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Politik Bautzener Aktivistin über ihre Stadt: „Hier liegt mehr im Argen“
Nachrichten Politik Bautzener Aktivistin über ihre Stadt: „Hier liegt mehr im Argen“
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06:00 08.03.2019
Annalena Schmidt auf dem Hauptmarkt in Bautzen. Quelle: Markus Decker/RND
Bautzen

Die 32-jährige Historikerin Annalena Schmidt kam 2015 aus Hessen ans Sorbische Institut von Bautzen und begann dort sehr bald, sich gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus zu engagieren. Je intensiver sie dies tat, desto mehr wurde sie angefeindet. Den Höhepunkt erreichten die Antipathien, als Schmidts Kandidatur für die Wahl zum Stadtrat bekannt wurde – und zwar auf der Liste der Grünen. Daraufhin wollten Rechtsextremisten gegen sie demonstrieren. Die Demo wurde später wieder abgesagt.

Bei einer Bürgerversammlung rief man Schmidt zu: „Geh doch weg!“ Am Donnerstagabend bekam sie einen Drohanruf mit unterdrückter Nummer: „Wir werden Dich vergiften. Du wirst langsam und qualvoll sterben!"

Trotzdem und obwohl ihr Arbeitsvertrag Ende Juni ausläuft, möchte Schmidt, die von der Bundesregierung im vorigen Jahr als „Botschafterin für Demokratie und Toleranz“ ausgezeichnet wurde, in Bautzen oder zumindest in Sachsen bleiben. Sie fühle sich dort „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, sagt die Frau, während wir in einem Café am Bautzener Hauptmarkt sitzen.

Frau Schmidt, war es für Sie damals eigentlich eine Hürde, nach Ostdeutschland zu gehen?

Nein, das war für mich überhaupt kein Thema. Ich bin 1986 geboren und kam hierher, ohne dass ich irgendein Ost-West-Denken hatte. Hier kokettierten dann viele damit, dass sie „Ossis“ seien. Damit war ich automatisch „Wessi“. Ansonsten habe ich damals von dem, was hier passiert ist, wenig mitbekommen – obwohl zur Zeit meines Bewerbungsgesprächs gerade die Angriffe auf die Flüchtlingsunterkunft in Heidenau stattfanden. Erst 2016 habe ich wahrgenommen, was in Sachsen geschieht.

Was genau haben Sie wahrgenommen?

Für Bautzen gab es dieses Narrativ der „absoluten Toleranzstadt“ – Hauptstadt der Sorben, 1000 Jahre friedliches Zusammenleben, der Simultan-Dom, den sich Katholiken und Protestanten seit Jahrhunderten teilen. Am 21. Februar 2016 brannte dann aber der „Husarenhof“, in dem Flüchtlinge untergebracht werden sollten. Bis heute ist die Motivlage dahinter nicht geklärt. Danach habe ich Bautzen zwar erst mal positiv wahrgenommen. Denn es gab eine unglaubliche Welle an Aktionen – einen „Lauf der Mitmenschlichkeit“ zum Beispiel. Ich habe zu jener Zeit begonnen, mich bei „Bautzen bleibt bunt“ zu engagieren. In der Bevölkerung herrschte aber vielfach Schweigen über das, was mit dem „Husarenhof“ geschah. Und irgendwann habe ich gemerkt, dass mehr im Argen liegt als ein brennendes Hotel, in dem Geflüchtete untergebracht werden sollten. Daraufhin habe ich begonnen, mich intensiver mit Bautzen auseinander zu setzen.

Inwieweit spielte dabei Ihre Herkunft eine Rolle?

Ich komme aus der „rot-grünen Filterblase“ einer jungen Universitätsstadt. Bautzen ist das krasse Gegenteil: Es ist kleiner, hat keine Universität und einen Altersdurchschnitt von 48,7 Jahren. Auch ist Bautzen trotz der sorbischen Kultur nicht wirklich multikulturell, ja, es ist noch nicht mal bi-kulturell.

