Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Politik „Sea Watch 3“-Kapitänin: „Wenn Vertrauen in Crew verloren geht, sitzen wir auf Pulverfass“
Nachrichten Politik „Sea Watch 3“-Kapitänin: „Wenn Vertrauen in Crew verloren geht, sitzen wir auf Pulverfass“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:01 28.06.2019
Carola Rackete wartet vor Lampedusa daruf, dass die rund 40 Geretteten an Land gehen dürfen. Quelle: dpa
Berlin

Am Mittwoch ist Kapitänin Carola Rackete mit rund 40 Geflüchteten auf der „Sea Watch 3“ in italienische Gewässer gefahren. In Lampedusa hofft sie, die Geretteten an Land gehen zu lassen. Das lassen die italienischen Behörden bisher nicht zu. Am Freitag haben sie Ermittlungen gegen Rackete aufgenommen. Im Interview, das schriftlich geführt wurde, spricht die Kapitänin über die Lage auf dem Schiff.

Frau Rackete, die italienischen Behörden haben gerade Ermittlungen gegen Sie eingeleitet. Hatten Sie damit gerechnet?

Das war erwartbar, wir waren uns dessen bewusst und im Gegensatz zum italienischen Innenminister Matteo Salvini, der sich strafrechtlichen Ermittlungen wegen Freiheitsberaubung immer wieder durch seine Immunität entzogen hat, bin ich bereit, die Konsequenzen dafür zu tragen die in der italienischen Verfassung verankerten Grundrechte durchzusetzen."

Wie ist die Situation der Geretteten an Bord?

Noch sind wir nicht an Land. Gerade letzte Nacht wurde erneut ein junger Mann unter schweren Schmerzen als medizinischer Notfall evakuiert. Die Situation ist weiterhin auf Messers Schneide. Viele unserer Gäste wurden in Libyen gefoltert, nur mit Glück konnten sie der unmenschlichen Inhaftierung in den dortigen Lagern entkommen. Jetzt sind sie wieder in einer Situation der Ungewissheit und wieder sind sie eingesperrt auf engem Raum. Daran ändert sich auch mit der näheren Distanz zum Ufer wenig. Im Gegenteil: Es ist nur noch deutlicher, wie nah und gleichzeitig unerreichbar Europa ist.

Mehr lesen: Sie riskiert hohe Geldstrafe im Einsatz für Flüchtlinge: Wer ist Carola Rackete?

Können die rund 40 Menschen bald an Land gehen?

Wie es weitergeht, wenn die Menschen an Land sind, ob sie umverteilt werden oder in Italien bleiben, das hängt von der EU-Politik ab. Mit einem menschlichen Umgang, mit Selbstbestimmung und ehrlicher Solidarität wird das aber erfahrungsgemäß wenig zu tun haben.

Sie waren über zwei Wochen mit den Menschen auf See. Wie geht man in dieser Zeit mit den Geretteten um?

In dieser Situation besteht die Herausforderung vor allem anderen darin, das Vertrauensverhältnis zwischen Crew und Geretteten aufrecht zu erhalten. Auch wenn wir uns so gut wie möglich kümmern, müssen wir ihnen täglich die gleiche Geschichte servieren: Dass wir sie bald in Sicherheit bringen, aber selber noch nicht wissen wann und wie. Nach über zwei Wochen wird diese Geschichte irgendwann unglaubwürdig. Und wenn die Hoffnung und das Vertrauen in unsere Crew verloren gehen, dann sitzen wir hier auf einem Pulverfass. Soweit sollte es auf keinem Rettungsschiff je kommen, deshalb gibt es eigentlich internationale Konventionen, die vorschreiben, dass Gerettete schnellstmöglich am nächsten sicheren Ort angelandet werden sollen.

Italien hat seine Häfen für private Seenotrettungsorganisationen geschlossen. Wie läuft die Kooperation mit den Behörden?

„Sea Watch“ operiert mittlerweile seit vier Jahren hier im Mittelmeer. Einen Großteil dieser Zeit hat die Organisation dabei eng mit der Küstenwache und anderen Seenotrettungs-Stellen zusammengearbeitet. Wir merken, dass viele in diesen Behörden uns nach wie vor sehr wohlgesonnen sind. Auch für sie ist das eine neue und überfordernde Situation, dass auf einmal italienische Häfen geschlossen sein sollen. Insofern ist der Prozess grundlegend chaotisch. Bis vor kurzem gab es ja nicht mal eine Rechtsgrundlage. Salvini (stellvertretender Ministerpräsident in Italien, Anmerkung der Redaktion) hatte einfach auf Twitter behauptet, die Häfen seien geschlossen. Jetzt hat er ein Dekret erlassen, das uns tatsächlich mit hohen Geldstrafen und Beschlagnahmung des Schiffes droht. Ob das dann eintritt werden wir sehen.

Wie hat sich Ihre Arbeit dadurch verändert?

Was sich, entgegen jeder rechtlichen Regelung, bereits geändert hat, ist dass die Rettungsleitstelle in Rom und andere EU-Behörden jede Koordination unserer Einsätze verweigern. Noch härter als uns auf der „Sea Watch 3“ trifft das unsere Flugzeuge. Wir können ja selber retten, wenn wir im Einsatzgebiet sind. Die Flugzeuge informieren die Behörden und die weigern sich zu handeln – mit teilweise katastrophalen Folgen.

Befürchten Sie, dass die „Sea Watch’“ beschlagnahmt wird?

Aktuell liegt mein Fokus auf dem Wohl der Überlebenden hier an Bord, zudem bin ich auch für 22 Crewmitglieder verantwortlich. Für mich bleibt da nicht viel Zeit, mir über eine potenzielle Beschlagnahmung des Schiffes Gedanken zu machen. Natürlich steht das bei der aggressiven Rhetorik zu befürchten und jeder Tag an dem die „Sea Watch 3“ im Hafen liegt, ist einer, an dem mehr Menschen ertrinken können. Andererseits wurde das Schiff jetzt auch schon mehrfach kurzzeitig beschlagnahmt und konnte trotzdem relativ schnell zurück in den Einsatz. Und wenn das nicht möglich sein sollte, muss eben ein neues Schiff her. Wir werden nicht aufgeben und können dabei auf die Unterstützung Hunderttausender bauen, wie sich gerade in diesen Tagen auch zeigt.

Lesen Sie auch: “Sea-Watch“ ignoriert offenbar Verbot und fährt in italienische Gewässer

Von Manuel Behrens/RND

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Noch ist die Ursache des Absturzes zweier „Eurofighter“ offiziell nicht geklärt. Nach einem Medienbericht gehen die Bundeswehr-Ermittler nun aber offenbar von einem Pilotenfehler aus. Die Luftwaffen-Jets sollen jedenfalls demnächst wieder abheben.

28.06.2019

Was haben die Vorbereitungen für die inzwischen gestoppte Pkw-Maut gekostet? Das Bundesverkehrsministerium korrigiert nun seine bisherigen Angaben über die Personalkosten, die im laufenden Jahr angefallen sind. Von den Grünen kommt scharfe Kritik.

28.06.2019

Der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz hat ein Video des Neonazi-Netzwerks „Combat 18“ als echt eingestuft. Darin distanziert sich die Gruppe vom mutmaßlichen Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU), Stephan E. Der soll den Mord als Fehler bezeichnet haben.

28.06.2019