Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Regional Wiederentdeckung mit spätem Debüt – Brechts Mutter Courage am Schauspielhaus
Nachrichten Kultur Regional Wiederentdeckung mit spätem Debüt – Brechts Mutter Courage am Schauspielhaus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:47 30.09.2019
Mutter Courage (Ursula Werner, M.) lebt als Marketenderin vom Krieg, doch übers Geschäft wird sie sehr viel anderes verlieren. Quelle: Sebastian Hoppe
Dresden

Mit seiner jüngsten Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden beweist Armin Petras ein besonderes Gespür, aus Außergewöhnlichem etwas Außerordentliches zu machen. Das gilt für Stückwahl und Besetzung, weitgehend auch für die Form der Darbietung. Bertolt Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder. Eine Chronik aus dem 30-jährigen Krieg“ kam bislang nur ein einziges Mal auf diese Bühne, wo in Jahrzehnten allerdings ein großer Teil des umfangreichen Brechtschen Repertoires aufgeführt wurde.

Grande Dame des ostdeutschen Theaters

Zumal nach diesem Abend kann der Nicht-Theatermensch kaum nachvollziehen, warum derzeit meist dem „Ui“ oder „Sezuan“ der Vorzug gegeben wird. In Bertelsmanns Schauspielführer von 1992 (!) heißt es allerdings zur „Courage“, mit den Jahren habe sich der epische Charakter des in der westlichen Welt landauf landab gespielten Stücks mit seinen Liedern „völlig verbraucht“, es sei gewissermaßen degeneriert zum „Musicalbilderbogen“.

Für das vermeintliche Wagnis, diese Deutungshoheit aufzubrechen, setzt Petras auf vielfältiges darstellerisches Vermögen, ohne die Sprache zu vernachlässigen, und bietet dafür ein besonders erlesenes Ensemble auf. An erster Stelle zu nennen ist Ursula Werner, einst die Charlie in der Uraufführung von Plenzdorfs „Neuen Leiden...“, mittlerweile wie unversehens gereift zu einer Grande Dame des ostdeutschen Theaters, die das wirkliche Wagnis eingehen kann, es mit der hier so lebendigen Legende der Helene Weigel aufzunehmen.

Dass sie damit ihr Dresdner Debüt gibt, ist ebenso erfreulich wie die (anfangs fast zu) ungezwungen souveräne Art, mit der sie in das Muster eintritt und es dann doch auf ihre ganz eigene Weise ausfüllt, bestürzend wie berührend in ihrer schlichten Nachdenklichkeit, die aber durch stoische Geschäftstüchtigkeit und Vorurteile immer wieder zu falschen Ergebnissen führt.

Zurück zu den Wurzeln

Zurück zu den Wurzeln scheint also die Devise, wobei Petras durchaus die Aufführungsgeschichte reflektiert und mit Hilfe von Thomas Kürstner und Sebastian Vogel, zwei zeitgenössischen Soundexperten, die originale Bühnenmusik von Paul Dessau in ein anderes Zeitalter transponiert (oder ihrer Zeitlosigkeit beraubt) und noch mehr Register zieht als die der kleinen Band mit Thomas Mahn / Michael Fuchs (p), Berthold Brauer (tp), Lars Kutschke (git) und Florian Lauer (dr).

Tatsächlich läuft die Aktualisierung des Stoffs – von Äußerlichkeiten bei Kostümen (Cincia Fossati) und Requisiten abgesehen – eher auf abstrakter Ebene. Dafür hat Olaf Altmann wieder einen seiner eindrucksvollen, aber schwer bespielbaren Räume entworfen. Den Hintergrund einer relativ klein erscheinenden schiefen Ebene, auf der sich kein Wagen halten könnte, bildet ein grobmaschiges Gitter, an dem die Darsteller wie in den Wanten eines Segelschiffs auf- und absteigen (freilich nicht ohne Sicherung).

Schief und vor Gittern: Die Bühne. Quelle: Sebastian Hoppe

Dabei handelt es sich weniger um die Schauspieler, sondern um Mitglieder einer hier quasi und völlig irreführend als Statisterie bezeichneten, 22-köpfigen multinationalen Gruppe, die nicht etwa stumm bleibt, sondern je nach Bedarf als gut einstudierter Gesangs- und Sprechchor auftritt, als Percussionsensemble agiert oder die Bewegungschoreographien von Denis Koneé Kuhnert pur umsetzt.

Statt der in kleinen Details sehr realistischen Szenen Brechts gibt es immer wieder wuselige Konstellationen, Marschordnungen oder große Tableaus, die den absurden Horror des Krieges symbolisieren, manchmal übersteigert bis zum makabren Klamauk oder Slapstick, wenn etwa der vermeintliche Kapaun abgehackte menschliche Eingeweide und Gliedmaßen aus dem Kochkessel wirft und Yvette Pottier spielerisch prüft, ob Unterarm und Hand wohl als Ersatzteil taugen könnten.

