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Politik Die Hysterie lässt am geistigen Zustand der Republik zweifeln
Nachrichten Politik Die Hysterie lässt am geistigen Zustand der Republik zweifeln
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16:49 04.03.2019
Annegret Kramp-Karrenbauer vor dem Stockacher Narrengericht.
Annegret Kramp-Karrenbauer vor dem Stockacher Narrengericht. Quelle: Patrick Seeger/dpa
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Berlin

Innerhalb einer Woche debattiert Deutschland nun tatsächlich zweimal: über eine Büttenrede. Zunächst machte sich der Komiker Bernd Stelter über Doppelnamen lustig, woraufhin eine Doppelnamenträgerin die Bühne stürmte. Dann kalauerte CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer wenig geschmackssicher vor sich hin.

Abermals ging es – und nicht ganz zufällig – um das Verhältnis der Geschlechter, genauer: um das dritte Geschlecht und ob Männer im Sitzen oder im Stehen pinkeln. Doch auch wenn die Pointe von Betroffenen als Diskriminierung wahrgenommen wurde und kritikwürdig war: Die anschließende Streiterei, gesteigert bis zur Hysterie, lässt am geistigen Zustand der Republik zweifeln.

Meist spiegeln Witze eine Grundhaltung wieder

Karneval ist stets das Refugium schmutziger und schlechter Witze. Und da, wo sie gemacht werden, sind jene nicht weit, die die Kosten zu tragen haben. Meist spiegeln Witze auch die Grundhaltung dessen wider, der sie zum Besten gibt. Insofern wundert es nicht, dass die Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Union vermutlich absichtsvoll ein Thema aufs Korn nahm, das Linksliberale betrifft.

Aber: Was soll‘s! So war es in der fünften Jahreszeit immer. Auch war Humor immer eher ein Mittel, um Konflikte abzufedern, statt sie anzufachen. Ja, er kann Schweres in Leichtes verwandeln, damit es für den Lachenden wie für den Ausgelachten verdaulich wird. Wer jeden schlechten Scherz zum Nennwert nimmt, der vernichtet die gesellschaftlich friedensstiftende Wirkung, die das Humoristische für alle haben kann.

1968 soll abgewickelt werden

Unabhängig davon ist der Aufschrei über Kramp-Karrenbauers Auftritt bloß zu verstehen vor dem Hintergrund eines Kulturkampfes von rechts. Weltweit und in Deutschland gibt es zu viele Leute, die die liberalen Errungenschaften der 68er- und seiner Nachfolgebewegungen zurück drehen wollen. Das bildet sich bei uns nicht allein in der Repräsentanz der AfD im Bundestag ab, sondern unter anderem im Rechtsschwenk zahlloser Intellektueller. Diese Rückkehr des nationalen Autoritarismus ist beängstigend und die zentrale Erklärung für die irritierende Nervosität des öffentlichen Diskurses.

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Dennoch müssen sich nicht zuletzt die Linksliberalen fragen, wie erst Auseinandersetzungen aus wirklich wichtigen Anlässen aussehen sollen, wenn schon Auseinandersetzungen über Karnevalssitzungen mit einer derartigen Feindseligkeit geführt werden. Überdies müssen sich die Linksliberalen fragen, was jenseits ihrer selbst noch verstanden wird. Der Aufruhr darüber, was die Mehrheit für Nichtigkeiten halten dürfte, zahlt letztlich bei den falschen Leuten ein.

Wenn wir im öffentlichen Raum jetzt täglich zu hyperventilieren beginnen und in jeder Kleinigkeit einen Skandal wittern, dann wird dieser öffentliche Raum bald nicht mehr ernst zu nehmen sein. Oder er wird zum Hexenkessel, in den sich niemand mehr traut, der noch ganz bei Trost ist.

Von Markus Decker/RND