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Politik Flüchtlingslager in Nordsyrien: „Alle geben ihr Bestes, sind aber überfordert“
Nachrichten Politik Flüchtlingslager in Nordsyrien: „Alle geben ihr Bestes, sind aber überfordert“
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11:09 18.04.2019
Im Flüchtlingslager in Nordsyrien leben Zehntausende unter schwierigsten Umständen. Quelle: Kurdischer Roter Halbmond
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Dort leben vor allem Frauen und Kinder, die vor den Kämpfen um die letzten Bastionen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) flohen, bevor die Dschihadisten von einer internationalen Koalition unter maßgeblicher Beteiligung der kurdisch-arabischen Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) besiegt wurden.

Frau Starosta, wie sieht es jetzt in dem Flüchtlingscamp Al-Hol aus?

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Ich habe noch nie so viele mit Nikab oder völligem Gesichtsschleier bedeckte Frauen gesehen wie dort. Tausende Frauen. Das ist unheimlich und zeigt, wie sehr sie noch an der IS-Ideologie festhalten oder sich nicht trauen, davon abzurücken. Wir kamen dort an und standen vor einer Menge schwarz gekleideter Frauen, die sich zum Teil abwendeten und ihre Kinder wegzerrten, wenn sie uns Westler erblickten. Aber nach einer Weile gewöhnt man sich daran.

Anita Starosta von Medico International. Quelle: privat

Es gibt Berichte, wonach das Lager aus allen Nähten platzt.

Zurzeit leben im Al-Hol-Camp mehr als 73.000 Flüchtlinge, vor allem Frauen und Kinder, denn viele Männer sind in Gefangenschaft oder tot. Es ist das bei weitem größte von etwa zehn Lagern in Nordsyrien und total überfüllt. Vor der Befreiung der letzten IS-Bastion Baghus waren schon rund 20.000 Flüchtlinge vorwiegend aus dem Irak in dem Lager. Als der Angriff der Anti-IS-Koalition auf das letzte Stück des sogenannten Kalifats in Baghus begann, sind ab Mitte März weitere 50.000 Menschen nach Al-Hol gekommen, die zuvor teilweise jahrelang unter dem IS gelebt hatten.

Wie sind die Zustände im Lager?

Die Campverwaltung untersteht dem kurdischen Kanton Cizre und besteht aus Zelten des UN-Hilfswerks UNHCR. Das Lager liegt in einer leicht hügeligen, staubigen Gegend nahe Hasakah. Im März war es katastrophal, es fehlte an allem, die Leute mussten teilweise unter freiem Himmel schlafen. Die humanitäre Lage stabilisiert sich, aber die Helfer brauchen dringend finanzielle Unterstützung. Auch jetzt noch müssen viele Menschen in großen Gemeinschaftszelten übernachten. Aber die Lebensmittelversorgung ist gesichert. Es gibt Wassertanks sowie improvisierte Waschräume und Toiletten aus Wellblech.

Was macht Medico im Al-Hol-Lager?

Wir unterstützen den Kurdischen Roten Halbmond beim Bau eines Feldkrankenhauses, das ab einer Anzahl von 50.000 Menschen in einem Flüchtlingslager eigentlich Pflicht ist. Es wird 20 Betten für die Notversorgung haben. Die medizinische Betreuung funktioniert derzeit so gut wie eben möglich, aber wir haben viele Leute gesehen, die zu lange auf ihre Behandlung warten müssen, weil die Helfer nicht nachkommen. Schwere Fälle, zum Beispiel Verwundete, werden nach Hasakah in die Krankenhäuser gebracht, die auch völlig überlastet sind.

Welche Gesundheitsprobleme konnten Sie feststellen?

Wir haben viele Leute mit Knochenbrüchen und Wunden gesehen; sie kommen ja aus einem Kampfgebiet. Ein großes Problem ist die Mangelernährung der Kinder. Man sagte uns, seit März seien schon 200 Kinder gestorben, weil sie oft völlig unterernährt im Lager ankamen. Im IS-Kalifat gab es nichts mehr zu essen, die Leute lebten zuletzt in Erdhöhlen. Kinderkrankheiten sind häufig. Es gibt einen Container, in dem Frauen Kinder gebären, pro Woche kommen 20 bis 30 Kinder dort auf die Welt. Noch gibt es keine Seuchengefahr, aber wenn das Wetter richtig heiß wird, muss mit Durchfallerkrankungen und Schlimmerem gerechnet werden.

Welche internationalen Hilfsorganisationen sind außer Ihnen in Al-Hol tätig?

Wir haben das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, die Weltgesundheitsorganisation, das Welternährungsprogramm, das Internationale Rote Kreuz gesehen. Auch kleinere Hilfsorganisationen. Sie geben alle ihr Bestes, sind aber überfordert. Niemand hatte mit so vielen Flüchtlingen gerechnet. Eigentlich werden doppelt so viele Helfer benötigt, gerade auch für die Kranken. Das Lager hat ja die Größe einer Kleinstadt.

