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Panorama Psychogramm des Hauptangeklagten: Wer ist Addy, der Kinderfänger?
Nachrichten Panorama Psychogramm des Hauptangeklagten: Wer ist Addy, der Kinderfänger?
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12:56 05.09.2019
Der Angeklagte Andreas V. (l) wird mit einem Rollstuhl von einem Justizbeamten in den Gerichtssaal des Landgerichts Detmold geschoben. Quelle: Guido Kirchner/dpa
Detmold

Er wird im Rollstuhl in den Gerichtssaal geschoben, wirkt kreidebleich, dünn und geschwächt. Noch am Tag zuvor hatte der Hauptangeklagte Andreas V. die Verhandlung im Lügde-Prozess aussetzen müssen, die Schmerzen einer Gürtelrose-Erkrankung hatten ihm angeblich zu sehr zugesetzt. Nicht nur hinter dem schwarzgrauen Aktenordner versucht sich der 56-Jährige immer wieder zu verstecken, auch seine körperliche Verfassung, seine Krankengeschichte, scheint Andreas V. gern wie ein Schutzschild vorzuhalten. So jedenfalls beschreibt Psychiaterin Marianne Miller, die den Hauptangeklagten in mehreren Treffen begutachtet hat, ihren Eindruck am Freitag vor dem Landgericht Detmold.

Zwei Mal hat Psychiaterin Miller Andreas V. während seiner Untersuchungshaft getroffen, in der er sich seit seiner Verhaftung im Dezember 2018 befindet. Vorgeworfen wird dem 56-jährigen Dauercamper schwerer sexueller Kindesmissbrauch in 293 Fällen. Die jüngsten Opfer waren gerade einmal vier Jahre alt, die ersten Fälle schon in den 90er-Jahren geschehen. Auch seine heute achtjährige Pflegetochter soll er über Jahre missbraucht und dabei gefilmt haben. Die Aufnahmen wurden ins Internet gestellt, im Livestream, mindestens in einem Fall im Auftrag eines anderen Mannes.

Fall Lügde: Was ist das für ein Mann, der so etwas tut?

Was ist das für ein Mensch, der so etwas tut? Wie ist er aufgewachsen, erzogen, sozialisiert worden? Gutachterin Miller gegenüber zeigte sich Andreas V. wenig kooperativ. Fragen zu seiner Biografie beantwortete er zwar, zu den Missbrauchsfällen verweigerte er jede Aussage – wie auch schon den Ermittlern gegenüber. So zeichnet die Psychiaterin vor Gericht ausführlich das Bild eines durchschnittlich intelligenten Mannes mit einem IQ von 110 – und einer durchschnittlichen Kindheit.

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Als drittes und jüngstes Kind mit zwei (Zwillings-)Schwestern sei er als Sohn eines Schuhmachers und einer Reinigungskraft unter „besten Bedingungen“ in Duisburg aufgewachsen. Er habe weder Gewalt noch sexuellen Missbrauch oder sonst eine traumatische Erfahrungen in seinem Leben gemacht und eine normale schulische Laufbahn absolviert. Nach einer abgebrochenen Schreinerlehre arbeitet Andreas V. je einige Jahre als Lieferant, Stahlarbeiter und LKW-Fahrer – bis er mit seinen Eltern vom Ruhrgebiet ins ostwestfälische Lügde zieht. Auf dem Campingplatz tut seinem kranken Vater die Luft gut, die Mutter hat weniger Hausarbeit und er selbst findet als Platzwart seine Aufgabe.

Wie wird so jemand zum Kinderfänger? Gab es Anzeichen?

Mit 17 Jahren hat Andreas V. seine erste Freundin, mit Anfang 20 für drei Jahre lang eine zweite und bis heute letzte. Beide Frauen sind in seinem Alter, mit beiden führt er ein Sexualleben, was er Gutachterin Miller im Nachhinein als „ernüchternd“ und „zunehmend langweilig“ beschreibt. Kinder gibt es auch in seinem Umfeld, einer seiner Neffen zieht sogar mit auf den Campingplatz. Doch die sexuelle Fixierung auf sämtliche Kinder des Campingplatzes fällt laut Gutachten mit etwas anderem zusammen: Es ist etwa der Zeitpunkt, als das kleine Mädchen in sein Leben tritt, das später seine Pflegetochter wird. Es ist der Zeitpunkt, an dem Andreas V. gerade berufsunfähig geworden ist, weil er körperlich rekapitulieren muss: Nach einer komplizierten Fuß-OP nimmt er extrem an Gewicht zu, wird herzkrank, bekommt einen Bypass, nimmt wieder 80 Kilogramm ab. Seinen Job als Platzwart muss er aufgeben, seine Eltern sind inzwischen verstorben – von nun an widmet er sich nur noch den Kindern. „Er schuf ein Kinderparadies“, heißt es immer wieder vor Gericht.

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„Er hat diese Mädchen als Ersatz gewählt, aus Frust“, sagt am Freitag Gutachterin Miller. Er sei nicht in der Lage, Beziehungen mit Frauen seines Alters zu führen. Sie attestiert ihm eine antisoziale, narzisstische Persönlichkeit, die dazu neigt, Menschen in seiner Umgebung auszunutzen. Es sei nicht ganz klar, ob seine Taten rein krankhafte, sexuelle Bedürfnisse befriedigen sollten – oder die von Macht und Überlegenheit. Als „kernpädophil“ im medizinischen Sinne gelte er nicht, auch durch seine Beziehungen und angeblich gelegentlichen Affären mit Gleichaltrigen.

Gutachterin hält Andreas V. für voll schuldfähig

Für voll schuldfähig hält die Gutachterin Andreas V. aber unzweifelhaft. „Die Wahrscheinlichkeit, dass er auch nach einer sehr langen Haftzeit wieder solche Taten begeht, ist sehr hoch“, begründet Miller ihre Forderung nach Sicherungsverwahrung. Der Empfehlung schloss sich die Staatsanwaltschaft am Freitag an: In ihrem Plädoyer, das unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, fordert sie 14 Jahre Haft für Andreas V. mit anschließender Sicherungsverwahrung. Ebenso für seinen Komplizen, den 33-jährigen Mario S. aus Steinheim, für den sie eine Haftstrafe von 12 Jahren und sechs Monaten forderten. Ein Urteil wird für Anfang September erwartet. Bis dahin haben die Anwälte der Nebenklage, die Verteidiger der Angeklagten und die Angeklagten selbst noch das Wort.

Von Julia Rathcke/RND

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