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Netzwelt „Anno 1800“: Makellos schön – und kurz vor der Verharmlosung
Nachrichten Medien Netzwelt „Anno 1800“: Makellos schön – und kurz vor der Verharmlosung
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09:05 15.04.2019
Anno 1800 ist ab dem 16. Februar im Handel. Quelle: Ubisoft
Berlin

Von oben ist alles besser zu ertragen. Rauchende Ruinen, qualmende Schlote, sogar die wütend marschierenden Arbeiterhorden – sie wirken versöhnlicher, fast niedlich, wenn sie nur klein sind und weit genug weg. Das passt, denn der Mob marschiert durch „Anno 1800“, die neueste Fortsetzung einer Reihe gemütlicher Aufbauspiele. In dem altehrwürdigen Genre blicken Spieler von oben auf Länder, Städte oder Inseln und klicken sich ihre Traumsiedlungen zusammen.

Auch die Anno-Serie ist inzwischen stolze zwanzig Jahre alt und vor allem in Deutschland eine Institution. Die Computerspiele aus Mainz treffen sehr genau einen deutschen Geschmack, der international auch belächelt wird. Sie wirken im Vergleich zu anderen Spielen idyllisch und detailverliebt. So etwas spielen Menschen, die Geduld und Spaß an stillen Freuden haben.

Anno – ein Spiel mit viel Zeit und wenig Druck

Und genau so, wie zu einer guten Modelleisenbahn auch eine Kleinstadt gehört, in der ein brennendes Haus von einer Spielzeugfeuerwehr gelöscht wird, so hat auch die Anno-Serie schon immer ein bisschen Konflikt im Programm. Die Bürger sind auch mal unzufrieden, hin und wieder werden sogar Kriege geführt. Aber im Schwerpunkt bleibt Anno eine Serie mit viel Zeit, mit wenig Druck, und mit großer Aufmerksamkeit für Kleinigkeiten. Hier wird noch jede Straße mit der Maus verlegt. Spieler errichten Bauernhäuser, platzieren Fischereihütten, Sägewerke und Kapellen. Sie gestalten ein langsames, stetiges Wachstum.

Gespielt wird immer einen halben Schritt neben der verbürgten Realität, auf unspezifischen Inseln statt echten Ländern. Zuerst müssen die Grundbedürfnisse der eigenen Menschen gestillt werden, dann beginnt der Handel mit Nachbarinseln und der langsame Aufbau des Handwerks. Mit der Zeit werden Häuser aufgerüstet, und die Abhängigkeiten zwischen dem Abbau der Ressourcen und ihrer Verarbeitung, zwischen Handel, Diplomatie und Kriegsführung wird komplexer. Den ganzen Aufbau hindurch gibt es immer eine Handvoll konkreter Aufgaben und Ziele, mit denen Spieler sich beschäftigen. Irgendwann, nach dutzenden Spielstunden, zoomen sie dann heraus und stellen erstaunt fest: Das habe alles ich gebaut.

Anno 1800 findet noch eine Lücke

Nach diesem Prinzip funktionieren bisher alle Anno-Spiele. Seit dem Anfang vor 20 Jahren mit „Anno 1602“ findet jede Fortsetzung in einer neuen Epoche statt. Von 1404 bis 2205 reichen inzwischen die Szenarien, und immer wurden neue Akzente gesetzt. Je nach Jahrhundert konnten Kreuzzüge oder der Klimawandel neue Herausforderungen liefern. Und natürlich sah die hübsche Modellbaustadt mit jeder Fortsetzung wieder anders und schön aus.

