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Regional tjg-Theaterakademie reflektiert Europas Zukunft
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18:50 28.02.2018
Amelie Scharschmidt (stehend) mit ihren Schauspielkollegen der tjg-Theaterakademie im Stück „Liegt Europa in mir?“. Quelle: Foto: Marco Prill
Dresden

Auf der Suche nach Lösungen hilft es manchmal, des Pudels Kern zu betrachten. Und so fragt sich die Theaterakademie inmitten von omnipräsenten Brexit-Diskussionen, March for Europe- Demonstrationen und Flüchtlingsabkommen in ihrem Schauspiel: Was ist Europa überhaupt – und wo könnte man danach suchen?

„Ich tat also, was jeder Jugendliche tun würde, wenn er etwas sucht: Mama fragen.“

Erfrischend humorvoll gehen die 13 jungen Darsteller im Theater Junge Generation dem komplexen Thema auf den Grund. Ein halbes Jahr lang haben sie zuvor recherchiert, diskutiert, Interviews geführt und ausländische Kontakte geknüpft, um herauszufinden, ob Europa ein Geldtopf oder eine Wertegemeinschaft, ein geografisches Gebilde oder ein politisches Konstrukt ist. Dazu befragten die jungen Schauspieler etwa ihren Großvater, die Sporttrainerin, einen Pegida-Anhänger, die Apple-Software Siri oder die Bundeskanzlerin nach ihren Standpunkten. Multimedial setzt die Regisseurin Anke-Jenny Engler dabei mal eingeblendete Skype-Telefonate, mal Kinderzeichnungen von Europa ein. Die abwechslungsreichen Antworten warfen jedoch nur umso mehr Fragen auf. Jeder stellt sich die Zukunft scheinbar anders vor: Europa könnte zerfallen wie das Römische Reich oder von den Chinesen regiert werden.

Doch wie sähe Europa aus, wenn wir es heute Abend neugestalten und dabei basisdemokratisch entscheiden könnten? Das sollte das Publikum nun erfahren. Jeder Zuschauer erhielt eine Fernbedingung zur TED-Abstimmung. Dabei fühlt man sich ein bisschen wie beim Publikumsjoker von „Wer wird Millionär?“ – nur, dass es diesmal keine richtigen oder falschen Antworten gibt. Es sind lediglich Meinungen, um die die Darsteller bitten.

Die Theaterakademie präsentiert dazu zwölf verschiedene Versionen und Visionen, wie Europa gestaltet werden könnte. Stets ist zwischen zwei Extrema zu wählen: WLAN für alle oder eine Interrailfahrt zum 16. Geburtstag? Eine einheitliche Religion oder Säkularisierung? Sollten reiche Länder die armen unterstützen oder jedes Land für sich selber sorgen? Die Ergebnisse sind manchmal absehbar, teilweise aber auch überraschend. Dabei wird deutlich, wie unterschiedlich die Interessen der Europäer sein können und warum es auch für das Europaparlament nicht immer leicht ist, utilitaristische Entscheidungen zu treffen.

Gegen Ende präsentieren die Darsteller das Wahlergebnis der Zuschauer: Sie haben sich für Europa als Großfamilie entschieden, mit toleranten Werten, gegenseitiger Rücksicht und Politik durch Mehrheitsentscheid. „Ist das das Europa der Zukunft? Die Zeit läuft ab“, lauten die Schlussworte der letzten Szene und hinterlassen die Zuschauer mit einem etwas beunruhigenden Gedanken, wie es zukünftig um die Einheit des Kontinents stehen wird.

Die potenziellen Prioritäten Europas hätten im Stück ruhig politischer sein können. Interessanter als die Frage nach kostenlosem WLAN oder Interrail für alle ist doch vielmehr diejenige, ob die EU eine durchweg einheitliche Währung oder Sprache benötigt. Und natürlich waren einige Fragen auch obsolet, wenn man bedenkt, dass der durchschnittliche Theaterbesucher vermutlich eher proeuropäisch und weltoffen eingestellt ist und daher kaum für die rücksichtslose Antwortmöglichkeit abstimmen würde.

Was bleibt, ist aber auch die Hochachtung vor den jungen Darstellern, die sich erkennbar intensiv mit der komplexen Thematik auseinander gesetzt und dabei ihrer Kreativität freien Lauf gelassen haben. Gemeinsam mit der Heinrich-Böll-Stiftung, der Aktion Zivilcourage und der Landeszentrale für politische Bildung haben sie das Konstrukt Europa altersangemessen facettenreich beleuchtet und analysiert, was durchaus zu würdigen ist. Auch der selbstbewusste Auftritt der jungen Darsteller und ein kreatives Bühnenbild konnten überzeugen. Summa summarum hat sich der beträchtliche Voraufwand zum Stück gelohnt und inspiriert zu weiteren, eigenen Wunschvorstellungen zur Gestaltung Europas.

nächste Aufführung: heute 18 Uhr

www.tjg-dresden.de

Von Katharina Jakob

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