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Politik Michael Gartenschläger – ein Robin Hood im Kalten Krieg
Nachrichten Politik Michael Gartenschläger – ein Robin Hood im Kalten Krieg
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11:41 28.10.2019
Gartenschläger half unter anderem früheren Mithäftlingen bei der Flucht in den Westen, indem er sie im Kofferraum seines Autos über die Grenze schmuggelte. Quelle: dpa
Potsdam

Wer extrem mutige Taten begeht, bleibt in seiner Generation eine Reizfigur. Wie etwa der Hitler-Attentäter Georg Elsner. Fast ein halbes Jahrhundert war er fast vergessen. Bis seine einsame und gescheiterte Tat dann doch die Würdigung erfuhr, die sie verdient. So gibt es zum Beispiel unter Beteiligung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand einen Georg-Elser-Preis für Zivilcourage und zivilen Ungehorsam.

Der Mauer-Attentäter Michael Gartenschläger wartet noch auf die Anerkennung durch eine breite Öffentlichkeit. Auch er war seiner Zeit voraus. Auch er hat unter Einsatz seines Lebens ein Ziel verfolgt, das 13 Jahre später, als es Wirklichkeit wurde, in Ost und West befreienden Jubel auslöste. Denn 1989 waren sich alle einig: „Die Mauer muss weg!“

Seine Familie betrieb in Straußberg eine Eckkneipe

Wer sich mit dem Leben von Michael Gartenschläger beschäftigt, begegnet einem echten und tragischen Helden der deutschen Nachkriegsgeschichte. Er kam 1944 in Strausberg zu Welt, wo seine Familie eine Eckkneipe betrieb. Die spätere DDR-Kreisstadt im Bezirk Frankfurt (Oder) mit Anschluss ans Berliner S-Bahn-Netz wurde in den 1950er Jahren zu einer Kommandozentrale der Nationalen Volksarmee ausgebaut.

Gartenschläger als junger Mann. Quelle: Repro: MAZ

Vielleicht hatten deshalb hier Halbstarke wie Gartenschläger einen besonders schweren Stand. In Elvis Presley, Rock’n’Roll und der aufkommenden Jugendkultur sahen die SED-Militärs wie Blauhemden nur westliches Teufelszeug. Viele Jahre konnten Michael Gartenschläger und seine Schulfreunde halblegal nach Westberlin in die Plattenläden und Klubs fahren und dort Bravo-Plakate von ihrem Idol, dem Sänger Ted Herold, auftreiben.

Der Mauerbau veränderte sein Leben

Mit dem Mauerbau am 13. August 1961 war plötzlich Schluss mit diesem Doppelleben. Der Autoschlosserlehrling Gartenschläger sah Rot, zog los und pinselte Sprüche wie „Macht das Tor auf“ und „Nazis und Kommunisten raus!“ an Scheunentore und Wartehäuschen in Strausberg. „Wir mussten was tun, das mit den Parolen reichte uns nicht“, erklärte er später. In Berlin hatten Protestierende im zentralen Viehhof und in der Humboldt-Universität Feuer gelegt. Die Strausberger Clique wollte auch „ein Feuerzeichen setzen“ und steckte eine frei stehende LPG-Scheune in Brand. Niemand wurde verletzt.

Gericht verurteilt Gartenschläger zu lebenslanger Haft

In einem inszenierten Schauprozess im Kulturhaus der NVA forderte ein Staatsanwalt mit Nazi-Vergangenheit für Gartenschläger und seinen Freund Gerd Resang die Todesstrafe. Da beide noch keine 18 waren, verurteilte sie das Gericht dann rechtskräftig zu lebenslänglich. Zunächst wurden sie in die Jugendvollzugsanstalt Torgau gebracht, später ins Zuchthaus nach Brandenburg.

Eine der ersten Protestaktionen Gartenschlägers – gegen den Mauerbau. Quelle: BStU

„Ich erkannte, dass mein Widerstand zwar richtig, aber das Anzünden der Scheune ein Fehler war… denn es war zugleich ein Akt der Gewalt“, notiert Gartenschläger nach seiner Freilassung, die aber erst nach zehn Jahren Zuchthaus erfolgte.

Bundesregierung kaufte ihn frei

Nach massiven Protesten durch Amnesty International ließ ihn die DDR 1971 frei, was hieß, er konnte vom Westen freigekauft werden. Von 1963 bis 1989 überwies die Bundesregierung für insgesamt 33 755 politische DDR-Häftlinge dreieinhalb Milliarden Deutsche Mark an die stets devisenklamme DDR, schreibt Freya Klier in dem kurzen biografischen Abriss „Michael Gartenschläger. Kampf gegen Mauer und Stacheldraht“.