Das neue Spiel findet noch eine Lücke: das neunzehnte Jahrhundert. Creative Director Dirk Riegert erklärt die kreative Entscheidung. „Das Zeitalter der industriellen Revolution ist sehr interessant“, sagt er, und das Setting sei bei der Serie ja immer entscheidend. Die Zeit zwischen 1800 und 1900 hat nicht nur interessante Umbrüche gesehen, sondern auch „viele Dinge, die gute Spielfeatures abgeben“. Einerseits muss er es wissen, denn Riegert hat zuvor entscheidend an den Anno-Spielen 1701, 1404, 2070 und 2205 mitgewirkt. Andererseits klingt es schon so, als müsse inzwischen genommen werden, was noch übrig ist. Jedes Anno-Spiel hat bis hierhin in einem neuen Jahrhundert gespielt, jedes trug eine Jahreszahl mit der Quersumme neun im Titel. Wenn es in dieser Tradition weitergehen soll, dann müsste ein neues Anno in der fernen Zukunft oder der grauen Vergangenheit spielen.

„Anno 1800“ wirkt anfangs sehr glatt geschliffen

Dass 1800 kein Datum von der Resterampe sei, betont auch Community Developer Bastian Thun. Er weiß, dass sich die Fans der Serie schon lange diese Epoche gewünscht haben. Und sein Team hat gelernt, das engagierte Publikum als Chance zu begreifen. „Wir haben uns konstant Feedback von den Spielern eingeholt“, sagt Thun. Seine Stelle wurde extra geschaffen, um der Community eine Stimme bei der Entwicklung zu geben. In Vorab-Tests durften Spieler sich den Titel anschauen, eine „Anno Union“ wurde gegründet, in der nicht nur die deutschen Fans diskutieren.

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Das Ergebnis wirkt zumindest anfangs sehr glatt geschliffen. Nicht nur die Grafik ist makellos schön, auch der Menüsalat ist genau abgestimmt. Ziele werden immer klar erklärt, die komplexen Baumöglichkeiten werden langsam aufgefächert. Wer weiß, wie er klicken muss, der kommt schnell durch. Der Aufbau kompletter Häuserblocks oder kleiner Parks klappt präzise und einfach.

Auch für Neueinsteiger fühlt sich „Anno 1800“ schnell vertraut an

Ein Widerspruch zwischen dem Aufbauspiel und seinem Thema wird allerdings deutlich. Die Menschen des 19. Jahrhunderts flüchteten sich selbst in eine heilere Vergangenheit. Es war die Zeit von Biedermeier und Romantik, weil es den Leuten ungemütlich wurde; mit der Industrialisierung lösten sich die alten Lebenswelten auf. Was an ihre Stelle treten würde, das war ungewiss. Anno ist das Gegenteil; wer sich davorsetzt, der betritt einen Pfad des sicheren Wachstums. Auch für Neueinsteiger fühlt sich das Spiel schnell vertraut an, es macht keine Hektik und es gibt zur Not ein paar Tipps.

„Anno 1800“ steht kurz vor der Verharmlosung seiner Spielwelt. Wenn es einen Streik gibt, dann können Spieler die Lebensbedingungen der Arbeiter recht einfach verbessern, und der Streik hört auf. Am Ende einer langen Aufbaustrecke, wenn der Handel mit der neuen Welt steht, können Spieler ihre Städte mit Museen oder Zoos krönen – ein kolonialistisches Vergnügen. Ein bewusster Kontrast ist deutlich angelegt im neuen Anno: Zuerst wird die Idylle aufgebaut, dann wird sie mehr oder weniger deutlich zerstört. Die Industrie zieht ein, Landstriche färben sich grau, und die Hintergrundmusik dröhnt düster. Aber immer noch liegt ein gnädiger Grafikfilter über der Unruhe, es wirkt wie ein Aufstand in der Puppenstube.

Der Kontrast macht das Spiel nicht kaputt. Er ist sogar interessant; hier können sich die Bastler fragen: Was finde ich eigentlich schön? Was für eine Welt will ich bauen? Und wie würde unsere unruhige Zeit wohl aussehen, wenn wir sie 200 Jahre später in einem Aufbauspiel nachstellen?

Anno 1800 ist ab dem 16. April für Windows-PCs erhältlich und kostet 60 Euro.

Von Jan Bojaryn/RND

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