Ja, Nadja Stübinger, die mit einem modifizierten Kalauer parodistisch in ihre Rolle einsteigt: Besser arm dran als Fuß ab, den sie sich bei den Endproben böse verletzt hatte, wie um bei der Premiere aus wirklicher Not eine darstellerische Tugend zu machen. Was sie dabei leistet, ist großartig. Sie ist die Hure von Format, mit Schnauze und urwüchsigem Humor, Grandezza, Schmuddelglanz und Gloria, die sich dem Trunk hingibt, weil sie die von ihr zu gut durchschaute Realität nicht anders ertragen kann und auch insofern ein veritables Gegenstück bietet zur Marketenderin Anna Fierling, die wider jede Erfahrung daran glaubt, dass sie ihre kleine Welt auf Rädern mitsamt des Inventars – den Kindern, die im Krieg erwachsen wurden, im Krieg, dessen Ende sie fürchtet – heil durch die Zeiten bringen würde.

Sie überlebt dank ihrer oft skrupellosen Anpassungsfähigkeit, scheitert aber letztlich ebenso wie die Konzepte, die sie ihren Kindern verordnet hat. Eilif (Yassin Trabelsi) ist zu draufgängerisch, zu brutal und zu dumm, Schweizerkas (David Kosel) zu redlich und zu nachdenklich und die stumme Kattrin (Maria Tomoiaga) bei aller Pfiffigkeit einfach zu mitfühlend.

Hoffnung kommt von Frauen

Aber sie rettet damit womöglich andere, und so kommt das bisschen extrahierte Hoffnung aus dem Trio der Frauen und nicht aus dem Quartett der Männer. Denn auch der ungeheuer wandlungs- und anpassungsfähige Koch (Matthias Reichwald) und der sich selbst bzw. seine Mission verleugnende Feldprediger (Philipp Lux) hoffen zwar auf bessere Zeiten, denken aber dabei nur an sich. Beide besitzen und behaupten auch in diesem pragmatischen Unterordnen dominante Persönlichkeit und unbeugsame Widerständigkeit, woran sich die Courage immer wieder bewähren bzw. aufreiben muss. Reichwald darf auch – nicht immer rollengerecht – seine vielfältigen Möglichkeiten als Sänger am Klavier und als Percussionist einbringen, während seine eigene Textausdeutung diesmal weniger auffällig wird.

Petras lässt sich gegenüber der eher lapidaren Erzählweise Brechts in den Szenen des Untergangs der Kinder viel Zeit zur Entwicklung eindringlicher Sounds und Bilder. Das geht unter die Haut, aber manchmal auf Kosten des historischen Durchblicks. Tomoiaga wirkt, bis sie ihre Behinderung endlich abwirft, manchmal buchstäblich schaumgebremst in den üppigen Arrangements der Marketenderware. Doch wird der überzeitliche, nur zu aktuelle Grundgedanke klar genug: Am Krieg und im Krieg hat der Mensch, die Menschheit nichts, aber auch gar nichts zu gewinnen. Die geschäftstüchtige Courage wird am Ende milde, weil sie ja eigentlich nichts mehr zu besorgen hat. Wie sie so dahin geht, macht die Werner nur furchtbar traurig, setzt vielleicht auch ein Zeichen gegen den um sich greifenden Hang zum Zynismus. Schade um die schöne Energie? Oder vielleicht doch nicht ganz?

Am Ende sah man etliche glückliche Schauspieler und ein heftig applaudierendes Publikum, das sich aber doch nicht mehr ganz zu stehenden Ovationen aufraffen konnte.

nächste Aufführungen: heute sowie am 18. und 30. Oktober

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Tomas Petzold

Feridun Zaimoglu präsentierte beim Dresdner Festival „Literatur Jetzt!“ seine „Geschichte der Frau“ in zehn Episoden, die unverbunden nebeneinander stehen. Mehr Weib als an diesem Abend geht kaum. Herzerfrischend.

30.09.2019

Laura Scozzi macht Rossinis „Die Reise nach Reims“ an der Semperoper zur Groteske auf Europa, die bereits in der Pause für angeregte Diskussionen im Theaterfoyer sorgte.

30.09.2019

„Ein guter Sozialist fegt zuerst vor der eigenen Tür.“ Was die verbliebenen Sozialdemokraten von heute nachdenklich stimmen sollte, sorgte im Staatssozialismus der DDR für Skepsis und Unverständnis, gar für Festnahme und Untersuchungshaft. In einem begehbaren Hörspiel, das für die Dresdner Gedenkstätte Bautzner Straße konzipiert worden ist, haben Harriet Maria und Peter Meining diesen Satz zitiert.

28.09.2019