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Panorama Wadenwickel oder Paracetamol, Dietrich Grönemeyer?
Nachrichten Panorama Wadenwickel oder Paracetamol, Dietrich Grönemeyer?
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09:02 18.08.2018
Arzt mit Mission: Dietrich Grönemeyer hat sich auf die Suche nach der “Weltmedizin“ begeben Quelle: Gaby Gerster
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Herr Grönemeyer, Sie stammen aus einer Medizinerfamilie: Welcher Ihrer Vorfahren fühlte sich als Erster zum Arzt berufen?

Das war Carl Abraham von Hunnius, Sohn eines Kaufmanns. Von Haus aus Schulmediziner, entdeckte er die therapeutische Wirkung des Heilschlamms, Anfang des 19. Jahrhunderts in Estland. Ein Pionier der Naturheilkunde. Später gründete er ein eigenes Heilbad. Die medizinischen Berufe gehören seither zu unserer Familiengeschichte. Ich selbst bin Arzt in sechster Generation.

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Spielt das ärztliche Erbe im Alltag eine Rolle in Ihrer Familie?

Ja und das sogar gleich zweifach, da wir sowohl Naturheilkundige als auch Schulmediziner in der Familie hatten. So bin ich gewissermaßen zwischen Antibiotika und Globuli aufgewachsen. Als Kind hatte ich oft Bronchitis, Mandel- und Ohrenentzündungen. Es gab dann immer Debatten: Welche Medikamente setzen wir ein? Oder warten wir doch lieber erst mal ab?

Was bevorzugen Sie denn bei Fieber? Wadenwickel oder Paracetamol?

Wadenwickel und viel Flüssigkeit zu sich nehmen! Erst wenn es schlimmer wird, greife ich zu Paracetamol. Dieses Mittel kann auch problematisch sein: Bei meiner Tochter habe ich erlebt, wie es die Körpertemperatur binnen Kurzem von 41 auf 37 Grad herunterdrückte – eine Tortur. Grundsätzlich gilt bei uns: So wenig Medikamente wie möglich, so viel wie nötig.

Sie haben ein Buch mit dem Titel “Weltmedizin“ geschrieben: Wie sollte die aussehen?

Unsere heutige Medizin leistet Hervorragendes; denken Sie nur an die Transplantationschirurgie, an die Radiologie oder an die Impfungen, mit denen es gelungen ist, zahlreiche Krankheiten und Epidemien zu besiegen. Nur vergessen wir oft, was es noch gibt: die Heilkunst anderer Kulturen. Das alles zusammen sollte eine Weltmedizin ergeben, wie ich sie mir vorstelle: reich an gesammelter Erfahrung und offen für alles Neue. Da können wir noch viel lernen von den Indern, den Chinesen, Indianern oder Tibetern. Vor allem ihre ganzheitliche Auffassung des Menschen als Einheit von Körper, Seele und Geist. Dieser psychosomatische Ansatz ist uns im Zuge fachärztlicher Spezialisierung allzu oft abhandengekommen, aber auch der pflanzenheilkundliche Ansatz oder Ernährung als Heilmittel.

Sie sind auch zu Schamanen und Medizinmännern gereist: Welche Therapien haben Sie besonders beeindruckt?

In Kandy, im Hochland Sri Lankas, habe ich im Zahntempel einen meditierenden Yoga-Guru gesehen, der mit seinem durchtrainierten Körper auf einer Hand stand. Wie war das möglich – diese geistige Körperbeherrschung? Wären damit nicht auch therapeutische Erfolge zu erzielen?

Dietrich Grönemeyer am 20.10.2016 auf der Frankfurter Buchmesse. Quelle: Sven Simon

Von wem haben Sie gelernt?

In der Mikrotherapie von den Augenärzten und deren Fähigkeiten, mit kleinsten Instrumenten zu arbeiten. Ansätze davon kannten schon die Perser und die Ägypter. Leider ist über die Jahrtausende viel von altem Wissen unterschiedlicher Heilansätze verloren gegangen.

Warum?

Schuld ist unsere Faszination für Technik. Die großartigen Erfolge der Gerätemedizin haben uns zu der Annahme verführt, alles würde sich schon technisch richten lassen, als könne man den Menschen Organ für Organ durchreparieren. Das überlieferte Wissen schien überflüssig, obwohl sich damit viele Krankheiten – vor allem zu Beginn – schonender behandeln ließen, ohne OP und Antibiotika. Nicht jedes Herz, das schmerzt, braucht einen Katheter.

Würden Sie einen angehenden Arzt am liebsten erst mal zum kräuterkundigen Medizinmann schicken?

