Zentralkino Dresden zeigt Doku "Uferfrauen"
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Regional „Uferfrauen – Lesbisches L(i)eben in der DDR“ im Zentralkino Dresden
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Zentralkino Dresden zeigt Doku "Uferfrauen"

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13:31 19.09.2020
„Berührende Leinwandunterhaltung“: Auch die Animationssequenzen des Films wirken nicht aufgesetzt.
„Berührende Leinwandunterhaltung“: Auch die Animationssequenzen des Films wirken nicht aufgesetzt. Quelle: Foto:
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Dresden

Natürlich wäre ein direkter Vergleich interessant, besonders für im Osten sozialisierte Kinogänger. Wie lebten homosexuelle Menschen der alten BRD in den 50er bis 80er Jahren? Wie haben sich die restriktiven Gesetze auf den individuellen Alltag ausgewirkt? Wie offen und entspannt konnten Schwule, Lesben oder Transgender in einem winzigen bayerischen oder rheinischen Dorf in und außerhalb ihrer Familien wirklich sein? Es wäre ein anderer Film geworden als der, den die Leipziger Regisseurin Barbara Wallbraun jetzt im Dresdner Zentralkino zeigt. Ein guter ist es dennoch.

„Uferfrauen“ macht schon in seinem Untertitel klar, dass es um „Lesbisches L(i)eben in der DDR“ geht. Drei Jahrzehnte nach dem Wenden ist das vergangene Land längst nicht auserzählt. Weil Menschen zu erzählen haben. Wallbrauns Sache ist nicht die trockene Analyse oder das Jonglieren mit Daten, Zahlen, Fakten. Ohne Off-Kommentar porträtiert sie sechs Frauen, schreitet über Stilmittel wie feinsinnig gestrichene Animationen einen Schritt weiter, was gar nicht aufgesetzt wirkt. Dadurch und die Musik von Pianist Martin Kohlstedt, der in Societaetstheater und Beatpol gern gesehener Gast ist, wird „Uferfrauen“ zur Horizont erweiternden wie berührenden Leinwandunterhaltung.

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Orte, um zu bleiben, Orte, um zu gehen

Carola ist an die Ostsee gezogen, dorthin, wo sie einst gezeugt wurde. Sie kommt aus Dresden. Pat hat schon immer im Norden gelebt und ist noch dort. Wie Christine in Berlin, weil sie in ihrem Kiez mit ganzem Herzen sesshaft wurde, auch als Aktivistin und Gastgeberin – mit Betonung aufs Geben. Sabine und Gisela sind bald 50 Jahre lang ein Paar und stammen, wie auch Elke, aus Sachsen-Anhalt. Orte sind wichtig für diese sechs Frauen. Orte, um zu bleiben, Orte, um zu gehen.

Die Hauptstadt war da ein starker Magnet, deshalb hatten die Regierenden auch das „Berlin-Verbot“ als justiziable Strafe erfunden. Andere Strafen zum homosexuellen Kontakt zwischen Erwachsenen und Jugendlichen wurden über Paragraf 151 geregelt. Zwei der „Uferfrauen“ haben von außen heftige Eingriffe in ihre Biografie erfahren, doch zu lauten Anklägerinnen werden sie vor der Kamera deshalb nicht. Sie reden eher über Schmerzen und die Art, wie sie auch mit sehr privaten Enttäuschungen in der Familie umgegangen sind. Pat zum Beispiel muss schreien. Und Elke, der eine Krankheit die Liebe nahm, stockt der Atem.

Es geht um erste Küsse und Nächte und eben diese Lieben, die nur auf wenig Rücksicht nehmen können, weil sie einfach da sind. Es geht um Kinder, die kamen und die Frauen stolz und glücklich gemacht haben. Um Erinnerungen und das Heute und ja, es geht auch um die DDR und das, was in Grenzen möglich oder unmöglich war. Ach, und es darf gelächelt werden, denn gerade der Humor zwischen Gisela und Sabine ist wunderbar.

Da Regisseurin Barbara Wallbraun eine aufmerksame wie zurückhaltende Gesprächspartnerin ist, musste ihr Film fast zwei Stunden lang werden. Darf es!

„Uferfrauen – Lesbisches L(i)eben in der DDR“ wird am Sonnabend, 16.45 Uhr, Montag, 19 Uhr, und Dienstag, 16.45 Uhr, im Zentralkino gezeigt

Von Anne Daun