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Regional Zum Hörspiel in den Stasi-Knast: Harriet Maria und Peter Meining spiegeln Zeitgeschichte
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14:28 28.09.2019
In der Gedenkstätte an der Bautzner Straße können die ehemaligen Untersuchungshafträume der Stasi inspiziert werden. Quelle: dpa
Dresden

Ein Ausflug in die Vergangenheit: Das Künstlerduo Harriet Maria und Peter Meining hat aus Anlass der dreißig Jahre, die inzwischen seit der sogenannten Wende, der Friedlichen Revolution oder wie auch immer der Herbst ’89 heute apostrophiert werden soll, eingestimmt. „Guten Tag! Sie sind verhaftet!“ heißt ihr begehbares Hörspiel, das für die Dresdner Gedenkstätte Bautzner Straße konzipiert worden ist und auf bedrückende Weise vorführt, wie die dortige Realität einst ausgesehen haben könnte.

Um möglichst authentisch zu schildern, wie demütigend die Festnahme, die Untersuchungshaft sowie insbesondere die Verhöre gewesen sein konnten, stützen sich die Meinings auf Erinnerungen unter anderen von Jürgen Fuchs, der seine Vernehmungen in akribischen Gedächtnisprotokollen festhielt. Und es vermittelt in der Tat eine beklemmende Situation, auch dreißig Jahre „danach“, wenn man zu Beginn des gut 40-minütigen Parcours durch die tristen Räume und Flure der Gedenkstätte angeblafft wird: „Sie sind verhaftet!“

Gäste werden zu Verhafteten

Die Stimme kommt aus dem Kopfhörer, mit dem Besucherinnen und Besucher zu Beginn dieser Performance ausgestattet werden. Schon sind die Gäste keine Gäste mehr, sondern werden zu Verhafteten und sollen den Anweisungen folgen, mit denen sie konfrontiert werden. Widerspruch zwecklos, denn der wird im Hörspiel rasch mundtot gemacht. Mit einem originellen Zeitsprung suggerieren die Autoren, dass ein Mensch aus dem Heute mit einigem Halb- oder Basiswissen über die DDR in die Fänge der Stasi von damals gerät. Aus selbstbewusstem Protest gegen die Festnahme wird zögerliche Abwehr, die schon bald in ängstliche Folgsamkeit mündet.

Also unterwirft man sich dem Ekel und dessen Ansage „Sie gehen jetzt bis zu die Zelle 15!“, wo ein fiktiver Insasse vor allzu deutlichen Worten warnt. Es könnte ja jeder ein Spitzel des anderen sein. Er selbst sitzt angeblich wegen eines Plakates ein: „Ein guter Sozialist fegt zuerst vor der eigenen Tür“ stand darauf geschrieben, hätte den damaligen Machthabern zu denken geben sollen, statt mit Skepsis und Unverständnis, gar mit Festnahme und Untersuchungshaft darauf zu reagieren. Und ganz nebenbei dürfte es auch die verbliebenen Sozialdemokraten von heute nachdenklich stimmen…

Hörspiel verbindet den Schauder von Geräusch und Geruch

Das Hörspiel der Meinings führt aber vor allem in die Vergangenheit, konfrontiert mit Dunkelzelle und Duschraum, verbindet den Schauder von Geräusch und Geruch, konstruiert den schmalen Grat zum Verrücktwerden (der herzergreifende Gesang einer Verhafteten dringt aus der Zelle heraus) und entlarvt die Willkür der „Erziehungsdiktatur“. Operative Zersetzung feindlicher Elemente als Ziel – lässt sich das mit einer menschlichen Gesellschaft vereinbaren?

Auf dem Weg zum Verhör („Wir wissen alles, mehr nicht.“) haucht immer mal die Stimme der Revolution eine Spur Hoffnung ins Stück („Ich komme langsam in die Gänge.“). Und tatsächlich, bevor es für den Häftling zum Desaster kommt, wird die einstige Stasi-Zentrale von Demonstranten umringt, flüchten sich die hilflosen Genossen ins Chefzimmer. Der Rest ist Geschichte.

Harriet und Peter Meining, die für ihre mit ergreifendem Sounddesign von Nikolaus Woernle ausgestattete Collage namhafte Mitwirkende gefunden haben (Anna Mateur, Anna-Katharina Muck, Hilmar Eichhorn, Tom Quaas u.a.), entlassen ihr Publikum aber nicht ohne den Fingerzeig, wie die Täter und Mitläufer von einst ihr Verhalten reflektierten: „Ich steh’ zu meine Vergangenheit“, müffelt der Wärter, der für kurze Zeit abtauchen wollte und dann seine Zukunft in einem Security-Unternehmen sah.

Ein Ausflug nur in die Vergangenheit?

„Guten Tag! Sie sind verhaftet!“ ist am 30. September und 1. Oktober in der Gedenkstätte Bautzner Straße jeweils von 19 bis 21 Uhr (letzter Einlass) hörbar zu erleben. Um Wartezeiten zu vermeiden, sind Reservierungen möglich (Tel. 0351/ 646 54 54).

Von Michael Ernst

Gerd Herklotz, Chefdirigent des Bundespolizeiorchesters Berlin, lebt seit 2004 in der Hauptstadt. Seine künstlerische Heimat aber ist Dresden. Hierhin kehrt er am Sonnabend zurück – mit einem Benefizkonzert in der Lukaskirche.

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