Nein, aber zu einem Allgemeinarzt, der beides anwendet – Schulmedizin und Naturheilkunde. Ein Kieler Arzt hat mir in meiner Ausbildung eingeschärft, den Patienten zu beobachten, ihn körperlich zu untersuchen und zuzuhören. Oftmals bräuchten sie dann gar kein Röntgen oder Labor. Zunächst lassen sich auch leichte Behandlungsformen verordnen: Kamillentee und Heilerde helfen bei Durchfällen oder Wärme und Massagen bei Rückenschmerzen!

Hat ein Krankenhausarzt die Muße für alternative Heilmethoden?

Leider nein. Die Verwaltung ist überbordend. Nicht nur die Zeit der Ärzte, sondern auch zunehmend die der Schwestern und Pfleger wird aufgefressen. Es müsste viel mehr Raum für Fortbildung und Gespräche geben. Man muss den Fachleuten mehr vertrauen. Das würde nebenbei auch Kosten sparen.

Ist der heutige Krankenhausarzt zu sehr Technokrat?

Er ist ein fokussiert handelnder, auf Teilbereiche ausgerichteter Therapeut. Seine Arbeit macht er sicher hervorragend, aber er hat einen Tunnelblick. Der eine ist Spezialist für die Leber, der andere für die Gelenke. Die Erkenntnis fehlt, dass viele Krankheiten ihren Ursprung in psychischem Stress und unseren Lebensweisen haben. Rückenschmerzen etwa entstehen zu 80 Prozent durch Muskelverspannung.

Macht das gnadenlose Effizienzdenken unsere Medizin inhuman?

Ja, in dem Sinn, dass sie uns weg vom Menschen und hin zur Maschine bringt. Aber um Missverständnissen vorzubeugen: Natürlich ist die Hightech-Medizin ein Segen. Sie erschließt uns neue Möglichkeiten. Aber sie ist nicht alles. Man darf von ihr keine Empathie erwarten.

Zu Grönemeyers zahlreichen Büchern gehören “Mein Rückenbuch“ oder “Grönemeyers neues Hausbuch der Gesundheit“. Für Kinder erfand er die Figur des “Kleinen Medicus“. Quelle: Henning Scheffen

Schlucken wir zu viele Tabletten?

Knapp ein Zehntel der Deutschen nimmt zwei Tage in der Woche Pillen gegen Rückenschmerzen. Das ist galoppierender Wahnsinn. Aber der Patient will sehen, dass der Arzt was leistet. Für den wiederum geht es so am schnellsten. Ein Gespräch oder gar mehrere Gespräche kann er gar nicht abrechnen. So sind beide zufrieden, besser gesagt: unzufrieden.

Zugleich haben alternative Heilmethoden Hochkonjunktur: Ist Yoga Mode?

Yoga ist heute gewiss ein Konsumartikel. Auf der anderen Seite finden viele Menschen dabei ihre innere Ruhe, sie finden zu sich selbst. Mir ist es lieber, die Menschen machen Yoga, als dass sie Pillen schlucken.

Was tun Sie für Ihre innere Ruhe?

Ich bin ein begeisterter Wanderer und viel in der Natur unterwegs.

Sind Sie Anhänger des “Waldbadens“?

Diesen Begriff finde ich immer noch komisch. Lassen Sie es mich so sagen: Ich finde es gut, in den Wald zu gehen, wo es kühl ist, wo es gut duftet, ich abschalten und viel Sauerstoff tanken kann.

Immer wieder hört man von kleineren medizinischen Wundern: Handauflegen etwa soll bei Lebensmittelunverträglichkeit von Kindern helfen. Halten Sie das für möglich?

Na ja. Berührung beruhigt: Nimmt ein Elternteil sein schmerzgeplagtes Kind in den Arm, kann schon das heilend wirken. Alles darüber hinaus halte ich für fraglich. Da draußen sind viele Scharlatane unterwegs. Auch deshalb, um den Schwindlern nicht auf den Leim zu gehen, sollte die Bevölkerung über ein solides Gesundheitswissen verfügen. Viele verstehen aber noch immer mehr von ihrem Auto als von ihrem Körper. Seit Jahren schlage ich vor, einen regelmäßigen Gesundheitsunterricht in den Schulen einzuführen.

Unter den traditionellen Heilmethoden in Ihrem Buch findet sich Beten ...

Jene, die wie auch immer Verbindung mit der Schöpfung aufnehmen, tragen einen heilsamen Ansatz in sich. Das hat etwas Gemeinschaftsstiftendes, Verbindendes.

