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Panorama Würden Sie „Wetten, dass ..?“ moderieren, Fynn Kliemann?
Nachrichten Panorama Würden Sie „Wetten, dass ..?“ moderieren, Fynn Kliemann?
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13:26 04.09.2019
Ein bisschen anders als die anderen: Fynn Kliemann ist Youtube-Star, Webdesigner und Musiker. Quelle: Thomas Boenig

Sie sollen Ihrem Onkel Sebastian sehr ähneln ...

Ich habe seine alten Klamotten aufgetragen. Sebastian war mein Held, mein Vorbild. Er war cool, hat Schlagzeug gespielt, Weltreisen gemacht, beim Zirkus gearbeitet. Viel gebastelt, viel gebaut, einfach drauf los, das fand ich irgendwie geil. Und er war mit den Jungs befreundet, die hier den Baustoffhandel haben. Davon profitiere ich jetzt, kann mir mal ’nen Bagger ausleihen, nicht so schlimm, wenn was kaputt geht.

Als Kulisse für Ihre Youtube-Sendung dient ein alter Bauernhof im nördlichen Niedersachsen, das Kliemannsland. Was ist das für Sie? Ein Platz zum Austoben?

Platz ist das richtige Wort, denn wir haben hier jede Menge Platz. Und Freiraum. Hier kannst du jeden Scheiß bauen, ohne dass du Ärger von deiner Freundin bekommst, weil das Gartenhäuschen kaputt gegangen ist. Das Kliemannsland ist mehr als die Sendung. Sollte sie niemand mehr sehen wollen, wäre es vielleicht mit Funk (das Onlineangebot des NDR für junge Leute, Anm. d. Red.) vorbei, aber nicht mit dem Kliemannsland. Ich verfolge einen viel größeren Traum. Es ist ein Spielplatz. Für mich und andere.

Das Kliemannsland ist nicht Ihr einziges Projekt, Sie führen auch eine Werbeagentur, gerade haben Sie Ihr erstes Album veröffentlicht. „Immer ein bisschen mehr als die anderen“, singen Sie über sich selbst. Sie wirken hyperaktiv. Manche meinen, Sie hätten ADHS.

Diagnostiziert wurde das nie. Ich habe einfach immer Hummeln im Hintern, und ich habe Bock, Sachen zu machen. Ein Projekt allein reicht mir nicht. Wenn eine Sache noch auf wackligen Beinen steht, dann starte ich schon die nächste. Das ist wie ein Zwang. Ich bin jemand, der Lust auf viele verschiedene Dinge hat.

Sie mögen nicht, wenn man Sie Youtube-Star nennt. Warum nicht?

Die Bezeichnung Star passt nicht zu mir. Für mich hat das Dasein eines Stars etwas Distanziertes. Mariah Carey ist ein Star. Ihre Fans hängen sich ein Poster von ihr an die Wand. Das Kliemannsland soll dagegen ein Miteinander sein.

Sie haben jede Menge Fans, manche reisen „sogar aus Dortmund“ an, wie man mir eben in der Bäckerei Schwarz erstaunt erzählte ...

... sie kommen sogar aus der Schweiz. Ich weiß, und ich verstehe langsam schon, dass das Kliemannsland größere Ausmaße angenommen hat. Das ändert aber nichts daran, wie ich mich fühle. Da ist auch eine Angst, auf jeden Fall. Ich will nicht, dass alles zu groß wird. Ich lerne jetzt viele Leute kennen, die in der schlimmen Situation sind, zu bekannt zu sein.

Sie halten sich nicht an Regeln, ziehen Ihr eigenes Ding durch. Haben Sie die Punk-Idee verinnerlicht?

Ich habe keinen anarchistischen Hintergedanken, mir ist lediglich egal, wie man etwas normalerweise macht. Ich mache es einfach.

Fynn Kliemann schwingt an einem Seil über seinen Kreativhof Kliemannsland im Dorf Rüspel bei Zeven (Niedersachsen). Der ehemalige Bauernhof hat sich zu einem Treffpunkt für Filmteams, YouTuber, Blogger, Musiker und Künstler entwickelt. Quelle: Ingo Wagner/dpa

Manche Menschen warten lieber, ehe sie Dinge angehen, weil sie fürchten, dass es nicht perfekt wird oder dass sie scheitern könnten ...

Bei meiner Mucke habe ich genau aus diesem Grund ziemlich viele Jahre gewartet: zuerst, bis ich überhaupt bereit war, ein Album aufzunehmen, dann, bis ich mir sicher war, dass es wirklich fertig ist. Grundsätzlich aber stimmt es: Warten macht bei fast allem im Leben keinen Sinn und hält dich einfach nur auf. Man durchdenkt Dinge deshalb nicht besser.

Vermutlich bewundern Ihre Fans Sie genau deshalb: Weil Sie den Mut haben, einfach loszulegen.

