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19:44 05.09.2019
In Afrika sind gut 19 Prozent der Bevölkerung katholisch. Quelle: Pascal Deloche/imago/UIG
Maputo

Es ist eine Szene wie in einem Popkonzert. „Sagt es mal alle: Aussöhnung!“, ruft der Papst den 15 000 jungen Menschen vor ihm zu – und sie antworten ihm: „Aussöhnung!“ „Sagt es noch mal“, fordert er die Jugendlichen auf – und sie rufen es noch mal. „Na ja, meine Rede ist vielleicht ein bisschen zu lang“, scherzt der Papst dann – und die Jugendlichen schreien: „Aber nein!“ Darauf der Papst: „Mein Gott, seid ihr alle gut erzogen.“

Sollte bis zu diesem Moment beim Interreligiösen Treffen im Maxaquene-Pavillon im Stadtzentrum von Maputo noch jemand an den Entertainerqualitäten des 82-Jährigen gezweifelt haben: Er darf sich jetzt widerlegt fühlen. Und diese und all seine anderen Qualitäten wird er hier brauchen, hier vielleicht noch mehr als irgendwo sonst.

"Sagt es mal alle: Aussöhnung!": Jugendliche feiern Franziskus bei einem Gottesdienst in Maputo. Quelle: Alessandra Tarantino/AP/dpa

Es ist der Beginn einer ebenso schwierigen wie wichtigen Reise, zu der Papst Franziskus in dieser Woche aufgebrochen ist – schwierig für ihn, wichtig für die katholische Kirche insgesamt. Sie führt ihn nach Mosambik, Madagaskar und Mauritius, in den Südosten des Kontinents, zum ersten Mal ist Franziskus in dieser Region. Afrika ist der am schnellsten wachsende Kontinent und mithin auch, so könnte man sagen, der größte und wichtigste religiöse Wachstumsmarkt der Welt. Wer nach Afrika schaut, versteht die relative Gelassenheit besser, mit der Kirchenvertreter gelegentlich auf die Schrumpfungsprozesse etwa in Deutschland schauen.

Afrika ist der Kontinent mit den drittmeisten Katholiken - aber mit starken Wachstumsraten. Quelle: RND-Grafik

Nur ist eben keineswegs ausgemacht, dass die katholische Kirche bei diesem, um im Bild zu bleiben, Wettbewerb um den Markt der Religion in Afrika der große Gewinner wird. Die großen Konkurrenten sind die freien evangelikalen Gruppen und der Islam, der schon den Norden des Kontinents beherrscht.

Mosambik, die erste Station von Franziskus’ Reise, ist deshalb ein Ort mit Symbolkraft. Ein knappes Drittel der Bevölkerung ist hier katholisch – doch die Zahl der Katholiken in Mosambik: Sie sinkt. Ausgerechnet hier, in der ehemaligen portugiesischen Kolonie, in der die katholische Kirche eine so wichtige Rolle spielte, geht die Zahl der Gläubigen zurück.

Lässt sich dieser Trend hier stoppen? Auch darum geht es bei Franziskus’ Besuch.

In Maputo, der Hauptstadt, gelingt dem Papst dieses Kunststück, indem er mit Humor und Entschlossenheit das zentrale Thema des durch einen furchtbaren Bürgerkrieg gezeichneten Landes angeht. Um den Jugendlichen klarzumachen, dass sie sich anstrengen sollen um, eine friedliche Zukunft in ihrem Land aufzubauen, spricht der Papst nicht über Gott – sondern über Fußball.

„Ich denke an einen großen Spieler aus diesem Land“, setzt Franziskus an, „der gelernt hat, nicht zu resignieren: Eusebio da Silva, der schwarze Panther. Er hat durchgehalten, bis er 77 Tore für seinen Klub geschossen hat.“

Ende eines Massakers

Die jungen Menschen jubeln begeistert. Papst Franziskus erweist sich immer mehr als ähnlich talentiert im Umgang mit Massen wie Papst Johannes Paul II. Der hatte eine bis dahin völlig desinteressiert wirkende Menge von über 100 000 jungen Menschen im Kiel Center in Saint Louis in den USA im Jahr 1999 für sich begeistert, weil er plötzlich einen Abschlag beim Baseball simulierte.

