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Politik Der Flitterwahlkampf der Katarina Barley
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16:13 26.05.2019
SPD-Spitzenkandidatin Katarina Barley, Lebensgefährte Marco van den Berg: „die Liebe meines Lebens.“ Quelle: Paul Zinken/dpa
Berlin

Kein Gebrüll mehr. Das ist das erste, was aufgefallen ist an diesem Europawahlkampf der SPD. Kein Schröder-Dröhnen, kein Steinmeier-Röhren, kein Steinbrück-Meckern - nicht mal der klagende Schulz-Singsang. Stattdessen stand da - zum ersten Mal in der Geschichte der SPD - eine Frau in vorderster Reihe. Eine, die ruhig spricht, viel lächelt, und jeden, der ihr zu nahe kommt, in den Arm nimmt.

Katarina Barley.

Warum die 50-Jährige Frau aus der Nähe von Trier so anders ist, als all die Männer vor ihr, lässt sich an einem Samstagvormittag in der Fußgängerzone von Ludwigshafen beobachten. „Rotes Frühstück“ heißt die Veranstaltung, zu der die örtliche SPD eingeladen hat. Es gibt Kaffee, Laugengebäck und Radieschen für den richtigen Farbton. Eine kleine Gruppe spielt Live-Jazz. Etwa 80 Leute sind gekommen.

Katarina Barley hat gefühlt jeden einzelnen per Handschlag oder Umarmung begrüßt und mit den allermeisten auch ein Selfie gemacht. Für viele Politiker sind die Handyfotos mit den Anhängern ein notwendiges Übel, Barley macht das gerne. Je mehr Menschen sich neben ihr auf den kleinen Bildausschnitt quetschen, desto besser. Bei größeren Anhängern stellt sie sich auf die Zehenspitzen, bei kleineren geht sie in die Hocke, bei älteren, die mit der Technik kämpfen, drückt sie selbst den Auslöser. Und immer strahlt sie.

Auf die Zwölf? Gibt es bei Ihr nicht

Jetzt aber soll Barley etwas sagen. Der örtliche SPD-Chef hat sie durch das Mikrofon angekündigt wie ein Boxmoderator die Kämpfer. „Und deshalb….freue ich mich… dass sie jetzt hier ist…..begrüßt mit mir…..liebe Genossen…. unsere Spitzenkandidatin….. Katarina Barley!”

So hat SPD-Wahlkampf über Jahrzehnte funktioniert: einheizen, Spannung aufbauen, Jubel und dann: auf die Zwölf.

Barley schaut etwas verlegen. Sie nimmt das Mikrofon, aber sie wird jetzt nicht auf den politischen Gegner eindreschen. Stattdessen redet sie über Ludwigshafen und über die starken Frauen in dieser Stadt. „Mit Lisa habt ihr eine wundervoll starke Kandidatin für die Europawahl und mit Jutta habt ihr eine Oberbürgermeisterin, die natürlich unsere Leidenschaft für Europa teilt und im Herzen trägt“, sagt Barley.

Dann erzählt sie, wie sie zusammen mit „der Jutta“, als die noch Europa-Abgeordnete war, um die Entsenderichtlinie gerungen habe, jene „große sozialdemokratische Errungenschaft“, die nun dafür sorgen werde, dass alle Menschen in Europa, an jedem Ort, für die gleiche Arbeit das gleiche Geld bekommen würden. Während sie spricht, zieht sie die Oberbürgermeisterin immer näher an sich heran, streichelt ihren Arm, legt schließlich ihren Kopf an den der anderen Frau. Beide strahlen.

Wahlkampfmotto: Gute Laune

Es ist ein typischer Barley-Auftritt. Die Justizministerin hat einen Wahlkampf geführt, wie ihn das Land noch nicht gesehen hat. Schon das Wort Wahlkampf ist genau genommen falsch. Angriffe auf den politischen Gegner hat sie sich weitgehend gespart. Statt harter Attacken gab es bei ihr Freundlichkeit und gute Laune.