Ist es gefährlich für Helfer, sich in der Region zu bewegen?

Nicht sehr gefährlich. Wir waren mit Kollegen vom Kurdischen Roten Halbmond unterwegs, ohne Militärbegleitung. Aber man muss bedenken, dass die gesamte Gegend jahrelang vom IS beherrscht wurde. Im Dorf Al-Hol kann man noch das IS-Gefängnis angucken und den Hinrichtungsplatz, wo sie Gefangene geköpft haben. Dort habe ich viel SDF-Militär gesehen, im Lager passt ein kurdischer Sicherheitsdienst auf.

Nach den harten Kämpfen und vielen Toten auf Seite der SDF könnte man meinen, dass sie mit den IS-Leuten im Lager nicht sehr sanft umgehen.

Mich hat erstaunt, wie offen und menschlich die kurdischen Helfer mit den zum Teil hoch ideologisierten Leuten verfahren. Einmal saßen wir mit der Lagerleitung zusammen, als eine vollverschleierte Frau kam und sich beklagte, dass sie mit ihren 13 Kindern immer noch im Gemeinschaftszelt leben müsse. Die Helfer haben sie angehört und versucht zu beruhigen.

Hatten Sie Angst im Lager?

Anfangs war es unheimlich. Es wurde berichtet, dass IS-Frauen auch schon Steine auf die Wachleute geworfen haben. Trotzdem habe ich mich sicher gefühlt. Allerdings hatten wir auch keinen Zugang zu der Sektion des Camps, in der all jene Leute aus anderen Ländern, die sich dem IS angeschlossen haben, untergebracht sind. In dieser internationalen Sektion leben etwa 10.000 Menschen, darunter auch Deutsche, Schweden, Norweger, Engländer oder Holländer. Dieser Teil des Lagers ist stark gesichert, denn besonders die ausländischen IS-Anhängerinnen glauben noch an die Ideologie.

Konnten Sie mit anderen sprechen?

Es ist schwierig, Kontakt aufzunehmen, wenn man sich nicht in die Augen schauen kann. Aber nach einer Weile haben mich doch einige Frauen auf Englisch angesprochen. Eine Frau fragte, ob ich sie aus dem Lager holen könne, eine andere war verzweifelt, weil sie nicht wusste, wo ihr Mann war. Besonders krass: Im Lager sind viele Kinder, die unter dem IS groß wurden und radikalisiert sind. Auch vollverschleierte Mädchen von vielleicht sechs oder sieben Jahren. Die Manipulation durch den IS ist überall noch offensichtlich.

Aus anderen Lagern weiß man, dass es gefährlich sein kann, wenn dort Opfer auf Täter treffen.

Das ist richtig, es gibt im Lager bestimmt noch überzeugte IS-Leute. Die meisten Opfer des IS sind Jesiden, die deswegen auch nicht in das Al-Hol-Lager kommen, sondern in Orte, wo andere Jesiden leben. Wir waren auch in einer jesidischen Gemeinde und sprachen mit Menschen, die drei Jahre lang in IS-Gefangenschaft waren und jetzt befreit wurden. Es ist tragisch, dass viele jesidische Kinder vom IS indoktriniert wurden. Die Mädchen sprechen kaum noch die eigene Sprache, also Kurdisch, sondern nur Arabisch. Es geht jetzt darum, dass diese Leute nicht allein gelassen werden.

Was sagen die Verantwortlichen für das Lager – wie soll es dort weitergehen?

Die große Frage ist, was jenseits der humanitären Hilfe geschehen soll. Die Camp-Mitarbeiter sagen, die Indoktrinierung und Gehirnwäsche durch den IS sei bei vielen noch vorhanden, gerade bei den Kindern und Jugendlichen, die unter dem IS aufgewachsen sind. Dafür wird eine internationale Lösung gebraucht. Die kurdischen Strukturen reichen dafür nicht aus.

Was sollten Deutschland und die EU tun?

Sie sollten die humanitäre Hilfe weiter unterstützen, um die Ernährung und medizinische Versorgung zu gewährleisten. Vor allem aber sollten sie sich Gedanken über die Zukunft machen. Die Iraker in den Camps werden irgendwann in den Irak zurückkehren können, aber die anderen Flüchtlinge haben keine Perspektive. Man braucht dringend ein Verfahren, wie mit den radikalisierten Frauen und Kindern umgegangen wird, sonst wächst in den Lagern die nächste Generation von Terroristen heran. Die Kurden wollen, dass die europäischen Länder ihre Staatsangehörigen zurücknehmen, weil sie einfach nicht die Kapazitäten dafür haben. Bisher weigert sich aber z.B. die Bundesregierung in Berlin, Deutsche zurückzunehmen; sie schiebt vor, keine offizielle Vertretung in Syrien zu haben und erkennt die lokalen kurdischen Strukturen nicht als Ansprechpartner an. Außerdem fordern die Kurden ein internationales Tribunal in Nordsyrien, um die IS-Verbrechen juristisch aufzuarbeiten.

Von Frank Nordhausen/RND