Eine Schlagzeile aus dem Prozess über Gartenschläger und seine Mitstreiter Quelle: Archiv Lienicke

Allein, wie der Häftling Gartenschläger unter Mördern und Schwerverbrechern das Zuchthaus charaktervoll durchgestanden hat, nötigt höchste Bewunderung ab. Nur alle Vierteljahre durfte er eine halbe Stunde Besuch empfangen. Sein Vater und seine Mutter starben in diesen Jahren.

Zweimal versuchte er den Ausbruch

Während sich die 20 Mitgefangenen in der Zelle mit Glücksspielen die Zeit vertreiben, las Gartenschläger Bücher aus der Gefängnisbibliothek. Er gewöhnte sich das Rauchen ab, um weniger erpressbar zu sein und heckte zwei einfallsreiche Ausbruchsversuche aus, die aber scheiterten. Wiederholt landete er für Wochen im verschärften Arrest, in einer dunklen, eisig kalten Kellerzelle ohne Mobiliar. Diese Strafe nahm er auch in Kauf, wenn er in Politstunden auf der Meinung beharrte, dass es den Arbeitern in der Bundesrepublik besser gehe als denen in der DDR.

1969 soll ihn dann ein ganzes Jahr Isolationshaft mit täglich nur 300 Gramm Brot zermürben. Bei einem Hofgang gelingt es ihm, auf einen 50 Meter hohen Schornstein zu klettern. Mit einem Ziegelstein ritzt er das Wort Hunger ins Mauerwerk. Passanten sehen das und werfen Essen über die Mauer.

Verdoppelung der Brotration für alle Häftlinge

Er verhandelt von oben mit der Gefängnisleitung und erreicht eine Verdoppelung der Brotration und das Ende der Totalisolation - wohlgemerkt für alle Häftlinge. „Bis zu einer Wiedervereinigung zu einem sozialen Rechtsstaat wird noch einige Zeit vergehen“, schreibt er 1970 in einem Brief an seine Schwester, den die Gefängnisleitung deshalb einkassiert. Am 26. Mai 1971 wird Gartenschläger mit einem Magengeschwür und 29 anderen politischen Gefangenen ins Aufnahmelager nach Gießen gefahren.

Er ist jetzt 27 und genießt jede Tür, die sich öffnen lässt und jede Grenze, die er mit dem Auto passieren kann. Er reist viel, doch das Erlebnis der Freiheit erinnert ihn nur an das Eingesperrtsein in der DDR und die ihm geraubte Jugend.

Tankstelle mit Autowerkstatt

Er wird ein tatkräftiger Unternehmer, pachtet am Stadtrand von Hamburg 1974 eine Tankstelle und erweitert sie um eine Autowerkstatt. Wenn er mit dem Hund in den Wald geht, steckt er eine Tüte ein, um auch herumliegenden Müll aufzulesen. Die Haft hat aus ihm einen nervenstarken, zupackenden, abgebrühten, getriebenen und wagemutigen Mann gemacht. Der Schlosser im Blaumann verfällt nie in Selbstmitleid, es geht ihm immer darum, anderen zu helfen.

Zum Beispiel alten Haftkameraden, die gegen ihren Willen in die DDR entlassen wurden. Gartenschläger wird Fluchthelfer, nutzte das gerade abgeschlossene Transitabkommen und lässt sie auf dem Weg von Westberlin nach Hamburg in den Kofferraum seines Autos steigen. Insgesamt soll er an der Flucht von 31 Menschen beteiligt gewesen sein.

„Hatte man die Kontrollstelle hinter sich, wurde man von einem unbeschreiblichen Glücksgefühl erfasst! Das war ein rauschartiger Zustand, der die durchlebten Anspannungen und Ängste sofort vergessen machte“, erzählte später sein Freund Lothar Lienicke, der ebenfalls als politischer Gefangener in der DDR eingesessen hatte und Gartenschläger bei seinen Aktionen bis zu seinem jähen Tod zur Hand ging.

Letzte Fluchthilfe wird zum Desaster

Als Zeitzeuge brachte Lienicke mit einem Journalisten 2001 das Buch „Todesautomatik“ heraus. Darin stellt er auch ausführlich dar, wie Gartenschlägers letzte Fluchthilfe 1973 von Rumänien nach Jugoslawien zum Desaster wird. Durch Spitzel wussten die Grenzer, dass sich unter dem Tank im Auto ein Pfarrerssohn versteckt hielt. Sie wollten den authentischen Fall für einen Lehrfilm dokumentieren.

