Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Medien & TV So lief das RTL-Dschungelcamp: „Holt mich hier raus ...“
Nachrichten Medien & TV So lief das RTL-Dschungelcamp: „Holt mich hier raus ...“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:42 26.01.2019
Kostümball in der Hölle: Reality-TV-Sternchen Evelyn Burdecki gehört zu den Favoriten im Finale des Dschungelcamps 2019. Quelle: Foto: RTL
Murwillumbah

Was haben sich alle aufgeregt damals, 2004. Die Menschenrechte! Die Würde! Folter für die Quote! Lange vor Pegida fürchtete die Kulturkritik den Untergang des Abendlandes. Das Dschungelcamp galt bei seinem Start als Guantanamo des Trashfernsehens, als zynischer Gnadenhof für abgewrackte Zirkuspferde. Nur eben ohne Gnade.

Ohne Begleitaufregung liegt das Interesse auf mittlerem Niveau

15 Jahre später ist die Kritik mildem Kopfschütteln gewichen. RTL, die restinteressierten Zuschauer und die Kandidaten selbst sind längst Komplizen in einem Spiel, dessen Regeln jedem klar sind. Pürierte Kakerlaken. Und alle so: Yeah!

Ohne die Begleitaufregung hat sich das Interesse auf mittlerem Niveau eingepegelt – klar über RTL-Schnitt, aber weit entfernt von den alten Rekorden. Die aktuelle 13. Staffel war die quotenschwächste seit 2008 mit (bis Freitag) im Schnitt 5,27 Millionen Zuschauern und 23,7 Prozent Marktanteil im Gesamtpublikum – das waren einst mehr als acht Millionen Zuschauer und 30,5 Prozent.

Dabei waren alle Phänotypen diesmal präzise besetzt: der paranoide Lustgreis, die Zimperliese, die Busenfreundin, die Mutter Courage, das Zwiebackpackungs-Bübchen, der bemalte Bodybuilder, der eitle Italiener und der nächtliche Schlafwandler im Sterbehemd. Aber jede Staffel ist eine TV-Wette: Die Show lebt von ihrer Eigendynamik. Und am Ende wurde im Camp doch auch wieder viel sinnlos herumgelegen.

Bei jedem Flirt im Dschungelcamp läuft „Careless Whisper“

Angeführt wurden die Pfeifen im Walde diesmal von „Superbrain“ Evelyn Burdecki, die den Nachweis erbrachte, dass man mit erstaunlich geringem Hirnaufwand doch geradeauslaufen kann. Und ja – RTL gelang es erneut, die Kunst der Stagnation zu inszenieren wie einen Kostümball in der Hölle.

Der Sender, „der Ihnen immerhin Axel Schulz als Boxer verkauft hat“ (Daniel Hartwich), besteht eben aus Fernseh-Alchemisten. Die machen aus einem Bratpfannenstreit griechische Tragödie. Bei jedem Flirt läuft „Careless Whisper“, bei jeder Träne „Lux Aeterna“. Mit den Schnitt-Tricks der Dschungelcrew lässt sich auch die Bundespressekonferenz inszenieren wie ein Bürgerkrieg.

Ein Viertel aller Dschungel-Zuschauer hat Abitur

Jahrelang ironisierten Feuilletonisten das Camp als komplexen soziokulturellen Versuchsaufbau, um sich ohne Schuldgefühle auch selbst beömmeln zu dürfen. Der Metaansatz als Gesellschaftsspiel war eine prima Ausrede – und machte die Show auch Teilen des besser verdienenden Bildungsbürgertums schmackhaft. Es verbrämte das Fremdschamfestival einfach als das „Warten auf Godot“ für die Tiefkühlpizzafraktion. Ein Viertel aller Dschungel-Zuschauer hat Abitur.

Plitsch, Platsch: In der Dschungelprüfung wurde es nass. Und danach gab es Ärger und Tränen.

Doch so ehrlich muss man sein: Das TV-Prinzip des „Konfrontainment“, bei dem die erzählerische Fallhöhe durch die Diskrepanz zwischen der Eigenwahrnehmung und der Außenwirkung der Protagonisten entsteht, hat sich abgenutzt. Krawall ist out. Denn wenn die Welt sowieso voll ist von Egomanen, Exzentrikern und Schreihälsen – wer braucht dann noch den Dschungel?

