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Medien & TV Naomi Watts thrillt in neuer Netflix-Serie „Gypsy“
Nachrichten Medien & TV Naomi Watts thrillt in neuer Netflix-Serie „Gypsy“
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08:00 03.07.2017
Spiel mit dem Feuer: Jean flirtet als Diane (Naomi Watts, r.) angeregt mit Sydney (Sophie Cookson). Was Sydney nicht ahnt: Jean ist Therapeutin ihres Ex und weiß alles über sie. Quelle: Netflix
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New York/Hannover

Naomi Watts hat auf Bildschirmen und Leinwänden gelegentlich mit richtigen Kultkerlen zu tun. Sie ist dann in der Regel sehr sorgsam und geduldig mit denen. Zuletzt betreute sie in der neuen Staffel von „Twin Peaks: The Return“ den legendären FBI Special Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan), der aus dem Jenseits zurückgekehrt war (was wohl jeden von uns verstört hätte). Und allen Filmfans vertraut ist natürlich ihre Beziehung zu „King Kong“. Unvergesslich, wie sie dem brummigen Achtmetergorilla in Peter Jacksons Verfilmung auf dessen Lieblingsfelsen mit ihren Varieté-Kunststückchen belustigte, oder mit ihrem haarigen Galan anmutig über ein zugefrorenes Gewässer im New Yorker Central Park schlitterte, als wäre sie Ginger Rogers und er Fred Astaire. Kein Zweifel: Watts hats!

Therapeutin in der Tinte

Auch in ihrer Quasi-Doppelrolle in „Gypsy“ sorgt sich die Schauspielerin nun wieder um andere Menschen. Sie spielt in der jüngsten Netflix-Originalserie die Therapeutin Jean Holloway. Die scheint ganz in ihrem Beruf aufzugehen, dem Zuhören, Notizenmachen, Problemlösen. In Wahrheit steckt die anderen professionell zugewandte Frau selbst seelisch in der Tinte. „Ich dachte immer, dass Menschen selbst über ihr Leben bestimmen“, vertraut sie dem Zuschauer an, „aber etwas ist stärker als unser freier Wille – unsere Begierde.“

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Jean glaubt felsenfest ans Unbewusste, daran, dass in jedem Menschen die dunkle Alternative schlummert, die einzig von Disziplin und Selbstkontrolle daran gehindert wird, in den Vordergrund zu treten. Eine Frau, deren Spiegelbild man unheimlich und symbolisch im Fenster der ausfahrenden U-Bahn davonfahren sieht. Jeder Mensch auf Erden ist eigentlich jemand ganz anderes – so Jeans recht steile These. Und sie wünscht sich weg von ihrer trauten Vorstadtwelt.

Ein zweites Leben – keine Schizophrenie

Warum Jean so abgefahren ist, wird von Serienschöpferin und -autorin Lisa Rubin offen gelassen. Viele kleine Erklärungsversuche wirken widersprüchlich. Sie habe sich stets „unsichtbar“ gefühlt sagt Jean, obwohl jeder Raum angeregt seufzt, wenn die attraktive Blondine ihn betritt. Es werden Andeutungen gegeben, wonach sie einst von einem Patienten gestalkt worden sei, aber sie stalkt selbst ungeniert andere Menschen.

Dann aber als Diane Hart, ihre andere Persönlichkeit, ihr anderer Mensch, eine Journalistin, die als Single in der West Side lebt. Die von ihrer eigenen, leicht rebellischen Tochter dann als Nichte spricht, und über ihr Leben als Jean als wäre es das ihrer Schwester. „Ich habe das Gefühl, ich lebe das Leben von zwei Menschen – und ich weiß nicht, welches real ist“, seufzt sie schon bald.

Jean legt Lunte an ihr gutes Leben

Eine Frau, die von Ausbildung und Berufs wegen Ordnung und Struktur im eigenen Dasein haben und ins Dasein anderer bringen sollte, überzieht ihre Welt zunehmend mit Chaos, lässt auch ihren eigentlich selbstsicheren Ehemann Michael (Billy Crudup) wanken. Jean legt die Lunte an ihr gutes Leben. Sie trifft als Diane in einem Coffeeshop scheinbar zufällig Sydney (Sophie Cookson), bandelt mit ihr an. Die ist jedoch die Ex-Freundin ihres Patienten Sam (Karl Glusman).

Sam kam in ihre Praxis, weil er über den Verlust Sydneys am Boden zerstört war. Und ahnt nichts von den Abgründen in seiner Therapeutin, die in den Sitzungen das Umfeld ihrer Patienten erkundet, und es dann als Diane betritt. Sie weiß vom ersten Augenblick alles über Sydney, kennt ihre Stärken, Schwächen, Tricks und Spielchen. Ein Katz-und-Maus-Drama beginnt. Ein Thriller. Ein dunkles Erotikon, das uns angenehm bekriecht, das uns wohlig schauern lässt.

„Fifty Shades of Grey“-Regisseurin dreht zwei Folgen

Produzentin Sam Taylor-Johnson verleiht den ersten beiden Episoden als Regisseurin eine stylische Optik, die an ihre Verfilmung von „Fifty Shades of Grey“ (2015) denken lässt. Nur, dass „Gypsy“ eindeutig fesselnder ist. Was zuvörderst an Rubins dichtem Skript liegt. Was überdies mit Sophie Cookson zu tun hat, in deren Sydney sich der Zuschauer augenblicklich selbst verknallt. Und mit Naomi Watts‘ wunderbarem Doppelspiel: Dale Cooper und King Kong hätten sich vor dieser Frau garantiert gefürchtet.

Steve Nicks hat für die Serie ihren Fleetwood-Mac-Klassiker „Gypsy“ von 1982 noch einmal aufgenommen, diesmal ganz langsam und traurig zum Klavier. „Sie war nur ein Wunschbild“, singt Nicks und „der Blitz schlägt nur einmal ein.“ Manchmal, so hieß es in der längeren Fleetwood-Mac-Originalversion, tut er das aber auch zweimal.

Von Matthias Halbig / RND