Bislang, den ersten Tagen nach zu urteilen, ist die 31. Auslandsreise von Papst Franziskus ein Erfolg. Gerade hier, in Mosambik, kann sich die katholische Kirche ja auch auf große Verdienste berufen: Sie hat hier in der Vergangenheit nicht nur gepredigt, sondern ein Massaker beendet. Der Geheimdiplomatie des Vatikans gelang im Jahr 1992 eine Sensation. Ausgerechnet diese kleine Gruppe konnte in zähen, mehr als zweijährigen Verhandlungen den entsetzlichen Bürgerkrieg in Mosambik beenden.

Dieser Krieg hatte 900 000 Menschen das Leben gekostet und fünf Millionen vertrieben. Dass ausgerechnet der katholischen Kirche gelang, woran die UN, die USA und alle um Vermittlung bemühten afrikanischen Länder gescheitert waren, beeindruckt die afrikanischen Staaten bis heute tief. Auch gegen das Wiederaufflammen der Kämpfe nach dem Jahr 2011 engagierte sich die Kirche erfolgreich. Kurz vor der Ankunft des Papstes wurde im August ein weiteres Friedensabkommen geschlossen, dem alle internationalen Beobachter beste Chancen zubilligen, endlich einen stabilen Frieden nach Mosambik zu bringen. Auch die Bundeswehr ist an der Entwaffnung der kämpfenden Truppen in Mosambik beteiligt.

Der Fall Mosambik brachte der Kirche ein unschätzbar wertvolles Gut in Afrika ein: Glaubwürdigkeit.

Doch das Vertrauen der Afrikaner zu behalten und zugleich den eigenen Werten und Ansprüchen gerecht zu werden – das ist auch für Franziskus kein einfacher Spagat. Klimawandel und Umweltschutz gehören zu seinen wichtigsten Themen. Auch auf dieser Reise hat er deshalb die Ausbeutung der Natur und soziale Ungleichheit für Gewalt und Konflikte verantwortlich gemacht. „Der Schutz der Erde ist zugleich Schutz des Lebens, der besondere Aufmerksamkeit verlangt, wenn man eine Neigung zum Rauben und Plündern feststellt, die getrieben ist von einer Raffgier“, warnte er.

"Ohne Chancengleichheit findet Krieg einen fruchtbaren Boden": Papst Franziskus wird von Mosambiks Präsident Filipe Nyusi begrüßt. Quelle: Vatican Media/Ag.Siciliani/epd

Doch Franziskus weiß, dass es in Mosambik jetzt vor allem darauf ankommt, alte Wunden zu heilen und eine nationale Aussöhnung zu erreichen. Er nahm daher auch in Kauf, eine seiner goldenen Regeln zu brechen, nämlich niemals ein Land zu besuchen, das sich im Wahlkampf befindet. Im Oktober wird ein neuer Präsident gewählt. Papst Franziskus war es wichtig zu zeigen, dass es darauf ankommt, dass jetzt alle in Mosambik aufeinander zugehen, zumal die Bedrohung durch extremistische, muslimische Gruppen im Norden des Landes ständig zunimmt.

Dabei ist jedes Wort, das ein Kirchenoberhaupt hier sagt, immer auch politisch – und ein wichtiges Statement im Kampf von Staaten und Religionen. Auf dem Kontinent tummeln sich schon lange nicht mehr nur die Großmächte wie vor allem China, die USA und Russland, um die Kontrolle über wichtige Rohstoffe zu bekommen. Doch dieser Wettbewerb der Großmächte wird noch überlagert von der Konkurrenz der Religionen: Pro Jahr kommen in Afrika etwa 6,2 Millionen Gläubige hinzu, vor allem weil die Zahl der Geburten in Afrika steigt. Die Verluste durch Kirchenaustritte wie in Deutschland, die bei etwa 220 000 pro Jahr liegen, lassen sich global gesehen also leicht verschmerzen.