Lästern über Castinghascherl? Warum denn bitte, wenn das Politpersonal von Ost bis West sowieso jede Parodie übertrifft? Künstliche Erregung? Wofür denn in einer übernervösen Republik? Und Probleme mit der Selbstwahrnehmung sind in Zeiten von wild um sich twitternden US-Präsidenten nicht mehr nur lustig.

In aufgeregten Zeiten wächst die Sehnsucht nach TV-Harmonie

Das Fernsehen passt sein Angebot dem emotionalen Bedarf der Gesellschaft an. Die Zukunft aber gehört in konfrontativen Zeiten nicht dem Streit, sondern der Liebe. Gerichtsshows und Krawalltalk waren die Wachmacher der saturierten Nullerjahre. In aufgeregten Zeiten dagegen wächst die Sehnsucht nach Harmonie.

Der Dschungel als leidlich unterhaltsame Parabel auf die Egomanie der Selfie-Gesellschaft hat seine Zeit gehabt. Denn in Wahrheit geht’s bei den Helden der Hohlbirnigkeit dann doch nur um motzende alte Männer, überhängendes Bonusgewebe und Hungerfrust. Absurd komisch, welche Wichtigkeit ein Nonsens-Titel wie „Dschungelkönig“ in diesem Parallelkosmos aus Gift, Galle und Gekicher erhält.

Hauptsache, es knallt. Und es ruht nicht jeder so buddhistisch-müslihaft in sich wie der vom Glück der Erde naturbesoffene Zenmeister Peter Orloff, zu dem Evelyn bewundernd aufblickte wie ein Entenküken zum Erpel: „Du bist weise und mit Gott.“

Der eigentliche Gewinner des Dschungelcamps war RTL

Es stimmt, dass Aufmerksamkeit (neben den 100.000 Euro Siegprämie) in der Trashgemeinde eine wichtige Währung ist. Tatsächlich aber ist der Dschungel kein automatischer Karriereturbo, sondern nur ein Erkenntnisbeschleuniger. Er verstärkt bloß schon vorhandene positive und negative Karrieretendenzen. Ingrid van Bergen, Peer Kusmagk, Marc Terenzi, Melanie Müller, Joey Heindle, Menderes Bagcı, Jenny Frankhauser und andere „Gewinner“ hofften vergeblich auf eine nachhaltige Showkarriere. Ihre Dschungelprominenz blieb ein Strohfeuer.

Der eigentliche Gewinner war RTL – mit 30-Sekunden-Werbepreisen von im Schnitt 102 000 Euro. Das entspricht bis zu 3 Millionen Euro pro Sendung. Da sind die Kosten von angeblich 30 Millionen Euro pro Staffel zügig wieder eingespielt.

Und doch ging es auch im Dschungel 2019 um die großen, alten Fragen der Menschheit: „Wenn im Osten die Sonne aufgeht“, staunte Evelyn in ihrer kalkulierten Erdmännchenniedlichkeit – „was passiert dann im Norden?“

Es gibt Philosophen, die sind an dieser Frage zerbrochen.

Lesen Sie hier:
Alle Kandidaten, alle Dschungelkönige

Von Imre Grimm / RND

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Was war los mit der Telefonabstimmung? Und warum weint Sandra, die Starke, jetzt auch noch? Tag 15 war ein Dschungel voller Fragen – und Abschiede. Gleich drei Camper mussten zusammenpacken.

25.01.2019

Die 33-jährige Ex von Leonardo DiCaprio führt durch die beiden Halbfinalshows und das Finale des Eurovision Song Contest 2019. Der Wettbewerb findet vom 14. bis zum 18. Mai in der israelischen Küstenstadt statt.

22.02.2019

Der US-Sender HBO holt weiterhin berühmte Filmschauspielerinnen ins Fernsehen. Kate Winslet soll in der Miniserie „Mare of Easttown“ mitspielen.

25.01.2019