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Medien & TV Die Medien erwidern gegenüber Trump das Feuer
Nachrichten Medien & TV Die Medien erwidern gegenüber Trump das Feuer
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16:03 15.08.2018
„Wir kämpfen bis aufs Blut“: Die US-Zeitungen wehren sich in schärferem Ton gegen Donald Trump. Quelle: newseum.org
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Washington

Die Liste wächst, es nimmt einfach kein Ende: 487 Beleidigungen und Drohungen hat US-Präsident Donald Trump in seinen bisher 571 Amtstagen allein bei Twitter hinausposaunt – gegen Liberale, gegen andere Länder, gegen die „Lügenpresse“. Das ist statistisch knapp eine Boshaftigkeit pro Tag im Amt. Mit großer Sorgfalt sammelt die „New York Times“ in einer Onlineliste alles, was der politische Hitzkopf mit der kurzen Lunte bei seinem emotionalen Überdruckventil Twitter vom Stapel lässt. Gegen das FBI. Gegen die Demokraten. Gegen das Kaufhaus Macy’s („Kauft zu Weihnachten dort nicht ein!“). Die mit Abstand meisten Zornesblitze aber schleuderte er gegen die Medien. Gegen die „korrupte „New York Times“. Gegen die „Mainstream-Medien“, den „größten Feind unseres Volkes“.

Man kann das als spinnerte Volten eines überforderten Narzissten abtun oder als gefährliche Attacken eines antidemokratischen Despoten. Man könnte sich tagelang empören über das erschreckende Unverständnis von dem Wert einer freien Presse für eine freie Gesellschaft, über die absurde Unfairness und das kolossale Missverständnis, das alles, was dem eigenen Gusto nicht entspricht, „Fake News“ sein müssen. Man kann Trumps Krieg gegen die Medien aber auch mit größtmöglicher Lakonie begegnen – wie „Washington Post“-Chefredakteur Marty Baron bisher. „We’re not at war, we’re at work“, hat er einst bei einem Branchentreffen gesagt – „wir sind nicht im Krieg, wir sind bei der Arbeit.“ Der Lohn der Mühe: steigende Auflagen und immer mehr Online-Abos bei den Qualitätsmedien. Im „Fake News“-Gebrüll der sozialen Medien wächst bei normalen Lesern der Bedarf an verifizierbarem Journalismus.

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Tatsächlich gehören zu einem Krieg ja mindestens zwei Parteien. Man kann sich nicht allein streiten. Trumps wütender Feldzug aber war bisher ein Solostück. Je blindwütiger er unliebsame Sender und Blätter anging, desto ruhiger und professioneller verrichteten diese zumeist ihre Arbeit. Fakten hinterfragen. Lügen entlarven. Politik bewerten. „Wir sehen uns nicht als Teil des Widerstands“, befand Baron. „Unsere Aufgabe ist es, in dunkle Winkel hineinzuleuchten und die Regierung zur Verantwortung zu ziehen.“ Die Botschaft der Medienwelt an den Wüterich im Weißen Haus: Du nervst, du bist im Unrecht, aber es ist nichts Persönliches.

Der Ton der Attackierten verschärft sich

Das ändert sich derzeit. Der Ton der Attackierten verschärft sich. „Bis aufs Blut“ würden die „Times“ und die „Washington Post“ gegen Trump um jede einzelne Geschichte kämpfen“, sagte „Times“-Chefredakteur Dean Baquet kürzlich. Trump hatte eine „Post“-Story als „Müll“ beschimpft – „eher ein schlechter Roman als guter Journalismus“.

Der Pragmatismus der Presseveteranen schwindet, es wächst der Zorn. Denn die Hoffnung, dass das aggressive Lamento des Präsidenten mit der Zeit abschwellen könnte, dass mit dem Amt auch die Würde wachsen würde, hat sich zerschlagen. „Es ist außer Kontrolle geraten“, sagte Baquet bei CNN.

Und so holen die amerikanischen Blätter nun zum Gegenschlag aus: Mehr als 200 Zeitungen haben für den heutigen Donnerstag Editorials über Trumps Attacken auf die freie Presse geplant. Federführend bei der Aktion war der „Boston Globe“, den Trump schon 2016 als „dumm“ und „wertlos“ beleidigt hatte. Marjorie Pritchard, Meinungsredakteurin beim „Globe“, rief die Kollegen dazu auf, in Leitartikeln auf Trumps Vorwurf zu antworten, die Medien seien „Feinde des Volkes“. „Die Reaktionen waren überwältigend“, sagte sie CNN. Es sind große Blätter im Boot wie der „Houston Chronicle“, der „Miami Herald“ oder die „Denver Post“, aber auch winzige Lokalzeitungen mit 4000 Exemplaren Auflage. Titel der konzertierten Gegenwehr: „Der dreckige Krieg gegen die freie Presse muss enden“. Auch Reporterlegende Dan Rather, 26 Jahre lang CBS-Anchorman, twitterte: „Ich unterstütze die Aktion und werde mich beteiligen. Pressefreiheit ist ein Grundpfeiler der Demokratie.“

Die Aktion ist ein sichtbares Indiz für die wachsende Solidarität der US-Medien gegen die groben Attacken des Präsidenten. Diese zeigte sich zuletzt auch, als das Weiße Haus die CNN-Reporterin Kaitlan Collins von einer Pressekonferenz mit Trump und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker ausgeschlossen hatte. Mehrere Medien veröffentlichten empörte Statements – auch der sonst eher regierungsfreundliche Sender Fox News brachte seine „starke Solidarität“ zum Ausdruck.

Es ist eben, wie der Dramatiker Frankfort Moore mal schrieb: „Das stärkste Band der Freundschaft ist ein gemeinsamer Feind.“

Von Imre Grimm/RND