Auch die Wahlplakate der SPD zielten darauf ab, positive Emotionen zu wecken. Warme Farben, fröhliche Menschen. Ein Kind am Strand, ein Liebespaar, junge Leute vor dem Eiffelturm, Begriffe wie „Zusammenhalt“, „Miteinander“, „Frieden“ und der Claim: „Europa ist die Antwort“. In der zweiten Plakatwelle wurde es noch unpolitischer. Barley im Europa-Hoodie, Barley vor Europaflagge, Barley in Selfie-Posen mit Jugendlichen, Frauen, Alten.

Manch ein Genosse fand das inhaltlich dünn, Barley nicht.

„Populisten“, sagt sie, „zielen auf den Bauch, nicht auf den Kopf.“ Wenn man dem etwas entgegensetzen wolle, müsse man eben auch auf den Bauch zielen. Natürlich könne man Europaskeptikern die Export- und Investitionsstatistiken vorlesen, sagt sie. „Wichtiger aber ist es, ihnen klarzumachen, dass Europa ein zutiefst emotionales Projekt ist.“

Privates auf der Wahlkampfbühne

In der SPD können sie ihre Geschichte inzwischen mitsprechen. Bei jedem Auftritt im Wahlkampf hat Barley sie erzählt. Wie sie als Halb-Britin im Studium für ein Auslandssemester nach Paris ging und dort einen Mann mit spanisch-niederländischen Wurzeln kennenlernte. „Wir haben uns verliebt, geheiratet und zwei wundervolle Söhne bekommen“, sagt sie. „Wenn auch nicht in dieser Reihenfolge.“

Das ist die Stelle, an der die Leute für gewöhnlich schmunzeln.

Mehr als jeder fünfte Erasmus-Stipendiat lerne seinen späteren Lebenspartner bei dem Studienaustausch kennen, mehr als eine Millionen Erasmus-Babys seien aus diesen Partnerschaften entstanden, weiß Barley. Ihre beiden Söhne seien zwei davon, „auch wenn das eine Erasmus-Baby inzwischen 1,93 Meter groß ist“.

Zweiter Schmunzler.

Barleys Europa-Liebes- und Lebensgeschichte hat den kleinen Schönheitsfehler, dass sie mit dem Vater ihrer Söhne nicht mehr zusammenlebt. In Heidelberg, bei einem Auftritt vor knapp 1000 Anhängern, erklärt sie, warum die Geschichte trotzdem ein Happy End hat. Der Vater ihrer Söhne sei zwar inzwischen nur noch ihr Ex-Mann, aber niemand müsse sich deswegen Sorgen machen. „Wir sind glücklich geschieden, alles wunderbar, mein früherer Ehemann begleitet mich sogar zusammen mit dem jüngeren meiner Söhne nach Brüssel.

Das ist die Stelle, an der sich die Zuhörer ein wenig wundern. Ein Ex-Mann, der einen Umzug mitmacht? Wie kann das sein?

Die Erklärung ist, dass Barleys früherer Ehemann als Beamter der EU-Kommission schon länger mit einem Wechsel nach Brüssel geliebäugelt hat, der Wohnortwechsel passt auch in seinen Lebensplan. Der ältere Sohn bleibt in Deutschland, er studiert in Leipzig.

Und noch mehr Liebe

Auch das war eine Besonderheit des Wahlkampfes. Die meisten Politiker halten ihr Privatleben weitgehend aus der Öffentlichkeit heraus, Barley hat es regelmäßig in ihren Reden und Dialogformaten thematisiert. In der heißen Wahlkampfphase fuhr ihr aktueller Lebenspartner, der niederländische Basketballtrainer Marco van den Berg, im Auto mit, wann immer es sein Dienstplan beim niederländischen Basketballverband zuließ.