Für die Kamera sollte Gartenschläger noch einmal an die Schranke fahren. Was machte er? Er trat das Gaspedal durch und durchbrach die Grenze. Nach einer wilden Flucht zu Fuß wurde er in Jugoslawien gefasst, verstand es dann aber, das Zellenschloss von innen mit einem Löffel zu öffnen. An der Grenze zu Italien wird er abermals festgenommen und schließlich abgeschoben, nachdem er sich wortreich als Tourist ausgab, dessen Pass gestohlen wurde.

Gartenschläger und die Selbstschussanlagen

1976 gelingt dem ihm dann ein Husarenstück, das die DDR auf internationaler Bühne in Misskredit bringt. Mitte des Jahres hatten die Grenztruppen bereits 200 Kilometer mit 26 000 Selbstschussanlagen bestückt. Wer bei einem Fluchtversuch die gespannten Drähte berührte, brachte unwillkürlich die Splitterminen „SM-70“ zur Detonation. Mehr als hundert scharfkantige, gezackte Metallsplitter zerstörten Tiere wie Menschen in einer Reichweite von 25 Metern.

DDR-Außenminister Oskar Fischer hatte erklärt, die insektenartigen Geräte seien nur „der Abschreckung dienende Attrappen“. Sein Staat buhlte um internationale Anerkennung und hatte deshalb 1975 die Menschenrechtserklärung von Helsinki unterzeichnet.

Keiner wusste, wie die Tötungsmaschinen genau funktionieren. Tollkühn machten sich Gartenschläger und Lienicke am 1. April 1976 auf eigene Faust an die Arbeit und demontierten so ein Ding.

Erschossen von Scharfschützen

Auch im Westen, wo die sozialdemokratische Entspannungspolitik in Richtung Anerkennung der DDR zielte, sah man den Beweis, den er erbrachte, nicht gern. Obendrein leitete die Staatsanwaltschaft Lübeck gegen Gartenschläger ein Ermittlungsverfahren „wegen des Verdachts der Sachbeschädigung oder Diebstahls und eines Verstoßes gegen das Waffengesetz“ ein. In der DDR war von „Beschädigung von Volkseigentum“ und „Notwehr gegen Grenzterroristen“ die Rede.

Vier DDR-Scharfschützen erschossen Gartenschläger. Quelle: BStU

Im Gefühl des Triumphes unterschätzte Gartenschläger seinen Gegner. Als er am 30. April 1976 bei Bröthen (Schleswig-Holstein) einen dritten Selbstschussautomaten demontieren wollte, erwarteten ihn auf bundesdeutschem Gebiet vier Scharfschützen der Staatssicherheit aus einer Kompanie in Schulzendorf (damals Kreis Königs Wusterhausen). Der 32-Jährige stirbt, von Kugeln durchsiebt. Sieben Jahre später beginnt die DDR, die 71 000 SM-70-Minen auf der 447 Kilometer langen Grenze abzubauen. Sie erfüllt damit die Bedingung von CSU-Chef Franz Josef Strauß für einen Milliarden-Kredit.

Ein Opfer des Kalten Krieges

Michael Gartenschläger war ein vom Arbeiter- und Bauernstaat traumatisierter Arbeiterjunge und ein echtes Opfer des Kalten Krieges. Als forscher, ungebrochener Selfmade-Man, der noch eine Rechnung offen hatte, war er sicher kein Heiliger, sondern ein Kämpfer, der sich die Finger auch schmutzig machte. Dass Gartenschläger auch eine Pistole besaß und dass er einem seiner Mitstreiter eine Abhörwanze an die Gardine heftete, weil er ihn als Stasi-Informant im Verdacht hatte, mag heute irritieren.

Alte NVA-Seilschaften in Strausberg haben wiederholt behauptet, er habe nur aus Geldgier gehandelt oder Neonazis unterstützt. Das Gegenteil aber ist der Fall. Gartenschläger konnte sich mit Ungerechtigkeit und Unterdrückung nicht abfinden und sehnte sich nach einem demokratischen Deutschland. Wer seinen Charakter und seine Tatkraft schätzt, erkennt in ihm einen Robin Hood oder Karl Stülpner der deutschen Teilung.

Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis in seiner Brandenburger Heimat auch eine Straße nach Michael Gartenschläger benannt wird. Eine Initiative in seiner Geburtsstadt Strausberg wurde vor einigen Jahren von der Mehrheit der Stadtverordneten abgelehnt.

Von Karim Saab

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