Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Politik “Wir brauchen eine bessere Kooperation zwischen Ärzten, Therapeuten und Kliniken“
Nachrichten Politik “Wir brauchen eine bessere Kooperation zwischen Ärzten, Therapeuten und Kliniken“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:00 31.01.2019
Karl Lauterbach hat eigene Ideen, wie die Wartezeiten in der Psychotherapie reduziert werden könnten Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa
Berlin

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Gesundheitsminister die Akteure im Gesundheitswesen gegen sich aufbringt. Aber diesmal war der Widerstand besonders heftig: Mit seinem Plan, die Wartezeiten in der Psychotherapie durch ein neue Steuerungsinstanz senken zu wollen, löste Jens Spahn (CDU) Proteststürme in der Branche aus. Auch der Koalitionspartner SPD ist dagegen. Der stellvertretende Fraktionschef Karl Lauterbach erläutert die Gründe.

Herr Lauterbach, Sie haben angekündigt, das Vorhaben von Gesundheitsminister Spahn für eine Steuerung der psychotherapeutischen Versorgung nicht mitzutragen. Warum?

Wir wollen keine weiteren Hürden für seelisch hoch belastete Patienten schaffen, für die es ohnehin ein schwerer Schritt ist, sich behandeln zu lassen. Gerade Menschen, die Hilfe am nötigsten brauchen, haben die größten Schwierigkeiten damit. Wir dürfen diese Menschen nicht zusätzlich benachteiligen. Den Plan, in Voruntersuchungen zu entscheiden, welche Hilfs- und Therapieangebote geeignet sind, lehnt die SPD daher strikt ab.

Aber macht es nicht Sinn, die Patienten je nach Schwere der Erkrankung zu steuern?

Ich gehe davon aus, dass jeder Psychotherapeut einen Patienten, den er nicht versorgen kann, an einen Kollegen weiter leitet. Das ist geübte Praxis, etwa auch im Rahmen von Kooperationsnetzen, die in einigen Regionen bestehen. Eine Steuerung durch Dritte kann das nicht ersetzen. Neue bürokratische Hürden würden vielmehr nur eines bewirken: Patienten abschrecken. Aber wahrscheinlich ist das auch genau der Sinn, der hinter dem Vorhaben steckt.

Die Psychotherapeuten sagen, die 2017 eingeführte Sprechstunde gewährleiste bereits, dass die Patienten nach Dringlichkeit und Schwere behandelt würden. Sehen Sie das auch so?
 

Nein. Die Steuerung funktioniert noch nicht ausreichend. Insofern ist die Intention von Spahn ja grundsätzlich richtig. Ziel muss aber sein, die Vernetzung der Therapeuten deutlich zu verbessern. Zudem muss es eine engere Abstimmung zwischen der medikamentösen Therapie bei Psychiatern und den Psychotherapeuten geben. Wir brauchen eine bessere Kooperation zwischen Ärzten, Therapeuten und Kliniken. Auch die Telemedizin und die elektronische Patientenakte sollten eine größere Rolle spielen. Zudem müssen die Psychotherapeuten für dringliche sowie besonders schwierige Fälle besser honoriert werden.

Die Therapeuten fordern vor allem eines: Zusätzliche Praxissitze, insbesondere in ländlichen Regionen und im Ruhgebiet. Unterstützen Sie das?

Wir haben in bestimmten Gegenden tatsächlich zu wenige Therapeuten. Darauf müssen wir reagieren. Wir sollten uns aber vorher genau anschauen, wo sie fehlen. Das Problem auf ländliche Regionen oder das Ruhrgebiet zu begrenzen, ist mir zu pauschal.

Die Bundespsychotherapeutenkammer fordert, in einem Sofortprogramm die Zulassungsbeschränkungen sofort aufzuheben und mindestens 1680 neue Praxissitze zu erlauben. Ist die Zahl angemessen?

Dieser Schnellschuss ist genauso wenig sachgerecht wie der Gesetzentwurf von Spahn. Wir müssen schnell reagieren, aber Kurzschlussreaktionen sind fehl am Platz. Sie können davon ausgehen, dass wir das Problem in den kommenden Monaten lösen.

Die Kassen argumentieren, mehr Therapeuten schaffen mehr Nachfrage. Schließlich seien die Wartezeiten dort am höchsten, wo es die meisten Therapeuten gibt. Ist da etwas dran?
 

Minister Spahn hat sich das ja leider auch zu Eigen gemacht. Aber man darf das nicht auf dieses platte Muster reduzieren. Es kann zum Beispiel sein, dass die Menschen nicht dort zum Therapeuten gehen, wo sie wohnen, sondern wo sie arbeiten. Es lohnt also, genau hinzuschauen.

Die Psychotherapeuten wollen auch mehr Kompetenzen, etwa die Befugnis, Krankschreibungen auszustellen. Macht das aus Ihrer Sicht Sinn?

Die kurzfristige Ausweitung einzelner Aufgabengebiete kann nicht die Lösung sein. Wir brauchen vielmehr eine Erweiterung der Kompetenzen durch eine hochmoderne Ausbildung. Daher sind wir gerade dabei, einen Psychotherapie-Studiengang zu schaffen. Dafür hat die SPD lange gekämpft.

Von Timot Szent-Ivanyi/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Wo ist die Luft besser geworden, wo schlechter? Nun gibt es erste Messdaten für 2018. Fast zwei Dutzend Städte liegen weiterhin oberhalb des Stickoxid-Grenzwerts.

31.01.2019

Gorch-Fock-Affäre, Untersuchungsausschuss und Bericht des Wehrbeauftragten – die Bundeswehr und ihre Chefin Ursula von der Leyen geben derzeit kein gutes Bild ab. Dabei steht ein Hauptproblem im Fokus, kommentiert Daniela Vates.

31.01.2019

Sind die Grünen auf dem Weg zur Volkspartei? Das findet zumindest ein Polit-Magazin und verlieh dem Grünen-Spitzenduo Annalena Baerbock und Robert Habeck den Titel „Politiker des Jahres“.

30.01.2019