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Medien & TV TV-Drama zur Flüchtlingskrise: Der Tag, der Deutschland verändert hat
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13:57 04.09.2019
Dramatische Zuspitzung: Bernhard Kotsch (Stefan Mehren) mit Angela Merkel (Heike Reichenwallner) in einer Szene des Dokudramas „Stunden der Entscheidung – Angela Merkel und die Flüchtlinge“. Quelle: Hans-Joachim Pfeiffer/ZDF/dpa

In kritischen Porträts wird Angela Merkel gern als zaudernde Regierungschefin charakterisiert, die unbequeme Entscheidungen so lange wie möglich hinauszögert. Deshalb sticht dieser eine Moment aus den Jahren ihrer Kanzlerschaft heraus: In der Nacht vom 4. auf den 5. September 2015 beschloss sie, das Leid der syrischen Flüchtlinge an der Grenze zu beenden. Christian Twentes Film „Stunden der Entscheidung“ (Mittwoch, 4. September, 20.15 Uhr im ZDF) rekonstruiert die Ereignisse in einer mit packender Thrillermusik unterlegten Parallelhandlung: hier ein zunächst ganz normaler Tag im Leben einer Bundeskanzlerin, dort die vielen Menschen, die über die sogenannte Balkanroute vor dem Krieg in Syrien geflohen und zu Hunderten im Budapester Bahnhof gestrandet sind.

„Stunden der Entscheidung“ gibt Einblicke in den Regierungsalltag

Twente erzählt die Geschichte in Form eines Dokudramas (Drehbuch: Sandra Stöckmann, Marc Brost). Er dreht im Grunde Spielfilme, die durch dokumentarisches Material ergänzt werden, ist eher ein Dokumentarist, der Spielszenen nutzt, um die Leerstellen des Archivmaterials zu schließen. Eindruck machte sein Film „Karl Marx - der deutsche Prophet“ mit Mario Adorf als altem Marx.

In diesem Fall ist das allerdings besonders interessant, weil „Stunden der Entscheidung“ ins Zentrum der Macht vorstößt. Der im Auftrag der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte entstandene Film wäre wegen der Einblicke in den Regierungsalltag auch ohne die ungarische Ebene sehenswert. Zum Glück hat Twente bei der Besetzung der zentralen Rolle auf vordergründige Verblüffungseffekte verzichtet und keines jener Merkel-Doubles gewählt, die sich öffentlich als Doppelgängerinnen inszenieren, sondern mit Heike Reichenwallner eine erfahrene Schauspielerin.

Heike Reichenwallner als Merkel ist das große Plus des Films

Reichenwallners Leistung als sympathische, humorvolle und auch mal herzhaft fluchende Kanzlerin hat maßgeblichen Anteil an der Qualität des Films, denn sie ist ausdrücklich keine Lückenbüßerin. Für die Darsteller um sie herum gilt das weniger. Mit Ausnahme von Gerhard Meseke als Peter Altmaier sind die Ähnlichkeiten mit den bekannten Protagonisten des Berliner Politbetriebs teilweise nicht mal flüchtiger Natur.

Das ist jedoch nicht weiter wichtig, weil neben Reichenwallner/Merkel alle anderen ohnehin nur Stichwortgeber sind. Ungleich bedeutsamer ist die schlüssige Kombination der drei unterschiedlichen Ebenen – Spielszenen, Interviews mit Entscheidungsträgern wie Thomas de Maizière oder Sigmar Gabriel sowie Ausschnitte aus TV-Sendungen und anderen Quellen – zu einem Gesamtwerk, das der Dramaturgie eines Spielfilms entspricht.

Dafür sorgt nicht zuletzt die Konzeption mit den beiden Parallelerzählungen: Während die Kanzlerin in ihrer Limousine quer durch die Republik Termine abarbeitet und sich immer wieder auf den neuesten Stand der Entwicklung in Ungarn bringen lässt, formieren sich dort die Flüchtlinge zum „March of Hope“ und wandern über die Autobahn Richtung österreichische Grenze.

Eine Gegengeschichte erzählt vom „Marsch der Hoffnung“

Merkels Pendant als Protagonist dieser Ebene ist Mohammad Zatareih (Aram Arami), der zum Anführer des Trecks wird. Auch hier gibt es jedoch eine kleine qualitative Einschränkung: Offenbar wollten die Verantwortlichen die ZDF-Zuschauer nicht mit Untertiteln behelligen, weshalb die Syrer in den Spielszenen fließend Deutsch sprechen. Obwohl bekannt ist, wie die Geschichte ausging, ist es Twente gelungen, auch diese Ebene spannend zu gestalten: Die ungarische Regierung bietet den Geflüchteten an, sie mit Bussen zur Grenze zu bringen, aber die Menschen fürchten, dass sie in Wirklichkeit in ein Lager transportiert werden sollen.

Die Entscheidung muss Merkel allein treffen. Als sie am späten Abend dieses turbulenten Tages endlich in ihrer Privatwohnung zur Ruhe kommt, erlauben sich Buch und Regie die vermutlich einzige künstlerische Freiheit des Films: Die Kanzlerin erinnert sich an die Bilder vom 9. November 1989, als ihre Mitbürger über die Grenze in den Westen strömten. Der Film könnte nun mit einem Happy End schließen: Die Syrer werden am Münchner Bahnhof herzlich von den Deutschen empfangen.

Twente fügt jedoch noch einen Epilog an, der daran erinnert, dass die Willkommenskultur irgendwann in ihr Gegenteil umgeschlagen ist; dafür stehen diverse Pöbeleien aus dem Off, allen voran Alexander Gaulands Drohung: „Wir werden Frau Merkel jagen.“

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RND/Tilmann P. Gangloff

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