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Politik „Manches hat mich wütend gemacht“
Nachrichten Politik „Manches hat mich wütend gemacht“
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05:03 18.09.2018
Ali Can, Initiator der Aktion #metwo. Quelle: HC Plambeck
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Herr Can, Sie haben im Sommer die #MeTwo-Kampagne im Internet initiiert, Tausende Menschen mit Migrationshintergrund haben unter diesem Schlagwort ihre Diskriminierungserfahrungen geschildert. Ist tatsächlich diskriminiert, wer sich diskriminiert fühlt? Ist das Gefühl ein hinreichendes Kriterium?

Can: Zehntausende haben über ihre eigenen, eindeutigen Diskriminierungserfahrungen geschrieben. Rassismus ist nun besprechbar. Zuhören ist erst mal das Wichtigste. Nun können wir im Austausch miteinander erörtern, wo und ob Diskriminierung vorliegt, etwa wenn ein Deutscher mit Migrationsgeschichte gefragt wird, wo er denn eigentlich herkomme. Die #MeTwo-Beiträge – und die Reaktionen darauf – bieten eine Grundlage, um über den Stand der Integration und Streitkultur im Land zu sprechen.

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Frau Staatsministerin, hat Sie die #MeTwo-Debatte Neues gelehrt?

Widmann-Mauz: Manches hat mich richtig wütend gemacht. Wichtig ist jetzt den Moment zu nutzen, um Alltagsrassismus in allen Bereichen unserer Gesellschaft wirkungsvoll etwas entgegenzusetzen. Das gilt zum Beispiel für die Schule, den Arbeitsplatz, den Wohnungsmarkt. Zum Auftakt habe ich Ali Can und andere Experten zu einem Austausch ins Kanzleramt eingeladen. Und diesen Austausch werden wir fortsetzen, denn wir haben noch einen langen Weg vor uns.

Welche Konsequenzen erhoffen Sie sich?

Can: Noch läuft die Auswertung der Tweets, aber so viel lässt sich schon sagen: Im Bereich Schule ist noch viel zu tun, hier werden besonders oft Diskriminierungserfahrungen gemacht. Ein Anfang wäre es, wenn Schulen Kindern und Jugendlichen Raum für Gespräche böten; wenn die Schüler die Möglichkeit erhielten, über Diskriminierungserfahrungen reden zu können. Reden schafft Bewusstsein und ist die Voraussetzung zur Überwindung von Problemen, weswegen die Gespräche institutionalisiert werden müssen.

Widmann-Mauz: Wichtig ist, dass Schulen eine neutrale Anlaufstelle haben, an die sich Schülerinnen und Schüler im Konfliktfall wenden können. Und wir müssen Lehrerinnen und Lehrern den Rücken stärken, mit solchen Konflikten umzugehen. Interkulturelle Kompetenz muss schon in der Lehrerausbildung einen festen Platz haben. Das hilft, auch unbewusste Diskriminierung frühzeitig zu erkennen. Und natürlich geht es auch um mehr Vielfalt in den Lehrerkollegien.

Bei der Vorstellung des „Integrationsbarometers 2018“ haben Sie neulich den Satz gesagt: „Das Alltagsklima der Integration ist deutlich besser als die öffentliche Debatte.“ Wie erklären Sie sich diesen Unterschied?

Widmann-Mauz: Das Integrationsbarometer verschweigt Probleme nicht. Es zeigt aber, dass die weit überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Migration positiv gegenübersteht, besonders dort, wo es direkte Kontakte im Alltag gibt. Denn diese Begegnung trägt dazu bei, Pauschalurteile zu widerlegen. Die Schule ist ein solcher Ort der Begegnung. Deshalb müssen wir die Schulen stark machen.

Welchen Anteil hat die Politik am oft schroffen Ton in der Debatte?

Can: Zehntausende Menschen, die mit #MeTwo ihre Diskriminierungserfahrungen veröffentlicht haben, hätten sich gewünscht, dass Innenminister Seehofer sich einschaltet, solidarisiert und eindeutig gegen Rassismus äußert. Sätze wie der, wonach die Migrationsfrage die Mutter aller Probleme sei, verprellen Menschen mit Migrationsgeschichte. Wir brauchen ein neues Verständnis von Heimat. Der Heimatminister muss sich auch um die Heimatgefühle der Einwanderer kümmern. Er muss auch uns ansprechen und einbinden. Schließlich können Menschen mit Migrationsgeschichte den neu gekommenen Flüchtlingen am besten bei der Integration helfen. Sie wissen am besten um die Hürden in der Anfangszeit und können Brücken bauen. Wenn ausgerechnet diese Menschen von der Politik verstoßen werden und sich abwenden, habe ich die große Sorge, dass aus der Flüchtlingskrise eine Integrationskrise wird.

Widmann-Mauz: Zugehörigkeitsgefühl und Zusammenhalt sind für mich wesentliche Grundlagen für gutes Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Was dem dient, müssen wir unterstützen.

Auch viele Ostdeutsche fühlen sich als Bürger zweiter Klasse. Müssen die auch integriert werden und sehen Sie sich dafür zuständig?

Widmann-Mauz: Der Zusammenhalt in unserem Land ist keine Frage der Himmelsrichtung. Wir müssen subjektive Empfindungen und Erfahrungen ernst nehmen. Für Diskriminierung und Rassismus gibt es nie eine Entschuldigung.

Von Marina Kormbaki / RND