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Politik Europas Schande: Das Lager Moria auf Lesbos
Nachrichten Politik Europas Schande: Das Lager Moria auf Lesbos
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08:00 19.11.2018
„Der Winter kommt mit Wind, Regen und Schnee – was soll dann aus den Menschen in den Zelten werden?“ Die Präfektin der Region Nördliche Ägäis hat die Regierung in Athen wegen Rechtsverstößen verklagt. Quelle: Thanassis Stavrakis/AP
Moria

Im Morgengrauen ist Aziz an einem Strand der Insel Lesbos angekommen, mit 16 anderen in einem Schlauchboot. Aziz sieht sich um. Seine Miene verrät gemischte Gefühle. „Europe!“, sagt er lachend und zeigt auf die Landschaft jenseits des Camps. „Europe good!“ Dann blickt Aziz auf die hohen Stahlgitterzäune und den Stacheldraht. Sein Gesichtsausdruck verfinstert sich: „Prison no good.“ Wie in einem Gefängnis fühlt sich Aziz.

Der 25-jährige Afghane wartet im Aufnahmelager Moria vor einem Bürocontainer auf seine Registrierung. Er weiß nicht, dass Monate vergehen werden, bis er aus diesem Gefängnis nach Europa entlassen wird. Wenn es überhaupt geschieht.

Kinder spielen zwischen dicht an dicht aufgestellten Wohncontainern. Überall liegt Abfall. Gleich neben dem Zaun, der das Camp umgibt, fließt ein Rinnsal aus Fäkalien zu Tal. Der Gestank ist für Neunankömmlinge kaum zu ertragen. Aber: „Du gewöhnst dich daran – wie an alles hier“, sagt Hakim. Er ist Mitte 30 und lebt nun schon vier Monate in Moria. Als Flüchtling aus Syrien hat er gute Aussichten auf politisches Asyl. Aber erst im Februar hat er seinen ersten Termin bei der Asylbehörde im Lager. Wie lange die Bearbeitung seines Antrags wohl dauern wird? Hakim zuckt die Schultern. „Manche warten hier schon über ein Jahr“, sagt der junge Mann. Er zeigt uns seine Behausung, einen Container mit sechs Betten. Zehn Personen teilen sich die zwölf Quadratmeter.

Wie ein Gefängnis“: Moria ist umgeben von Stahlgitterzäunen udn Stacheldraht. Quelle: Gerd Höhler

Von den fünf sogenannten Hotspots, den Erstaufnahmelagern auf den griechischen Inseln in der östlichen Ägäis, ist Moria auf Lesbos das größte – und das berüchtigtste. Das Camp ist für 3100 Personen ausgelegt; im September waren hier mehr als 8800 Migranten eingepfercht, heute sind es noch rund 7700.

Internationale Organisationen schlagen Alarm. Kumi Naidoo, Generalsekretär von Amnesty International, berichtete nach einem Besuch in Moria, er sei „sprachlos und schockiert“. Die Zustände in dem Lager „sind das Abscheulichste und Beschämendste, was ich je gesehen habe“. Georg Protopapas, Leiter der SOS-Kinderdörfer in Griechenland, sagt: „Das Camp ist ein Verstoß gegen die Menschenrechte. Kinder leben hier in ständiger Angst, ohne Schutz und unter katastrophalen hygienischen Bedingungen.“

Die UN-Flüchtlingsagentur UNHCR nennt die Zustände in Moria „fürchterlich“. Die UN-Inspektoren begegneten Schlangen und Ratten. „Abwässer und Fäkalien fließen offen durch das Lager“, heißt es in ihrem Bericht. Unter diesen Bedingungen leben in Moria auch schwangere Frauen und Babys.

An den Grenzen des Camps fließen die Abwässer in offenen Gräben. Quelle: Gerd Höhler

Neben dem überfüllten Camp gibt es in einem Olivenhain ein Zeltlager für etwa 3000 Menschen. Wenn es regnet, versinkt man auf den Trampelpfaden zwischen den Zelten im Schlamm. Moria ist schon schlimm. Aber das Zeltlager ist noch schlimmer. Manche Bewohner nennen es „die Hölle“.

Nach Einbruch der Dunkelheit haben die Gangs das Sagen, erzählt ein junger Afghane, der sich Deniz nennt: „Drogen, Prostitution, Vergewaltigungen, Diebstähle – hier gibt es nur das Gesetz der Gewalt.“ Fotografiert werden will er nicht – aus Angst vor Rache, wie er sagt.

