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Medien „Chernobyl“ – Minserie über die Reaktorkatastrophe
Nachrichten Medien „Chernobyl“ – Minserie über die Reaktorkatastrophe
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18:00 13.05.2019
Größter anzunehmender Unfall: Die Serie „Chernobyl“ zeichnet die Reaktorkatastrophe in der Ukraine nach. Quelle: Foto: Sky
Tschernobyl

Wie schlimm eine Katastrophe ist, erschließt sich oft sofort, manchmal abe erst mit fatalem Verzug. Letzteres gilt etwa für den menschenverursachten Treibhauseffekt, der auch lange nach seiner Unwiderlegbarkeit geleugnet oder ignoriert wurde und wird. Und alles scheint in seiner Dimension völlig klar, wenn etwas weithin sichtbar in die Luft geht.

In der Sowjetunion durfte nicht sein, was nicht sein darf

Wie am 26. April 1986, als der Reaktorblock 4 von Tschernobyl explodierte. Der Name steht seither wie Utøya, Seveso oder Ramstein für Ereignisse, die von ihrem Ort nicht zu trennen sind. Durch diesen GAU wären schließlich nicht nur weite Teile der UdSSR, sondern halb Europas unbewohnbar geworden – hätte sich die Ignoranz der Leugner gegen die Vernunft der Mahner durchsetzt.

Wie knapp es seinerzeit zuging, malt eine HBO-Serie ab heute dienstags auf Sky in beigegrauer Patina an den Bildschirm. Sie heißt „Chernobyl“ und erzählt das Drama als Echtzeitdesaster, das zwar vom ersten Moment an und zugleich in der Verzögerung katastrophal ist.

Wie in Diktaturen üblich, durfte schließlich nicht sein, was die Unfehlbarkeit der Herrschenden in Frage stellt. So wird das Publikum nach Craig Mazins akribisch recherchiertem Drehbuch von Beginn an in eine Fiktion gezogen, die Regisseur Johan Renck („Breaking Bad“) wie ein Gemälde von Hieronymus Bosch in der Kulisse eines Kammerspiels von Max Frisch inszeniert.

Jared Harris als Funktionär, der den Schuldigen entgegentritt

Während tausende schutz- und ahnungsloser Hilfskräfte das Höllenfeuer des schmelzenden Reaktorkerns bekämpfen, einigt sich die verantwortliche Nomenklatura aus sicherer Entfernung nämlich darauf, eigentlich sei gar nichts los. Wie ihre Arbeiter auf dem Werksgelände währenddessen vergebens Geigerzähler suchen, wie Anwohner beim Wodka im Fallout übers Farbenspiel des Feuers am Horizont rätseln, wie schon in dessen Licht die Verdrängungskampagne der Schuldigen beginnt – all dies zeigt eindrücklich, dass die Katastrophe eine Zeit nach dem Knall erst richtig Fahrt aufnimmt.

Verkörpert wird sie zu angenehm minimalistischer Musik durch den fabelhaften Jared Harris als Valery Legasow, der als Direktor des Kurschatow-Institus für die Liquidierung des toxischen Meilers zuständig war.

Zum Serienauftakt nimmt er zwei Jahre nach dem Unfall in seiner muffigen Moskauer Wohnung ein Geheimprotokoll all der bürokratischen, politischen, persönlichen Führungsfehler auf – und dann sich selbst das Leben, bevor ihn die anschließende Rückblende im Moment der Katastrophe als Funktionär zeigt, der den wahrhaft Schuldigen als einer der wenigen im Duckmäusersozialismus aufrecht entgegentritt. Allen voran der Kremlgröße Boris Shcherbina (Stellan Skarsgård).

Chernobyl“ – Drama einer desaströsen Krisenbewältigung

Mit ihm liefern sich Legasow und die Atomwissenschaftlerin Ulyana Khomyuk (Emily Watson) fortan ein episches Tauziehen um Klarsicht und Kalkül einer Staatspartei, die selbst ihr neuer Generalsekretär Michail Gorbatschow (David Dencik) noch nicht kleinkriegt.

Gerade die hornbrillenbewehrte Selbstgerechtigkeit jedoch, mit der ein greiser Funktionär unterm Applaus willfähriger Genossen um Zutrauen in Staat, Partei, Sozialismus bittet und Kontaktsperre, Desinformation, Zusammenhalt fordert, während nebenan noch Feuerwehrleute verrecken, soll die Zuschauer offenbar auch ein wenig in Sicherheit wiegen. Ist ja alles weit weg – zeitlich, politisch, geografisch.

Am Ende aber – das mischt die Serie eher unterschwellig ins Geschichtsdrama einer desaströsen Krisenbewältigung – war Tschernobyl nur Abbild unserer Gegenwart, die in eine ähnlich vermeidbare Katastrophe rast: den Klimawandel.

Chernobyl“ ost kein Zeigefinger-Historytainment

Dass die Serie „Chernobyl“ am gespenstisch authentischen Drehort des stillgelegten Schwesterkraftwerks Ignalina in Litauten trotzdem kein Zeigefinger-Historytainment geworden ist, sondern trotz bekannten Ausgangs klug und fesselnd, liegt ausnahmsweise weder an Ausstattung noch Erzählung allein. Die Absurdität dieser größten aller Zivilkatastrophen trägt das Drehbuch bereits tief in sich.

Von Jan Freitag / RND

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