Wonach sollte ein Patient seinen Arzt aussuchen?

Ein guter Arzt nimmt sich Zeit, spricht kein Medizinchinesisch, begegnet dem Patienten auf Augenhöhe und unterstützt dessen Selbstheilungskräfte – aber er setzt, wenn nötig, auch schärfere Waffen ein.

Zur Person: Dietrich Grönemeyer

Der Arztberuf stand ursprünglich gar nicht auf der Wunschliste von Dietrich Grönemeyer. Pastor wollte er werden, und auch zu fremden Sprachen und fremden Kulturen fühlte er sich als junger Mensch hingezogen, weshalb er sich zunächst auch für ein Studium der Sinologie und Romanistik entschied.

Mit Ärzten dagegen stand der 1952 in Clausthal-Zellerfeld geborene und in Bochum aufgewachsene Grönemeyer auf Kriegsfuß. Als Kind hatte er schmerzhafte Erfahrungen gemacht: Bis heute erinnert er sich an das peinigende Blutabnehmen mit stumpfen Kanülen. Keiner sei damals auf die Idee gekommen, “bei dieser Prozedur ein freundliches oder beruhigendes Wort zu verlieren“, so Grönemeyer.

Bestenfalls habe er von Ärzten die wenig hilfreiche Bemerkung zu hören bekommen: “Indianer kennen keinen Schmerz.“ Und während er im Behandlungszimmer unter der nach eigenen Worten “traumatischen Prozedur“ litt, mussten die Eltern draußen im Wartezimmer ausharren. So war das damals üblich.

Mit dem “scheinbar herzlosen Geschäft“ eines Mediziners wollte der Sohn eines Ingenieurs und einer Krankenschwester deshalb gar nichts zu tun haben – bis er sich als junger Mann bei der Bundeswehr einer Operation der Nasenscheidewand unterziehen musste. Die zum Stillen der Blutung eingesetzten Tampons riss der Arzt mit einem unbarmherzigen Ruck aus seinen Nasenlöchern heraus. “Ich war, wie es mir damals schien, in die Hände von Folterknechten geraten“, erinnert sich Grönemeyer.

Von da an wuchs bei ihm das Bedürfnis, unnötiges Leid von Patienten abzuwenden. Er studierte von 1976 bis 1982 Humanmedizin an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel, spezialisierte sich auf die Radiologie, erhielt 1996 einen Lehrstuhl an der Universität Witten/Herdecke und gründete schließlich 1997 das interdisziplinär ausgerichtete Institut für Mikrotherapie in Bochum.

Bei diesem maßgeblich von Grönemeyer entwickelten Verfahren spielen interventionelle Radiologie, minimalinvasive Chirurgie und Schmerztherapie zusammen. Angewendet wird die Mikrotherapie vor allem im Kampf gegen Tumore, Bandscheiben- und Gelenkkrankheiten.

Im Rückblick hat Grönemeyer erkannt: “Unter Schmerzen wurde der spontane Entschluss geboren, Arzt zu werden.“ So formuliert er es in seinem in der kommenden Woche erscheinenden Buch “Weltmedizin“ (S. Fischer). Darin geht er der Frage nach, wie sich alternative Heilmedizin und Schulmedizin gegenseitig ergänzen können.

Der eloquente Mediziner nimmt damit einmal mehr sein Lebensprojekt auf: Er sucht nach einer Versöhnung des Arztberufs zwischen traditionellem Heilwissen und Hightech. Denn warum sollen Kräutermedizin, Ayurveda, Schamanenwissen, Tanztherapie und Hochleistungsapparatur sich nicht gegenseitig befruchten?

In seinen zahlreichen Büchern vertritt Grönemeyer diese Idee, dazu gehören “Mein Rückenbuch“ oder “Grönemeyers neues Hausbuch der Gesundheit“. Für Kinder erfand er die Figur des “Kleinen Medicus“. Vom Arzt als “Halbgott in Weiß“ hält er gar nichts. Im Fernsehen bestreitet er eine eigene Sendung: Im ZDF sucht er in “Grönemeyer – Leben ist mehr!“ das Gespräch mit Menschen.

Seit 1977 ist er mit Christa Enste verheiratet. Das Paar hat drei Kinder. Verwechselt wird der Arzt Dietrich Grönemeyer gelegentlich auch – und zwar mit seinem jüngeren Bruder: Das ist Herbert Grönemeyer, Sänger (“Männer“, “Bochum“) und Schauspieler (“Das Boot“). Und wenn der mal gesundheitlichen Rat braucht, dann fragt er nach bei seinem großen Bruder Dietrich.

Von Stefan Stosch