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Panorama 22. Schlagermove: Schriller Ausstieg aus dem Alltag
Nachrichten Panorama 22. Schlagermove: Schriller Ausstieg aus dem Alltag
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21:35 14.07.2018
Zahlreiche Besucher des Schlagermoves fahren mit Wagen an den Landungsbrücken entlang und feiern zur Musik Quelle: dpa
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Hamburg

„Steht auf, wenn Ihr für Schlager seid“, skandiert eine Gruppe junger Leute auf ihrem Weg von der U-Bahnstation Landungsbrücken auf den Hamburger Kiez – allesamt angetan mit leuchtenden Teufelshörnern in grellbunten Perücken, Hawaiihemden, Blumenketten oder auch Schlaghosen und Minröcken in psychedelischen Mustern. Fast 400.000 Fans haben sich nach vorläufigen Angaben des Veranstalters das Motto am Sonnabendnachmittag bereits zu eigen gemacht.

In ähnlich schriller Retro-Verkleidung, viele mit Bierdosen, Fischbrötchen und Bratwurst in der Hand, tanzen, singen und schunkeln sie auf dem Areal zwischen Heiligengeistfeld, Fischmarkt und Reeperbahn. Es ist der Karneval des Nordens – der 22. Schlagermove.

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Vollalarm auf der Reeperbahn: Bei bestem Sommerwetter feierten 400.000 Schlagerfans auf dem Kiez. Quelle: dpa

Dessen Kernstücke bilden 46 schwere, von Privatleuten und Firmen finanzierte Trucks mit aufgebauten Musikanlagen, die im Minutentakt über die 3,3 Kilometer lange Strecke auf St. Pauli rollen. Kult-Hits der 60er bis 80er ertönen von ihnen in voller Lautstärke – ob „Ein Bett im Kornfeld“, „Schöne Maid“, „Manchmal möchte ich schon mit Dir“ oder „Fiesta Mexicana“. Neben Hardcore-Fans in Schlumpf-Outfit und Bayerntracht, die Bonbons und Konfetti in die Menge werfen, lassen sich auf den von nah und fern herbeigefahrenen Wagen auch Stars der Szene von damals live blicken. In diesem Jahr etwa Bernhard Brink, Bata Illic, Klaus und Klaus sowie erstmals Eva von den Jacob-Sisters.

Die Trucks bahnen sich den Weg durch die Fans – hier an der Helgoländer Allee auf St. Pauli. Quelle: dpa

Aus einer Idee von Freunden geboren, hatte der allererste Schlagermove 1997 bereits 14 Trucks und einige Zehntausend Fans angezogen. Seither haben laut Sprecher Axel Annink von der Hossa-Hossa Veranstaltungsgesellschaft mbH wohl 8,6 Millionen die Riesenfete bei freiem Eintritt gefeiert. Besondere Zwischenfälle sind auch nach Polizeiaussagen in den ersten Stunden der Massenveranstaltung 2018 nicht zu verzeichnen.

Das gibt es in Hamburg nur beim Schlagermove: Verkleidet mit bunten Perücken, großen Sonnenbrillen und Schlaghosen haben 400.000 zumeist jüngere Fans 46 Trucks mit aufgebauten Musikanlagen zugejubelt, die vom Heiligengeistfeld über Landungsbrücken und Reeperbahn an ihnen vorbeirollten.

Wer mag denn auch eine ausgewachsene Biene Maja schlagen? Als Übeltäter lassen sich auf den ersten Blick hier und da höchstens jene ausmachen – die ihre Dosen, Flaschen und Plastikbecher gern mal auf der Straße entsorgen. Da sind dann aber schnell Ordnungskräfte hinterher und sammeln den Müll stillschweigend ein. Dennoch haben die Veranstalter immer wieder mit dem Unmut der Anwohner zu kämpfen.

Die Feierenthusiasten zwischen 18 und 80 Jahren – die meisten eher jung – lassen sich davon ohnehin nicht verdrießen. „Das hat so eine Eigendynamik – die sind gar nicht mehr Herr ihrer Sinne“, analysieren drei Freundinnen gut gelaunt die Ausgelassenheit ihrer Mitmenschen. Von 15.00 bis 20.00 Uhr genießen die Fans wie jedes Jahr die größte deutsche Schlager-Parade.

Anschließend steht auch diesmal noch eine kostenpflichtige Aftermove-Party in fünf Zelten auf dem Heiligengeistfeld auf dem Plan, bei der DJs und weitere prominente Künstler den Besuchern einheizen wollen. Dort hatte das Festival am Freitagabend in fünf Zelten mit einigen Tausend Gästen begonnen.

Schnell spürbar wird der altersbedingt unterschiedliche Erfahrungshintergrund der Fans. So erklären die Freundinnen Faby (19) und Dana (20) aus dem niedersächsischen Buxtehude, dass sie zu den 1970er Jahren an sich keine innere Beziehung empfänden – die einschlägige Musik aber klasse fänden. „Wir hören das auch in unserer Freizeit – dazu kann man besser feiern“, sagen die beiden jungen Frauen kichernd, die zum ersten Mal auf dem Move und dazu in ihre Dirndl vom vergangenen Oktoberfest geschlüpft sind.

„Ich hätte nie gedacht, dass das mal wiederkommt“, reflektiert dagegen der 79-Jährige, farbig gekleidete Bernd aus Hamburg den Sound von einst. Schließlich hätten viele Menschen damals anspruchsvollere, englischsprachige Songs – etwa von den Beatles und den Stones – bevorzugt. Dennoch ist Bernd, der von seiner Freundin Birgit (70) begleitet wird, bereits zum zehnten Mal dabei. „Das Bunte, die Menschen, die Freude, die Stimmung, das Lachen, das Singen und das Tanzen“ – all das begeistere ihn einfach.“

Von RND/dpa