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Medien Kritik zum Tatort aus Frankfurt: So war „Das Monster von Kassel“
Nachrichten Medien Kritik zum Tatort aus Frankfurt: So war „Das Monster von Kassel“
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09:14 13.05.2019
Auf Spurensuche: Constanze Lauritzen (Christina Große, v. l.), Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch). Quelle: Foto: Degeto/HR
Kassel

Keine Sorge, echte Monster gibt es selbst in Kassel nicht. Aber zumindest monströs, weil unvorstellbar grausam beginnt der neunte „Tatort: Das Monster von Kassel“ mit dem Frankfurter Ermittlerduo Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch).

In der Anfangsszene sieht der Zuschauer einen Kapuzenmann, der nachts im strömenden Regen mitten im Wald mit einer Axt eine Leiche zerhackt. Die dann von ihm sorgsam verschnürten Leichenteile packt er anschließend in seinen Wagen.

Und danach folgt ein radikaler Schnitt: Mittlerweile bei Tageslicht läuft morgens in einer netten Kasseler Villa auf einem Fernseher die populäre Talkshow des holländischen Moderators Maarten Jansen. Eine Frau schaut genervt zu, sie wartet nämlich ungeduldig auf ihren Mann, auf Jansen, der dann verspätet angeblich vom Joggen zurückkehrt. Danach nimmt sie dessen Auto, um zu einem Seminar nach Frankfurt zu fahren.

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Beim Frankfurter „Tatort“ steht schnell der Mörder fest

Und nach einer Rückblende sieht man, wie der Täter die Leichenpakete neben Müllcontainern ablegt. Als er dann kurz an einer Ampel halten muss, nimmt er die Kapuze ab. Und es ist tatsächlich Jansen, der Moderator der Talkshow.

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Für den Zuschauer steht also schon nach wenigen Minuten fest, wer der brutale Mörder ist. Nicht so für Brix und Janneke, die in diesem Fall ermitteln müssen. Ein paar der Säcke mit den Leichenteilen werden nämlich in Frankfurt gefunden.

Für einen Frankfurt-“Tatort“ ist der Krimi erstaunlich konventionell

Dennoch stellt sich schnell heraus, dass die Spur nach Kassel führt – und der Ermordete kein anderer ist als der 17-jährige Stiefsohn des Fernsehmoderators Jansen. In Kassel beginnt dann für Brix und Janneke, die tatkräftig von der örtlichen Kommissarin Constanze Lauritzen (Christina Große) unterstützt werden, die eigentliche Ermittlungsarbeit. Die Mutter (Stephanie Eidt) und der ältere Bruder (Justus Johanssen) des Opfers werden befragt, auch eine junge Nachbarin und natürlich der Hausherr, der beliebte Showmaster.

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Gleichzeitig werden die Leichenteile und die Orte, wo man sie gefunden hat, sorgsam untersucht. Und diese akribische Ermittlungsarbeit steht dann auch eine Zeit lang im Mittelpunkt des für einen Frankfurt-„Tatort“ erstaunlich konventionell inszenierten Films.

Beim „Tatort“ entsteht ein erstaunlicher Sog

Aber langweilig wird der „Tatort“ dennoch nicht, sondern er entwickelt einen erstaunlichen Sog. Zwar gerät Jansen immer mehr ins Visier der Ermittler, und es ist auch spannend anzuschauen, wie sich langsam die Schlinge um seinen Hals zu schließen scheint. Aber völlig unklar bleiben die Motive dieser Tat. Und so hat der Zuschauer zwischendurch sogar Zweifel, ob Jansen tatsächlich der Mörder ist oder ob er vielleicht nur die Leichenteile „entsorgt“ hat. Außerdem ist ja auch der Bruder des Opfers irgendwie verdächtig. Und wie selbstsicher Jansen auch im ausführlich gezeigten Verhör mit Janneke auftritt, nährt zusätzlich die Zweifel an seiner Schuld.

Von alldem lebt dieser „Tatort“, bei dem also nicht die Suche nach dem Täter im Mittelpunkt steht, sondern die Motive seiner Tat – und damit auch der Charakter dieses unglaublich brutalen Mörders. Schließlich ist es eigentlich unvorstellbar, dass so ein erfolgreicher Typ, der wohlhabend ist, in einer schicken Villa mit seiner attraktiven Frau lebt und der zudem von seinen zahlreichen weiblichen Fans umschwärmt wird, solch eine Tat vollbringt.

Der „Tatort“ wird zum pessimistischen Seelentrip

Eine Tat, mit der er ja riskiert, sein Leben, seine Familie und seine Karriere zu zerstören. Und so wird der von Umut Dag inszenierte Film (Drehbuch: Stephan Brüggenthies, An­drea Heller) gleichsam zu einer Reise in die Abgründe einer Seele eines Menschen, der für eigentlich unfassbare Dinge verantwortlich ist. Dadurch gerät Barry Atsma, der diesen Mörder spielt, auch zwangsläufig in das Zentrum des Films. Und es ist seinem guten darstellerischen Können zu verdanken, dass dieser pessimistische Seelentrip überhaupt so beängstigend glaubhaft wirkt.

Eine wirklich herausragende Leistung, die allerdings ein wenig geschmälert wird, weil die Figur des umschwärmten Talkmasters wie ein längst überlebtes Relikt aus den 90er-Jahren wirkt. Heute hat man in der Medienwelt ganz andere Probleme und ganz andere Typen. Und am Schluss, nach all diesen verstörenden Szenen, gibt es dann auch noch einen echten Lichtblick. Der schrullige Chef (Bruno Cathomas) von Brix und Janneke kündigt nämlich seinen Job, um sich zukünftig nur noch mit den schönen Dingen im Leben, also der Dichtkunst, zu beschäftigen. Eine weise Entscheidung.

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Tatort“ verpasst?

Der „Tatort“ im Ersten läuft sonntagabends um 20.15 Uhr, direkt nach der Tagesschau. Wiederholungen von „Das Monster von Kassel“ sind am Sonntag ab 21.45 und noch einmal um 23.45 Uhr auf dem ARD-Digitalsender ONE zu sehen.

Wer kein Fernsehgerät besitzt, kann den Tatort auch über das Internet, in der ARD-Mediathek online streamen.

Von Ernst Corinth/RND

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