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Politik „Die Inkompetenz macht einem Angst“ – Warum diese Erstwählerin grün wählte
Nachrichten Politik „Die Inkompetenz macht einem Angst“ – Warum diese Erstwählerin grün wählte
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19:41 27.05.2019
„Es nervt, dass nichts passiert“: Erstwählerin Leonie Trzeba (18). Quelle: privat
Hannover

Mehr als jeder dritte Erstwähler hat bei der Europawahl die Grünen gewählt. Die CDU kam auf elf Prozent, die SPD gar nur auf sieben. Was treibt junge Wähler um? Gab es einen Rezo-Effekt? Und was hat sie den Volksparteien CDU und SPD vorzuwerfen? Ein Gespräch mit Leonie Trzeba (18), Schülerin einer elften Klasse in Wunstorf bei Hannover. Die Europawahl war ihre erste Wahl.

Frau Trzeba, am Wahlabend haben Sie getwittert: „Ich bin Erstwählerin und bin es so satt, mein Politikverständnis abgesprochen zu bekommen!“ Was hat Sie so aufgeregt?

Das kam im Wahlkampf aus sehr vielen verschiedenen Richtungen, zum Beispiel von Christian Lindner von der FDP, der meinte, man solle den Klimaschutz doch „den Experten“ überlassen. Das hat mich schon aufgeregt. Ich bin zu den „Fridays for Future“-Demos gegangen, ich habe mich sehr viel mit dem Thema beschäftigt. Ich sehe nicht ein, warum nicht auch junge Menschen sehr gut über den Klimaschutz Bescheid wissen könnten. Es kam aber genauso auch von der CDU, die in der Diskussion um die Reform des Urheberrechts sagte, wir seien alle Bots. Und auch nach der Wahl habe ich bei Twitter von vielen CDU-Politikern Dinge gelesen wie „Wenn ihr älter seid, werdet ihr es besser wissen und CDU wählen“.

Das heißt, der Unmut vieler Jüngerer ist auch älter als das viel diskutierte Video des Youtubers Rezo?

Das Video war ja nur ein Symptom unseres Ärgers. Dass sich so viele Jüngere politisieren, geschah vor allem im letzten halben Jahr, mit den Protesten gegen Artikel 13 des geplanten Urheberrechts, mit den „Fridays for Future“-Demos. Das gipfelte dann im Rezo-Video.

„Viele Politiker wissen beim Thema Digitalisierung nicht, wovon sie reden“

Wie fühlen Sie sich angesichts des Umgangs der Politik mit diesen Themen, die vielen Jüngeren so wichtig sind: Klimawandel und Digitalisierung etwa?

Man hat bei der Digitalisierung sehr stark das Gefühl, dass viele Politiker gar nicht wissen, wovon sie reden. Das wirkt, als ob sie sich nicht viel mit dem Internet beschäftigen. Da ist einfach die Kompetenz nicht da. Und das macht einem Angst: Diejenigen, die uns regieren, wissen gar nicht, was sie tun.

Und beim Klimawandel?

Da geht es viel um die Kohleindustrie. Wenn zum Beispiel die CDU meint: Wir machen jetzt zum Klimawandel einen Kompromiss mit dem Kohleausstieg 2038, damit die Kohlelobby zufrieden ist – dann ist das laut der Wissenschaft immer noch viel zu spät. Man kriegt als junger Wähler wirklich das Gefühl: Die sind teilweise inkompetent, die denken nur ans Geld und die nehmen diese Themen und die Proteste nicht ernst. Stattdessen machen sie Politik für diejenigen, die älter sind und Geld haben. Und die mittlerweile in der Mehrheit sind.

Es war ihre allererste Wahl?

Meine allererste Wahl.

Die Grünen haben auf Augenhöhe mit uns gesprochen

Sie gehören zu den 36 Prozent der deutschen Erstwähler, die bei der Europawahl die Grünen gewählt haben. Was hat Sie überzeugt?

Die Grünen haben auf Augenhöhe mit den jungen Wählern gesprochen, das hat mich angesprochen. Sie haben eben nicht gesagt: Wir wissen alles besser. Sie haben gefragt: Was wollt ihr denn? Und sie haben sich deutlich gegen die AfD und gegen Homophobie geäußert. Dass sich die Grünen für den Klimaschutz einsetzen, war klar, es sind ja die Grünen, aber das war natürlich auch entscheidend.

Es gibt keine Wahlpflicht. Warum haben Sie gewählt?

Wenn man etwas verändern will, muss man auch wählen gehen. Sonst darf man sich nicht beschweren, dass es nicht so läuft, wie man das gerne hätte. Und wenn man jetzt sieht, dass Politiker nicht wissen, wovon sie reden, oder sich zu sehr von Lobbys beeinflussen lassen, dann hat man bei Wahlen die Gelegenheit, mitzubestimmen, wer künftig mehr Einfluss haben sollte, weil er sich zum Beispiel auch für die Interessen jüngerer Wähler einsetzt. Und das Gefühl hatte ich halt bei den Grünen.