Am meisten leiden die Kinder. Einen Kinderarzt gibt es nicht im Lager. Auf einem Feld gegenüber hat die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen eine kleine Kinderklinik aus Zelten, Containern und Transportern aufgebaut. Ein Generator sorgt für Strom. Zwei Kinderärzte und ein Team von Pflegern und Helfern arbeiten hier.

“Das Jüngste ist ständig krank, seit wir hier sind“: Huma, Wirtschaftswissenschaftlerin aus Kabul, will mit ihrem Mann und den drei Kindern nach Deutschland, zum Bruder. Quelle: Gerd Höhler

Huma sucht an diesem Vormittag in der Zeltklinik Hilfe für ihre zweijährige Tochter. Die 33-jährige Mutter lebt mit ihren drei Kindern und ihrem Mann seit zwei Monaten in Moria. „Vor allem das Jüngste ist ständig krank, seit wir hier sind“, sagt die Afghanin und versucht, das weinende Kind auf ihrem Arm zu beruhigen.

Huma hat in Kabul Wirtschaftswissenschaften studiert und spricht recht gut Englisch. Anfang 2017 floh die Familie vor den Taliban aus ihrer Heimat. Nach 18 Monaten in der Türkei kamen Huma und ihre Familie nach Lesbos. „Wir wollen nach Deutschland“, sagt sie, „dort lebt einer meiner Brüder.“

Die Kinderärztin Carola setzt das Stethoskop an und versucht zu ergründen, was der Zweijährigen fehlt. Bunte Abziehblumen an der grauen Blechwand des Containers, Stofftiere und Spielzeug sollen den kleinen Patienten die Angst nehmen. 30 kranke Kinder hat Carola an diesem Vormittag schon untersucht. Seit sechs Monaten ist sie auf Lesbos. Für die junge Ärztin aus Italien ist es der erste Auslandseinsatz mit Ärzte ohne Grenzen – „und dann gleich Moria“, sagt sie. „Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass Menschen in Europa unter diesen Bedingungen leben müssen.“ Umso engagierter ist sie bei der Sache.

„Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass Menschen in Europa unter diesen Bedingungen leben müssen“: Die italienische Kinderärztin Carola ist als Katastrophenärztin bei ihrem ersten Auslandsaufenthalt in Lesbos gelandet. Quelle: Gerd Höhler

„Eine Atemwegsinfektion“, sagt Carola, nachdem sie Humas Tochter untersucht hat. Das gehört zu den am häufigsten diagnostizierten Erkrankungen hier in Moria. „Wir können etwa 100 Patienten pro Tag betreuen, manchmal schaffen wir auch 120“, sagt die Ärztin, „aber der Andrang wird immer größer.“

Fast alle gesundheitlichen Pro­bleme haben mit den katastrophalen Bedingungen zu tun, unter denen die Kinder hier leben müssen. „Anfangs waren es vor allem Infekte und Hauterkrankungen, die wir behandeln mussten, aber je länger die Kinder im Lager zubringen, desto häufiger sind wir mit ernsten psychischen Problemen konfrontiert“, sagt Carola. „Die meisten Kinder sind ja schon durch den Krieg in ihrer Heimat und die Flucht schwer traumatisiert, und dann kommen die unmenschlichen Lebensbedingungen und die täglich erlebte Gewalt im Lager hinzu.“

Dieser Stress treibt manche Kinder in die Verzweiflung. „Wir sehen extreme Aggressivität, Selbstverletzungen und sogar Selbstmordversuche“, berichtet Carola. Einer ihrer Suizidpatienten ist ein gerade mal sieben Jahre alter Junge aus Syrien: „Erst hat er versucht, sich zu erhängen, dann ist er auf einen doppelstöckigen Wohncontainer geklettert und wollte sich hinunterstürzen.“ Was muss ein Siebenjähriger erlebt haben, dass er nicht mehr leben will?

Geflohen vor dem Krieg – aber in Europa wirklich in Sicherheit? Kinder im Lager auf Lesbos. Quelle: Petros Giannakouris/AP

Unter den Heranwachsenden entlädt sich die Frustration immer häufiger in sexueller Gewalt. Mindestens 21 Menschen sind nach Feststellungen von Ärzte ohne Grenzen allein seit Anfang Mai in und um Moria sexuell misshandelt worden. Die Organisation hat die Opfer in ihrer Klinik versorgt. Die Hälfte sei unter 18, zwei Opfer seien erst fünf Jahre alt gewesen. Der stellvertretende Lagerleiter Dimitris Vafeas spricht von „Fake News“, von Lügen: Bisher habe es erst einen Verdachtsfall einer Vergewaltigung gegeben, sagt Vafeas. Man habe die Lage „im Griff“.

