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Panorama Lügde-Täter ohne Reue: Lange Haftstrafen für unvorstellbare Verbrechen
Nachrichten Panorama Lügde-Täter ohne Reue: Lange Haftstrafen für unvorstellbare Verbrechen
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15:41 05.09.2019
Die Angeklagten Mario S. (l) und Andreas V. sollen über Jahre auf einem Campingplatz in Lügde hundertfach Kinder sexuell missbraucht und dabei gefilmt haben. Im Lügde-Missbrauchsprozess sind die beiden Angeklagten zu hohen Haftstrafen verurteilt worden. Quelle: Bernd Thissen/Guido Kirchner/dpa/Montage RND
Detmold

Immer wieder spricht Anke Grudda vom Richterpult aus die beiden Angeklagten rechts von ihr an, sieht ihnen dabei direkt in die Augen, bleibt stets ruhig im Ton. „Sie haben den Kindern unendliches Leid zugefügt. Sie haben ihre Kindheit schwer belastet, vielleicht sogar zerstört“, sind Sätze, wie sie an diesem Morgen in dem prall gefüllten Saal 165 am Landgericht in Detmold fallen. Auf der Anklagebank hält Andreas V. ihrem Blick stand, der Mitangeklagte Mario S. starrt neben ihm bloß auf seinen Tisch. Beide Männer bleiben regungslos, emotionslos, stumm. Wie schon während des gesamten Prozesses.

Nach zehn Verhandlungstagen ist am Donnerstag das Urteil gefallen im Verfahren um den bislang größten Fall von Kindesmissbrauch in Nordrhein-Westfalen, der Anfang des Jahres bekannt wurde und dessen Ausmaß zunächst niemand ahnte. Am Ende stehen lange Freiheitsstrafen: 13 Jahre für den 56-jährigen Andreas V., zwölf Jahre für den 34-jährigen Mario S. – inklusive anschließender Sicherungsverwahrung für beide.

Fast 300-mal soll sich der eine an Kindern vergangen haben, 160-mal der andere. 24 Mädchen und acht Jungen fielen ihnen in den vergangenen zwanzig Jahren zum Opfer, mindestens. Die Zahlen sind nicht neu, aber noch immer falle es schwer, die Taten in Worte zu fassen, sagt die Richterin. Die Fotos, die Videos, die Aussagen der Kinder, die Chatverläufe, „an Widerwärtigkeit nicht zu überbieten“ – alle Beteiligten hätten nach diesem Verfahren furchtbare Bilder im Kopf, von denen man manche nie wieder loswerde.

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Den Opfern wird zunächst nicht geglaubt

In der einstündigen Urteilsbegründung wird noch einmal deutlich, was an diesem Fall so fassungslos macht: Es ist die Vielzahl der Taten, der ungewöhnlich lange Tatzeitraum, „aber es ist vor allem die Art und Weise, die so betroffen macht“, sagt Grudda. Schwerer sexueller Missbrauch, das bedeute in diesem Fall Oralverkehr, Analverkehr, Vaginalverkehr mit Kindern, die teils erst vier Jahre alt waren. Erzwungen durch ein perfides System aus Belohnung, Bedrohung und Manipulation der Schwächsten, was das ungestörte Treiben über Jahre erst ermöglichte. Weil die Kinder schwiegen, wenn Addy damit drohte, dass sie ins Heim kämen, wenn sie plaudern, oder wenn Mario drohte, sich dann umzubringen.

Als ein Mädchen sich eines Tages seiner Mutter anvertraut, sagt ihre Mutter: „Erzähl nicht so einen Scheiß.“ Einem Jungen, der sich ebenfalls offenbart, wird nicht geglaubt. Eines der Opfer fährt eines Tages zehn Kilometer mit dem Tretroller zum Campingplatz, um ihre Freundin, die Pflegetochter Addys, heimlich zu befreien. Und selbst bei den Vernehmungen durch Polizisten fragte ein Mädchen noch: „Komme ich jetzt ins Kindergefängnis?“

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„Es ging Ihnen nie um die Kinder, es ging Ihnen immer nur um sich“

Es ist die innere Zerrissenheit, die Richterin Grudda mit diesen Beispielen verdeutlichen will. „Die Kinder haben Sie geliebt“, sagt sie zu Andreas V., „sie waren glücklich.“ Er habe die Ausflüge, die Geschenke und all die schönen Dinge aber nur als Fassade benutzt, um seine pädophile Neigung zu verschleiern. „Es ging Ihnen nie um die Kinder, es ging Ihnen immer nur um sich.“ Was er und auch Mario S. ihnen angetan hätten, hätten sie nun ein Leben lang aufzuarbeiten.