Ja, schauen Sie sich an, was wir heute gebaut haben, diese Sonnenuhr ... wobei, dieses Projekt hätten wir vielleicht doch ein bisschen besser durchdenken sollen. Aber – und das ist immer so – am Ende wird sie funktionieren.

Bisher kannte man Sie aus Ihren Sendungen nur als Frohnatur. Ihre Songs hingegen spielen häufig nachts, sind nachdenklich, ernst, melancholisch. Sie singen: „Eins muss ich noch lernen, glücklich sein ist nicht verkehrt“. Diese tiefe Traurigkeit überrascht.

Haben Sie Otto schon mal traurig gesehen? Ich nicht. Otto ist lustig. Das ist die Rolle, die er spielt. Aber auch er wird Traurigkeit in sich tragen, wie jeder Mensch. Wenn ich Mucke mache, manchmal nach einem 18-Stunden-Arbeitstag, dann bin ich ziemlich erschöpft. Es ist Nacht, ich sitze da, denke nach, über mich, über den Tag, über mein Leben. Verschwende ich Zeit? Mache ich mich kaputt? Dann baue ich einen ziemlich molligen Beat. Meine Musik ist einfach ehrlich. Ich wollte das auf Platte bringen, was mich wirklich beschäftigt. Ich habe auch schon mal einen Song über eine Bohrmaschine gemacht, aber das war nur Begleitmusik.

Sie wollen keine Konzerte geben. Warum nicht?

Ich habe Angst davor, meine Musik kaputt zu machen. Mir ist es gelungen, genau das aufzunehmen, was ich wirklich fühle. Ich möchte dieses Gefühl, diesen ganz bestimmten Sound, nicht durch einen falschen Akkord auf der Bühne zerstören. Außerdem habe ich, wenn es um meine Musik geht, ziemlich starkes Lampenfieber. Ich bekäme vor jedem Konzert so eine Art Magen-Darm-Grippe. Und Zeit für eine Tour hätte ich sowieso nicht.

Warum haben Sie die Platte überhaupt gemacht?

Das ist etwas anderes. Das ist, etwas auszusprechen, das mal ausgesprochen werden muss. Etwas abzuschließen, nachdem ich Jahre darüber nachgedacht habe.

Fynn Kliemann - nie Quelle: Label

Wird es ein zweites Album geben?

Das weiß ich noch nicht. Auch deshalb habe ich eine eigene Plattenfirma gegründet, damit niemand ein zweites Album fordern kann, sollte das erste erfolgreich sein. Ich will frei und unabhängig sein.

Sie sind wegen Ihres Albums bereits in einigen Talkshows aufgetreten. Vermutlich werden Sie nun andere, ältere Fans gewinnen ...

Schon jetzt sehen auch viele Mütter und Väter, Omas und Opas meine Sendungen. Ich spreche ja nicht nur Sechsjährige an.

Wo spielt sich das wahre Leben ab, im Internet oder im Fernsehen?

Seit es das Internet gibt, bin ich dabei. Ich habe mir dafür kein zweites Ich zugelegt, ich bin dort genauso echt wie hier oder zu Hause. Für mich ist das Internet keine zweite oder andere Welt, sondern Teil der einen Wirklichkeit.

Würden Sie gern eine Samstagabendshow im Fernsehen moderieren?

Auf keinen Fall. Man wollte schon, dass ich Preisverleihungen moderiere, auch die Sendung von Schulz und Böhmermann bot man mir an. Aber dann würde ich in Fußstapfen treten, wäre an ein Sendungskonzept gebunden oder müsste Sachen vorlesen, die auf irgendeiner Karte stehen. Nicht meine Welt.

Auch „Wetten, dass ..?“ nicht?

Das sowieso nicht. Das ist eine Kombination aus den schlimmsten Fußstapfen dieses Planeten und sehr, sehr hohen Auflagen. Von Anfang an, seit zweieinhalb Jahren, bekomme ich Angebote für irgendwelche Fernsehsendungen. Ich sage einfach immer alles ab.

Können Sie im Kliemannsland tatsächlich das machen, was Sie wollen? Der NDR lässt Ihnen freie Hand?

Ja. Ich sage: „Wenn ihr mir hier reinquatscht, dann höre ich auf.“ Und sie sagen: „Gut, dann mach mal.“ Fernsehen dagegen funktioniert so nicht, das ist reglementiert. Du hast 1000 Leute, die dir reinreden, es gibt Quoten und Ansprüche an deine Arbeit.

Vertraut der NDR Ihnen, weil die Programmmacher selbst nicht wissen, was junge Leute interessiert?

Sie sagen: „Genau das, was du machst, wollen wir.“ Deshalb nehme ich Funk immer in Schutz: Weil sie öffentlich-rechtliches Geld Leuten geben, die Sendungen produzieren, die das Publikum tatsächlich sehen will.

