigen Prozesstag sein Mitleid mit den Opfern bekundet und die Verbrechen bedauert. Als Leidtragenden, daran lässt D. keinen Zweifel, sieht er aber auch sich selbst. Er habe alles, was er sah, in sich hinein gefressen. „Das hat mich damals sehr belastet und belastet mich noch heute“, sagt Bruno D. Was man wohl so verstehen muss, dass er durchaus verstand, was direkt vor seinen Augen geschah. Der Prozess gegen ihn wird am Montag fortgesetzt, er ist zunächst bis zum 17. Dezember terminiert.

Von Thorsten Fuchs/RND

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