In Mosambik herrschte dabei vor dem Besuch eine regelrechte Papst-Euphorie. Bereits am Mittwochabend säumten Zehntausende singend und tanzend die Straßen. Die Afrikaner sehen Franziskus als „ihren“ Papst, vor allem, weil er, anders als seine Vorgänger, nicht nur über Frömmigkeit und Glauben, sondern vor allem auch über soziale Gerechtigkeit spricht.

Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. hatten stets die „Armut vor Gott“ beklagt, die Schwäche des Glaubens. Papst Franziskus spricht dagegen über die ganz konkrete Armut der Menschen, die hungern. Er weist auf den Zusammenhang hin zwischen Armut und Krieg. Am Donnerstagmorgen sagt Franziskus im Präsidentenpalast in Maputo: „Wir dürfen die Tatsache nicht aus dem Auge verlieren, dass ohne Chancengleichheit die verschiedenen Formen von Aggressionen und Krieg einen fruchtbaren Boden finden, der früher oder später die Explosion verursacht.“

In den vergangenen Jahren steigt die Zahl der Gläubigen in Afrika insgesamt deutlich. Begünstigt wird der Erfolg in Afrika durch einen Strategiewechsel des Vatikans. Die Päpste hatten in ihrer Geschichte immer eines betont: Die katholische Kirche sei die allein seligmachende. Joseph Ratzinger schrieb noch im Jahr 2000, dass es „objektiv“ besser sei, katholisch zu sein, wenn man in den Himmel kommen wolle.

Wieder ein flapsiger Spruch

Nach dem Rücktritt von Benedikt XVI. steuerte Franziskus um. Die katholische Kirche sieht sich jetzt nur noch als ein Anbieter neben anderen. Das Freundschaftsabkommen mit dem Islam, das der Papst mit den muslimischen religiösen Führern in Abu Dhabi im Februar unterzeichnete, zeigt, wie grundsätzlich sich die katholische Kirche veränderte. Der Papst unterschrieb, dass „die Verschiedenheit der Religionen, dem weisen, göttlichen Willen entspricht“. Damit ist Jesus von Nazareth nicht mehr der Einzige, der den Menschen auf dem Planeten Erde die göttliche Botschaft offenbarte.

Für das konservative Lager innerhalb der katholischen Kirche bedeutete diese Erklärung eine Katastrophe. Auch auf seiner Afrikareise begleitet ihn die Kritik an seiner Amtsführung – auf die Franziskus, wie so oft, gelassen bis flapsig reagiert. „Für mich ist es eine Ehre, wenn mich die Amerikaner angreifen“, sagt er während des Fluges nach Afrika zur Kritik konservativer Kreise aus den USA – sodass Papstsprecher Matteo Bruni die Worte anschließend noch mal geraderücken muss. Franziskus habe ausdrücken wollen, dass Kritik immer eine Ehre sei – „vor allem, wenn sie von anerkannten Denkern, und in diesem Fall aus einer wichtigen Nation kommt“, stellt er klar. Doch die Botschaft dahinter ist dennoch deutlich: Der Papst will auf seinem Kurs bleiben.

In Mosambik zeigt sich, dass die Strategie der Öffnung der katholischen Kirche durch Franziskus aufgeht. Die jungen Menschen jubeln dem Papst auch zu, weil sie vor allem eins haben: die Nase voll vom Krieg, den ihre Väter führten. In ihrem Land wollen sie vor allem keine neuen Grabenkriege um Grundsätzliches, sondern dass Katholiken, Muslime und Anhänger der Stammesreligionen friedlich zusammenleben können.

In Maputo geht der Gottesdienst mit den Jugendlichen derweil zu Ende – in Partystimmung, mit Jubel, Tanz und Gesang. Franziskus hat bei ihnen einen Punkt gemacht – und wohl auch im Kampf gegen den hier weit ernster und karger daherkommenden Islam, dem solche Bilder hier besonders fremd sind.

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