Warum sind Sie dann trotzdem nach Bautzen gegangen?

Ich wollte in eine Minderheitsregion. Es hätte genauso gut Schleswig-Holstein sein können – wegen der Friesen. Das Ost-West-Ding spielte für mich überhaupt keine Rolle.

Wie ging es ab 2016 weiter?

Ich habe Patenschaften für Geflüchtete übernommen und geholfen, dass sie in Wohnungen umziehen konnten. Im September 2016 gab es dann eine Jagd auf Geflüchtete. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort, nämlich mittendrin, und habe angefangen, einen Twitter-Account, den ich eigentlich für wissenschaftliche Zwecke hatte, zu nutzen, um über Bautzen zu twittern. Weil die Zeichenzahl bei Twitter nicht ausreichte, habe ich zusätzlich angefangen, zu bloggen. Schließlich bin ich noch in Einwohner-Fragestunden des Stadtrates gegangen, um Dinge direkt anzusprechen.

Wie groß ist die rechtspopulistische Szene hier?

Das ist schwer zu beziffern. Der Bautzener Bauunternehmer Jörg Drews hat mit seinem Geld und seinen Beziehungen dazu beigetragen, dass sich die Stimmung in der Stadt verschlechtert hat. Wir haben wahrscheinlich eine rechtspopulistische Szene, die größer ist als in anderen Städten – auch in anderen Städten Sachsens. Dafür ist die offen rechtsextremistische Szene nicht sehr viel größer als anderswo in Sachsen. Die Besonderheit ist hier tatsächlich das rechtspopulistisch-verschwörungsideologische Agieren. Die AfD war bei der Bundestagswahl 2017 mit über 33 Prozent stärkste Partei. Und die CDU in Sachsen gehört auch nicht gerade zu den linken Landesverbänden. In so einem Kontext ist es natürlich schwerer als in einer Universitätsstadt wie Gießen.

Aber Sie haben dennoch Freunde und einen Kreis von Menschen, in dem Sie sich wohlfühlen.

Ja, sonst wäre ich nicht mehr in Bautzen. Außerdem habe ich mittlerweile in Dresden einen sehr großen Freundeskreis, in dem alle so unterwegs sind wie ich. Ein Problem, das ich nicht habe: Ich gerate nicht in Konflikt mit der eigenen Familie, weil die einfach in einem anderen Bundesland lebt. Viele in Bautzen sagen nämlich: „Ich kann mich leider nicht engagieren. Mein Vater hat eine Firma. Und wenn ich mich engagiere, dann verliert er Kunden.“

Und das ist tatsächlich so?

Ja.

Können Sie denn nachvollziehen, wenn Menschen beklagen, dass Sie ja noch gar nicht so lange da sind und sich trotzdem gleich zur Kritikerin der eigenen Stadt aufschwingen?

Ich kann verstehen, dass das Menschen stört. Ich kann aber nicht verstehen, dass sich der Oberbürgermeister immer wieder hinstellt und sagt, ich sei mitverantwortlich für den Ruf der Stadt. Denn für den Ruf hat die Stadt selbst gesorgt. Als ich Ende 2016 anfing, zu twittern, war der Ruf Bautzens bereits zerstört. Die Menschen haben nichts getan, um den Ruf zu verbessern, weil sie geschwiegen oder das Gegenteil dessen getan haben, was sie hätten tun sollen. Deshalb muss ich sagen: „Sorry Leute, selbst schuld!“

Zusammengefasst heißt das: Sie sind mit sich im Reinen.

Ich hätte vielleicht den einen oder anderen Tweet anders formuliert. Aber im Grundsatz bin ich mit mir im Reinen.

Wie nehmen Sie es wahr, dass Sie derart in der Minderheit sind?

