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Panorama Bekommt dieser Ort nun endlich Straßennamen?
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19:36 02.02.2019
Hilgermissen in Niedersachsen: Hier steht am Sonntag eine historische Entscheidung bevor. Quelle: dpa
Hilgermissen

Bernd Voß findet es ärgerlich, dass es in seinem Ort keine Straßennamen gibt. Ständig müsse er Kunden und Lieferanten den Weg erklären, weil die Navigationsgeräte seine Firma nicht finden, erzählt der 51-Jährige, der in der niedersächsischen Gemeinde Hilgermissen einen Betrieb für Bedachung und Fassadenbau leitet. Ihm zufolge werden manche Lieferungen zu spät oder an falscher Stelle abgeladen, weil die Fahrer die Adresse nicht finden. „Wir Unternehmer haben jeden zweiten, dritten Tag, damit zu tun.“ Die schlechte Auffindbarkeit koste Zeit, Nerven und Geld.

Die Orientierung in Hilgermissen, das zur Samtgemeinde Grafschaft Hoya im Landkreis Nienburg/Weser gehört, ist für Ortsunkundige mitunter schwer. Straßennamen gibt es nicht und aufeinanderfolgende Hausnummern stehen nicht unbedingt nah beieinander. Mal folgt auf eine 18 die Nummer 38, mal steht Nummer 20 neben Nummer 37. „Es gibt aufeinanderfolgende Hausnummern, die rund drei Kilometer voneinander entfernt sind“, erzählt Arne Röhrs, der sich mit Gleichgesinnten für Straßennamen einsetzt. Ob ihr Anliegen umgesetzt wird, zeigt sich am 3. Februar. Dann können knapp 1900 Wahlberechtigte ob Hilgermissen Straßennamen bekommt oder nicht.

Hilgermissen-Oberbürgermeister: „Es gibt dadurch auch persönliche Konflikte“

Gemeindedirektor Wilfried Imgarten hofft, dass danach wieder Ruhe unter den fast 2200 Bürgern einkehrt. „Die Gemeinde ist sehr gespalten in der Frage“, sagt der 58-Jährige. „Leider gibt es dadurch auch persönliche Konflikte. Das geht manchmal durch eine Familie. Viele empfinden es als belastend.“ Der Bürgermeister von Hilgermissen, Johann Hustedt, erlebt das ähnlich. „Es kocht zum Teil ziemlich hoch. Das ist nicht gut. Wir müssen auch in Zukunft zusammenleben“, sagt Hustedt.

Diskussionen über Straßennamen gibt es in Hilgermissen seit vielen Jahren. Bei einer Abstimmung im Jahr 2013 sprach sich eine Mehrheit von 60 Prozent dagegen aus. Rund drei Jahre später forderte der Arbeitskreis Dorfentwicklung, die Auffindbarkeit in der Gemeinde zu verbessern. Um passende Wege zu finden, wurde bei der Universität Osnabrück ein Gutachten bestellt. Dieses empfahl eine Adressbildung mit Straßennamen. Der Gemeinderat stimmte daraufhin im Jahr 2018 mit sieben zu fünf Stimmen für die Einführung von Straßennamen.

Zwei Männer und eine Frau initiierten daraufhin ein Bürgerbegehren. Sie verwiesen darauf, dass 2013 eine Mehrheit der Menschen in Hilgermissen Straßennamen abgelehnt hatte und sammelten Hunderte Unterschriften. So erreichten sie, dass die Bürger am 3. Februar folgende Frage beantworten können: „Soll das Ergebnis der Bürgerbefragung von 2013 weiterhin Gültigkeit haben und deshalb keine Straßennamen in der Gemeinde Hilgermissen eingeführt werden?“ Das Ergebnis der Abstimmung ist zwei Jahre lang bindend.

Rettungsdienste sollen auch ohne Straßennamen zurechtkommen

Einer der Initiatoren des Bürgerentscheids ist Jürgen Stegemann. Aus Sicht des 79-Jährigen braucht die Gemeinde keine Straßennamen. „Es gibt ein oberstes Gebot. Im Notfall müssen die Rettungsdienste innerhalb von 15 Minuten hier sein.“ Dies sei auch ohne Straßennamen möglich. „Wir haben mit der Leitzentrale gesprochen und mit örtlichen Rettungsstationen. Sie haben uns versichert: Wir finden jeden.“

Die Befürworter von Straßennamen verweisen darauf, dass es im Notfall auf Minuten ankommen kann. Mit Straßennamen und geordneten Hausnummern sei die Orientierung leichter, sagt der Biologie- und Chemie-Lehrer Röhrs. Stegemann betont dagegen, dass die Rettungsdienste solch moderne Navigationstechnik haben, dass sie auch ohne Straßennamen schnell zum Ziel finden. Ihm zufolge gibt es grundsätzlich keine Probleme mit der Orientierung. „Es gibt wenig Verwirrung. Wenn Leute jemanden suchen, finden sie ihn problemlos.“ Aus Sicht des früheren Landwirts sind Straßennamen in dicht besiedelten Orten sinnvoll, in Hilgermissen mit vielen Einzelhoflagen brauche man sie nicht. „Durch die Eingrenzung der Ortsschilder kennt man den Bereich. Auf Karten ist das alles gut eingezeichnet“, sagt er mit Blick auf die Unterteilung der Gemeinde in acht Ortsteile. „Die Post will nur drei Zeilen: Name, Straße, Ort.“ Mit Straßennamen sei für die traditionellen Ortsteile kein Platz mehr, was einen großen Verlust bedeuten würde. „Die Ortsteilnamen sind ein Kulturgut, eine gewisse Tradition.“ Derzeit steht in den Adressen statt einer Straße meist der Ortsteil vor der Hausnummer. Bei Menschen aus dem Ortsteil Hilgermissen steht das Wort „Hausnummer“ im Ausweis.

Nach Einschätzung des Gemeindedirektors gibt es in Hilgermissen viele Menschen, die an den Ortsteilnamen hängen. Ihm zufolge müssten die Bezeichnungen aber nicht unbedingt aus der Adresse verschwinden, sondern könnten in den Straßennamen auftauchen. Die Befürworter der Straßennamen sehen sogar den Vorteil, dass alte Flurbezeichnungen und die Namen kleiner Dörfer wieder Teil der Adresse werden könnten. „Die Tradition bleibt gewahrt“, schreibt die Interessengemeinschaft für Straßennamen, zu der auch Röhrs gehört.

Die Straßennamen-Gegner sehen das anders und verweisen auf andere Orte ohne Straßennamen. In der Tat gibt es bundesweit solche Dörfer. „Von einer dreistelligen Zahl ist deutschlandweit durchaus auszugehen“, sagt der Sprecher der Deutschen Post DHL Group, Stefan Heß, in dessen Heimatregion es auch ein Dorf ohne Straßennamen gibt.

Von RND/Helen Hoffmann

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