Internationale Organisationen sehen das anders. UNHCR bezeichnet die Bedingungen in Moria als „katastrophal“ und stellt fest, dass sie sich „zusehends verschlechtern“. Erst unter dem massiven Druck der Öffentlichkeit hat der griechische Migrationsminister Dimitris Vitsas begonnen, Moria und die anderen Lager durch Umsiedlungen von Flüchtlingen aufs Festland zu entlasten. An der Überfüllung hat das wenig geändert. In den fünf Hotspots auf den ostägäischen Inseln, die eine Kapazität von 6438 Plätzen haben, leben fast 16 000 Menschen.

Für die Überfüllung trägt die Athener Regierung die Hauptverantwortung. Die Türkei-EU-Flüchtlingsvereinbarung sieht vor, dass Griechenland jeden neu ankommenden Syrer in die Türkei zurückschickt. Im Gegenzug nimmt die EU dafür einen anderen Syrer aus der Türkei auf. Aber Griechenland weigert sich, das umzusetzen: Seit Inkrafttreten des Abkommens im April 2016 wurden nicht einmal 1800 syrische Flüchtlinge zurückgeschickt. Allein seit Anfang 2017 kamen aber fast 51 000 Migranten aus der Türkei auf die Inseln.

„Das größte Problem sind die schleppenden Asylverfahren“, sagt Christiana Kalogirou. „Untragbar“ seien die Zustände in den Insellagern, klagt die Präfektin der Region Nördliche Ägäis. „Moria ist zweieinhalbmal überbelegt, das Lager auf Samos sogar fast achtmal.“ Diese Camps seien für einen vorübergehenden Aufenthalt von wenigen Wochen konzipiert, tatsächlich leben manche dort nun mehr als ein Jahr, kritisiert Kalogirou.

100 Anträge werden entschieden – 400 neue Flüchtlinge kommen an

Seit zwei Jahren fordert sie eine Beschleunigung der Asylverfahren. Denn nach dem Flüchtlingsabkommen müssen die ankommenden Migranten so lange auf den Inseln bleiben, bis über ihren Asylantrag entschieden ist. Doch die Verfahren dauern endlos, weil die griechische Asylbehörde zu wenige Mitarbeiter hat.

„Pro Woche werden auf Lesbos etwa 100 Anträge entschieden“, sagt Präfektin Kalogirou. Im Schnitt kommen in dieser Zeit aber fast 400 Neuankömmlinge auf die Insel. Die Warteliste wird also immer länger. Wer jetzt in Lesbos ankommt, muss auf den ersten Termin bei der Asylbehörde bis 2019 warten. Auf Samos müssen sich Antragsteller sogar bis September 2019 gedulden, bevor ihr Asylantrag überhaupt bearbeitet wird. Bis zu einer Entscheidung kann dann nochmals ein Jahr vergehen.

Die Präfektin verklagt den Migrationsminister

„Wir können Familien unter diesen Bedingungen nicht so lange festhalten“, sagt Kalogirou. Bewirkt haben ihre Appelle in Athen bisher wenig. Jetzt macht die resolute Politikerin Druck: In diesem Jahr hat ihre Behörde gegen das Migrationsministerium in Athen wegen Verstößen gegen Umweltschutz- und Hygienebestimmungen bereits Bußgelder von 150 000 Euro verhängt.

Erst als Kalogirou mit der Schließung des Lagers drohte, gab Minister Vitsas den Bau einer neuen Abwasserleitung in Auftrag. Sie soll im Mai fertig sein. Und bis dahin? Kalogirou hat große Sorge: „Der Winter kommt mit Wind, Regen und Schnee – was soll dann aus den Menschen in den Zelten werden?“

Tufan und Enis jedenfalls müssen den Winter nicht in Moria verbringen. Sie stehen an diesem Novemberabend an der Reling der Fähre „Diagoras“, als das Schiff in Mytilini ablegt. „Leinen los“, kommt das Kommando von der Brücke. Ratternd schließt sich die Laderampe. Weiß schäumt das Wasser gegen die Kaimauer, als sich die Schrauben drehen.

Es geht nach Piräus. Die beiden jungen Syrer zeichnen die Abfahrt mit ihren Handys auf. Sie sind überglücklich. Nach fast zwei Jahren in Moria haben sie das begehrte Asyl bekommen. Stolz zeigt Tufan das Papier: „Jetzt beginnt endlich unser neues Leben.“

Von Gerd Höhler

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