Ein häufiger Vorwurf an junge Demonstranten ist: „Die sollen sich mal lieber in der Politik engagieren, statt nur Slogans zu verbreiten“ – wie sehen Sie das?

Ich finde es falsch, das als Vorwurf zu formulieren! Die Aufforderung, sich zu engagieren, ist ja richtig: Geht in die Parteien, versucht, das politische System von innen heraus zu verändern. Aber man hat immer das Gefühl: Wenn jemand Jüngeres dann tatsächlich in die Politik geht, sagen die Erwachsenen: Ja, engagiert euch gern politisch, aber bitte nicht so. Macht es im Sinne unserer Politik und unserer Ziele.

„Es nervt, dass nichts passiert“

Haben Sie das Gefühl, dass die Jüngeren und die Älteren unterschiedliche Ansprüche an die Politik haben?

Wenn ich von den „Jüngeren“ spreche, meine ich gar nicht unbedingt Erstwähler oder Unter-30-Jährige. Tatsächlich würde ich schon fast die Unter-50-Jährigen als die „Jüngeren“ bezeichnen. Ich glaube schon, dass die Prioritäten andere sind. Bei den Jüngeren sind die Enttäuschung und der Frust über die alten Volksparteien größer – dort ist die Wechselbereitschaft auch höher. Und die Älteren wollen eher die konservativeren Prinzipien vertreten sehen und ihren Wohlstand sichern. Da geht es auch um Geld. Denn natürlich kostet es etwas, wenn die Grünen mehr Klimaschutz und mehr soziale Umverteilung anstreben. Und die Älteren wollen sicher gern ihr Geld schützen.

Was frustriert Sie denn am politischen Betrieb insgesamt?

Es nervt, dass nichts passiert. Wir sagen seit Jahren, dass sich etwas verändern muss. Wir brauchen mehr Klimaschutz, die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter, wir erleben einen Rechtsruck – und die Große Koalition sitzt da und sagt: Ja, das sind alles ernstzunehmende Probleme. Und es passiert: nichts. Wir haben das Gefühl: Es braucht einen Wechsel. Ich zum Beispiel kann mich an keine Zeit erinnern, in der Angela Merkel nicht Kanzlerin war. Die CDU war immer an der Regierung, und ich habe das Gefühl, es muss sich politisch etwas ändern, bevor sich die aktuellen Probleme lösen lassen.

„Die Kommunikation über das Internet ist sehr ungeschickt“

Fühlen Sie sich von den Parteien denn auf die passende Weise angesprochen und ausreichend darüber informiert, wofür sie stehen?

Bei vielen Partien, weiß ich gar nicht, ob ich als Erstwählerin überhaupt angesprochen werde. Von den kleineren Parteien bekommt man oft Werbung bei Instagram oder landet auf deren Webseite. Aber die großen Parteien betreiben gar nicht so viel Wahlkampf online, wie man bräuchte, um sich ausreichend informieren zu können.

Wo informieren Sie sich denn über Politik?

Vor allem über die Webseiten von verschiedenen Zeitungen. Und von der Bundeszentrale für Politische Bildung gab es bei Youtube allgemeine Videos darüber, wie man wählen geht und was die Parteien wollen. Aber gerade von der CDU und der FDP ist die Kommunikation über das Internet sehr ungeschickt. Zum Beispiel bei der Reaktion auf das Rezo-Video. Da kamen Argumente wie: Man könne den nicht ernst nehmen, denn er verfolge ja kommerzielle Interessen. Da fehlt schon mal das komplette Verständnis dafür, wie Menschen auf Youtube Geld verdienen.

„Die Politisierung reißt nicht ab“

Er hatte die Werbefunktion bei seinem Polit-Video ausgeschaltet.

Oder man sagte: Der hat ja blaue Haare! Ich weiß, ehrlich gesagt nicht, was die Digitalstrategie von FDP und CDU ist. Denn das wird junge Wähler jetzt auch nicht gerade überzeugen, sondern immer mehr abschrecken. Oder die ungeschickte Geschichte mit dem Antwortvideo des Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor, das dann nicht kam…

Glauben Sie, dass die Politisierung der Jüngeren, die wir gerade erleben, Bestand haben wird? Oder schläft das wieder ein?

Ich glaube schon, dass das Bestand haben wird. Das habe ich auch gerade am Freitag auf der „Fridays for Future“-Demo gedacht: Das geht jetzt schon ein halbes Jahr, und es reißt nicht ab. Und es kommen immer noch so viele Menschen. Bis beim Klimaschutz mal wirklich etwas passiert, wird das nicht abreißen. Ich glaube, das wird eher zunehmen.

Von Imre Grimm

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