In Ludwigshafen stellt Barley ihn als „die Liebe meines Lebens“ vor, in Heidelberg nennt sie ihn den „wunderbaren niederländischen Feministen an meiner Seite.“ Im Sozialen Netzwerk Instagram hat sie ihm eine öffentliche Liebeserklärung gemacht. „Mit #Liebe geht alles leichter. Sogar Wahlkampf. Danke, Marco, dass du mich so viel begleitest und unterstützt“, hat sie unter ein gemeinsames Foto geschrieben.

Barley und van den Berg kennen sich seit etwas mehr als einem Jahr, beim Karneval in Trier wurden sie einander vorgestellt. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, erzählt er am Rande eines Wahlkampftermins. „Für mich ist sie die schönste Frau, die es gibt.“ Auch Barley hat in einem Interview mit dem Klatschblatt „Bunte“ vom „tollsten Mann der Welt“, geschwärmt, ihr Partner sei „bei weitem attraktiver“ als Hollywood-Frauenschwarm Richard Gere.

Van den Berg hat im Laufe des Wahlkampfes eine wichtigere Rolle eingenommen, er gab seiner Partnerin nicht nur Kraft, sondern auch Feedback, vor allem wenn er mit einem Auftritt nicht zufrieden war. „Jetzt weiß ich, wie Hochleistungssport funktioniert“, sagt sie.

Der Mann an ihrer Seite wurde wichtiger Berater und Ansprechpartner - selbst für die Kommunikation mit dem Willy-Brandt-Haus. Wenn Barley etwas nicht wollte, konnten es die Genossen bei „dem Marco“ nochmal versuchen - manchmal mit Erfolg.

Wahlkampf statt Flitterwochen, auch das hat es in Deutschland so noch nicht gegeben.

Mach einem in der Partei fehlt die Polemik

Die spannende Frage ist nun, ob der neue Barley-Stil erfolgreich ist. Auf den Marktplätzen kommt er gut an, in den Bekanntheits- und Beliebtheitsrankings der Spitzenkandidaten ist die SPD-Frau führend. In den Meinungsumfragen allerdings kommt die Partei nicht vom Fleck. Ein Ergebnis über 20 Prozent sagt keines der Institute voraus, vermutlich bleibt die SPD deutlich darunter.

Trotz all der guten Laune droht Barley, das schlechteste Ergebnis der SPD bei einer bundesweiten Wahl seit dem Zweiten Weltkrieg einzufahren.

Sie leidet unter dem schlechten Bundestrend, aber manch ein Genosse gibt auch der Spitzenkandidatin persönlich eine Mitschuld. Weil sie sich geweigert habe, zu polarisieren, sei sie nicht durchgedrungen, sagen Kritiker. Bei der letzten Talkshow von Anne Will vor der Wahl postete deren Redaktion von jedem Teilnehmer eine Kachel mit einer Kernaussage aus der Diskussion bei Twitter. Nur von Barley gab es keine.

Während sie als Spitzenkandidatin auf den Marktplätzen gute Stimmung verbreitete, war es an Generalsekretär Lars Klingbeil, die Angriffe gegen die Union zu fahren. In der Woche vor der Wahl preschten die SPD-Landesvorsitzenden Thorsten-Schäfer-Gümbel (Hessen) und Sebastian Hartmann (NRW) mit einem eigenen Steuerkonzept vor - auch das darf als Signal für inhaltliche Unzufriedenheit verstanden werden.

Barley kennt die Kritik, aber sie will sich treu bleiben. Das war ihre Bedingung für die Übernahme der Spitzenkandidatur, nach der sie sich nicht gedrängt hat. „Wenn ich es mache, dann auf meine Art und Weise.“

Als Klingbeil sie ganz am Ende beim Wahlkampfschlussspurt in Bremen auffordert, der Menge noch einmal richtig einzuheizen, sagt sie. „Ich will gar nicht einheizen. Wer mich kennt, weiß, dass ich eine andere Tonart anschlage.“

Ob diese Tonart erfolgreich ist, zeigt sich an diesem Sonntag um 18 Uhr.

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Von Andreas Niesmann/RND

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