Mich fragen immer mehr Leute, wie es mir eigentlich geht. Und ich sage dann: „Gut, warum soll es mir schlecht gehen?“ Im Übrigen gibt es auch in dem Landkreis, aus dem ich stamme, Käffer, in denen man mit meiner Haltung in der Minderheit wäre. Ich habe mir diese Rolle nicht ausgesucht. Ich bin in diese Rolle rein gerutscht. Und ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt. Würde ich das, was ich hier mache, in Leipzig machen, würde ich gar nicht auffallen. Ich falle auch nur deshalb auf, weil die Stadtgesellschaft so darauf anspringt und mich als so großes Problem sieht. Ich würde da jedenfalls nicht so ein großes Ost-West-Ding draus machen. Na klar, ich komme aus dem Westen. Und das wird mir vorgeworfen. Aber 30 Jahre nach der Wende sollten wir das überwunden haben.

Ist die Demokratie bedroht?

Die Demokratie ist stark. Und wir haben in Deutschland ein föderales System. Selbst wenn die AfD hier bei der Landtagswahl stärkste Partei würde, wäre das immer noch kein Weltuntergang. Nach fünf Jahren gäbe es wieder Wahlen. Und dann hätte sich die AfD vermutlich endgültig entzaubert.

Aber die Gesellschaft und die Institutionen verändern sich doch ebenfalls. Diese Entwicklung sehen Sie auch nicht als bedrohlich an?

Ich finde es im Moment noch nicht bedrohlich. Das alles kann zwar sehr unangenehm werden für Einzelne, die sich engagieren. Aber ich glaube nicht, dass die Demokratie gefährdet ist. Wenn alle Stricke reißen, gibt es ganz übertrieben formuliert den Bundeszwang. Der Bund könnte Sachsen im Ernstfall unter seine Hoheit stellen. Ich bin dagegen, in Panik zu verfallen.

Wie reagiert eigentlich Ihre Familie zu Hause auf das, was Sie hier tun?

Schwieriges Thema. Meine Mutter findet das alles total super und regt sich permanent über Sachsen auf. Mein Vater möchte das alles gar nicht wissen, weil es ihm große Sorgen bereitet, dass es die Nazis nicht bei Worten belassen. Außerdem sind mein Vater und ich politisch nicht unbedingt auf einer Linie – um es vorsichtig auszudrücken. Er hat an Weihnachten stolz verkündet, dass er es Merkel so richtig gezeigt hat. Ich habe gefragt: „Und wie?“ Da hat er geantwortet: „Ich habe bei der Landtagswahl nicht gewählt.“ Immerhin hat er nicht AfD gewählt.

Sie selbst haben keine Angst, dass es die Nazis nicht bei Worten belassen könnten?

Nein. Ist vielleicht auch naiv. Die Rechten machen nachts Fotos von meinem Briefkasten und stellen sie ins Internet. Aber ich denke, dass sie nicht so doof sind, mich anzugreifen. Denn anders als bei Angriffen auf Flüchtlinge könnte man das dann nicht als Auseinandersetzung unter Jugendlichen abtun.

Sprechen Sie mit der Polizei?

Ich habe keine Lust, mit denen groß zu sprechen, weil ich es als nicht zielführend erachte. Ich habe im Moment auch keine Lust mehr, Anzeigen zu schreiben, weil die Ermittlungen ohnehin eingestellt werden. Das kann ich mir sparen. Die Zeit kann ich besser mit Menschen verbringen, auf die ich Lust habe, statt beim Staatsschutz zu sitzen und eine Aussage zu machen.

Haben Sie sich bewaffnet?

Nein. Ich habe mal von einem Sicherheitsdienst Pfefferspray bekommen, nachdem ich einen Rechtsextremisten vor einer Lesung aus dem Buch „Unter Sachsen“ abgewiesen hatte. Es steht seitdem zu Hause in meinem Bücherregal. Denn jede Waffe, die ich mit mir führe, kann auch gegen mich eingesetzt werden.

Warum nehmen Sie das alles auf sich?

Ich habe zur Geschichte des Holocaust promoviert. Ich habe mich zehn Jahre meines Lebens mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinander gesetzt. Und ich will nicht, dass wieder Menschen, weil andere sie als fremd wahrnehmen, zu Schaden kommen.

Von Markus Decker/RND

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