Vor allem der persönliche Eindruck der heute achtjährigen Pflegetochter habe das Gericht nachhaltig erschüttert. Sie habe nicht einmal ihren zweiten Vornamen nennen können. Die anderen Opfer hätten mit Schlafstörungen, selbst verletzendem Verhalten und Schuldgefühlen zu kämpfen. „Manche haben Angst, dass die beiden aus dem Gefängnis ausbrechen und dann alles weitergeht.“

Beide Angeklagten müssen nach ihrer Haft in Sicherungsverwahrung

Dass beide Angeklagten nach ihren Haftstrafen in Sicherungsverwahrung bleiben, war für das Gericht unzweifelhaft. Beide Männer hätten die Gutachterin nicht täuschen, ihre tief verwurzelten pädophilen Störungen nicht verbergen können. Beide hält auch das Gericht letztlich für unehrlich, manipulativ und frei von jeglicher Empathie oder Reue. „Wir haben nicht den Eindruck, dass Sie nur im Ansatz begriffen haben, was sie den Kindern angetan haben.“

Für viele käme nach all dem nur eine lebenslange Strafe infrage, weiß Grudda, „aber das Gesetz sieht in diesem Fall eine Höchststrafe von 15 Jahren vor“. Dass das Strafmaß noch knapp darunter bleibt, hängt mit den Geständnissen zusammen, die beide durch ihre Anwälte am ersten Verhandlungstag abgelegt hatten. Das müsse das Gericht anerkennen, auch damit es die Signalwirkung habe: Ein Geständnis ist etwas wert. Weil es die einzige Möglichkeit ist, den Opfern Aussagen vor Gericht zu ersparen. Trotzdem hatten alle die Gelegenheit dazu, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das Gericht wollte möglichst genau verstehen, was ihnen geschehen ist, und zeigen: Wir hören euch zu, wir nehmen euch ernst.

Einige hatten den Mut, auch vor Gericht auszusagen, so wie eine heute 19-Jährige, die Andreas V. und Mario S. damit auch zeigen wollte: Ihr habt keine Macht mehr über mich. Auch zur Urteilsverkündung ist sie gekommen. Und hört sie sich Wort für Wort an, in einem Nebenraum per Videoübertragung, in dem die Opfer und Angehörige die Möglichkeit hatten, einen Abschluss zu finden.

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Was bedeutet Sicherungsverwahrung?

Eine sogenannte Sicherungsverwahrung ist laut NRW-Justizministerium rechtlich nicht als Strafe einzuordnen. Ihr Zweck ist es, gefährliche Täter zu bessern und die Allgemeinheit zu schützen. Bei diesen Straftätern bestehe der Hang, erhebliche und für die Allgemeinheit gefährliche Straftaten zu begehen.

Die Sicherungsverwahrung ist grundsätzlich zeitlich nicht begrenzt. Ob sie fortbesteht, wird regelmäßig von einem Gericht geprüft. Eine Sicherungsverwahrung kann unmittelbar im Urteil angeordnet oder auch vorbehalten werden.

Eine Sicherungsverwahrung schließt sich an die Verbüßung einer Freiheitsstrafe an. Nach dem sogenannten „Abstandsgebot“ muss sich der Vollzug der Sicherungsverwahrung deutlich vom Strafvollzug unterscheiden. So ist den „Untergebrachten“ eine individuelle und intensive Betreuung anzubieten, insbesondere eine psychiatrische, psycho- oder sozialtherapeutische Behandlung. Sicherungsverwahrung muss von einer Strafhaft räumlich getrennt vollzogen werden, entweder in einer eigenen Anstalt oder in separaten Abteilungen einer Justizvollzugsanstalt.

Von Julia Rathcke/RND

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