„Für mich ist das Internet keine zweite oder andere Welt, sondern Teil der einen Wirklichkeit.“ Im Netz so zuhause wie auf dem Land: Fynn Kliemann mit Huhn. Quelle: hfr

Zur Person: Fynn Kliemann

Wie finden Sie eigentlich Fynn Kliemann? „Eigenartig.“ Die Antwort des Mitte-60-Jährigen überrascht nicht, denn er gehört so gar nicht zur Zielgruppe. Alle, die sich an diesem Donnerstagnachmittag in der Bäckerei Schwarz in Elsdorf zum Kaffee getroffen haben, kennen den 28-Jährigen gut. Elsdorf in der Nordheide ist ein überschaubares Dorf. Kliemann ist dort aufgewachsen und nie rausgekommen, wie er selbst sagt.

„Sein Onkel Sebastian war auch so ein verrückter Hund“, erzählt ein anderer Gast. Gut zu wissen für das Interview, das gleich im Ortsteil Rüspel, im Kliemannsland, beginnt. „Das ist was für die Jugend“, meint jemand am Nachbartisch über die Videoclips, die Kliemann für seinen Youtube-Kanal im Auftrag des NDR produziert. Die öffentlich-rechtlichen Programmmacher vertrauen darauf, dass der 28-Jährige die Sprache der jungen Leute spricht. Offenbar gelingt ihm das. 100 Millionen Mal sind seine Beiträge bisher geklickt worden. Die junge Zielgruppe liebt seine unkonventionelle Art.

Das „Kliemannsland“ und andere Formate wie das Musikmagazin „Bongo Boulevard“ oder das küchenphilosophische Selbstgespräch „Auf einen Kaffee mit Moritz Neumeier“ sind nur online zu sehen. Der junge Kanal, wo ARD und ZDF alle Angebote bündeln, heißt Funk.

Das „Kliemannsland“ gibt es seit zweieinhalb Jahren. Gedreht wird auf einem alten Bauernhof, den Kliemann gekauft hat. Für ihn ist es ein „Spielplatz“. Eine gewisse Bekanntheit hatte der 28-Jährige auf Youtube schon vorher als „Heimwerkerking“. Auch da schweißte, flexte und pfuschte er sich schon durch Haus und Hof.

Kliemann baut Dinge aller Art, Dinge, die es manchmal vorher gar nicht gab: ein Grillmoped zum Beispiel, eine Wakeboardanlage im eigenen Gartenteich oder den Schmähturm für das Werner-Rennen in Hartenholm. Er liebt Feuerwerk, Explosionen im Allgemeinen. Von einem Sprengmeister ließ er an Silvester 2017 die Umrisse eines gigantischen männlichen Geschlechtsorgans in einen Acker sprengen. Hinterher musste er sich für die Druckwelle im Dorf entschuldigen und Satellitenschüsseln wieder gerade biegen.

Kliemann ist ein Tausendsassa, immer ein bisschen anders als die anderen. Zusammen mit dem Musiker und Comedian Olli Schulz hat er vor Kurzem das Hausboot des 2017 gestorbenen Sängers Gunter Gabriel gekauft. Vermutlich hat er sich schon eine originelle Verwendung dafür ausgedacht. Originell muss er auch als Webdesigner sein. In der Werbeagentur, die er mit einem Partner führt, arbeitet er montags bis mittwochs. Im Kliemannsland dreht er donnerstags und freitags.

Nachts macht er Musik. Sein vor Kurzem erschienenes erstes und womöglich einziges Album „Nie“ hat er nur so oft als CD oder Langspielplatte produzieren lassen, wie es vorbestellt wurde: 96 434-mal, einschließlich Downloads. Grund für die ungewöhnliche Beschränkung: Er möchte die Platte, die seine Herzensangelegenheit ist, niemals als Ladenhüter auf einem Grabbeltisch liegen sehen. Jetzt gibt es das Album nur noch digital.

Die hohe Verkaufszahl hätte „Nie“ locker auf den ersten Platz der deutschen Albumcharts katapultiert. Doch Kliemann machte da nicht mit. „Wir charten nicht, um ein Zeichen zu setzen, dafür, dass die Charts ein irrelevanter Scheiß sind“, sagt er. Das sei nur etwas für Angeber. „Den einen Euro pro Platte, den die Auswertung ungefähr kosten würde, haben wir lieber in dickeres Vinyl gesteckt.“

„Zuhause“, das beste Lied des Albums, richtet er an seine Freundin Franzi. „Ich denke in Farben, du bemalst jede Wand“, singt er da. „Dein Leben“ widmet er seiner Mutter und seinem Vater, der vor ein paar Jahren gestorben ist. „Mama hat auf Play gedrückt, Papa kommt nicht mehr zurück. Hierauf wäre er stolz.“

Seine Songs sind ernst und melancholisch, einige spielen in der Nacht. Kliemann, den man bisher nur als Tagtypen kannte, fragt große Fragen: Wo ist man zu Hause? Soll man gehen oder bleiben? Wieso merkt man nie, wenn der Schmerz weg ist, nur wenn er kommt? Als Youtuber ist er ein lustiger Astronaut. Als Musiker wird er zum besorgten Clown.

Von Mathias Begalke

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