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Regional Werke der Dresdner Künstlerin Maria K. Morgenstern in der p66.gallery
Nachrichten Kultur Regional Werke der Dresdner Künstlerin Maria K. Morgenstern in der p66.gallery
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15:07 21.11.2019
Maria Morgenstern: Ohne Titel, Tusche auf Papier, 50 x 65 cm, 2019 (Ausschnitt). Quelle: Repro: Galerie
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Dresden

„Melting the traces“, so der Titel der Schau der Galerie p66, die aktuellen Tuschemalereien und Keramikobjekten der Dresdner Künstlerin Maria K. Morgenstern eine Einzelausstellung widmet. Seit 2018 arbeitet die in Leipzig Geborene in der Ateliergemeinschaft Mikky Burg in der Äußeren Neustadt Dresdens. Bereits während ihres Studiums der Malerei, das sie 2018 an der hiesigen Hochschule für Bildende Künste abschloss, wurde Morgenstern mehrfach durch Stipendien ausgezeichnet und ist seither Meisterschülerin bei Prof. Christian Macketanz.

Momente der Irritation

Ihre großformatigen Tuschemalereien entstehen auf beiden Seiten des Bildträgers, wobei die Künstlerin dem Betrachter ausschließlich eine Hauptansicht gewährt. In nahezu frakturlosem Duktus verbirgt sie bewusst die Spuren des Malprozesses. Mit bloßen Händen formt Morgenstern das Bild gleich einer Skulptur aus Tuschen auf flach am Boden liegendem Büttenpapier. Die Entscheidung, den Bildträger manuell, ohne Zuhilfenahme jeglichen Mal- und Zeichengeräts zu bearbeiten, rührt vom Interesse der Künstlerin für archaische präzivilisatorische Symbolik und rückt ihre Arbeitsweise in die Nähe der Gebärde – entwicklungsgeschichtlich die früheste Form humanoider Kommunikation. Maria Morgenstern verweilt jedoch nicht bei instinktgeleiteten, genetisch programmierten Gebärden, entwirft zunehmend ein eigenes Zeichenrepertoire.

Einerseits thematisiert sie konkrete tradierte Codes, wie das in zahlreichen Reihungen angelegte überdimensionale „X“, Variable und Stellvertreter für Unbekanntes, dem sie 2018 ihre erste Einzelschau unter dem Titel „Superzeichen“ widmete. Metonymisch arbeitet sie mit stilistisch an Cartoons gemahnenden Augenpaaren, die in vertikaler Ausrichtung übereinander getürmt aus Farbflächen hervorschauen und in Verbindung mit expliziten Bildtiteln eine phänotypische Nähe zu vegetabilen Formen eröffnen.

Rezente Arbeiten der Künstlerin, zuletzt zu sehen in der Gruppenausstellung „Superphysical“ der Dresdner Galerie Drei, wenden sich verstärkt stereometrischen Körpern zu. Kegel füllen in lichten, pastellenen Tuschen vom Unterrand des Blattgevierts den gesamten Bildraum. In den aktuellen Arbeiten der Ausstellung wird die monumentale Gestalt des Kegels immer stärker zugunsten einer transitorischen und nahezu narrativen Wirkung aufgelöst. Betrachten wir die Trias in Ocker und Grauschwarz, entsteht, ausgehend von den Randbereichen der Komposition, ein Moment der Irritation. Schwindende, diffus angelegte Farbschichten der Konturen scheinen in Auflösung begriffen, den Malgrund freizugeben. Doch was wir sehen, sind Spuren der Farbe, die von der Rückseite der Arbeit nach recto diffundieren. Wir erkennen, dass die Farbe auf beiden Seiten des Blattes geformt wurde, um den Eindruck des Transluzenten und Ephemeren zu erwecken.

Geheimnisse des Malprozesses

Denn Maria Morgenstern gelingt es bereits vor dem Farbauftrag, bestimmte Partien des Malgrundes zu isolieren, regelrecht freizustellen, sodass die Tusche hier nicht oder nur partiell vorzudringen vermag – wie dies genau geschieht, ist ihr legitimes Geheimnis. Dieses Geheimnis des Malprozesses ruft zugleich die Allusion eines Urtopos der Schrift und des Zeichens ins Gedächtnis: das Gastmahl des König Belsazar, eine der bildmächtigsten Szenen aus dem Buch Daniel im Alten Testament. Der betrunkene babylonische König schändet die heiligen Gefäße aus dem Jerusalemer Tempel, spottet Gott und wird dafür bestraft. Bemerkenswert ist vor allem die Art der Verkündigung seines Untergangs: wie von Zauberhand werden Buchstaben an die Wand geschrieben, eine Flammenschrift, die zunächst keiner am Hof zu entschlüsseln vermag. Jenes Wissen um die Kulturgeschichte des Zeichens und der Schrift spiegelt sich nahezu selbstreferentiell im Malprozess der Künstlerin. Ferner transformiert sie das biblische Bild erratischer Zeichen auf der Wand in die dritte Dimension. Serpentinenförmige, in engen Kehren verlaufende Lineaturen entstehen als flachkeramische Objekte, die den Eindruck geschmiedeten Eisens suggerieren.

Maria Morgenstern entwickelt ihr Formenvokabular nicht unabhängig vom maltechnischen Prozess, sie erschließt es in enger Verbindung mit den Medien der Tuschemalerei und Keramik. Das handwerkliche Fundament ihrer Arbeiten, oftmals Resultat längerer materialtechnischer Experimente, bleibt für den Betrachter jedoch häufig verborgen, ganz im Sinne des frühneuzeitlichen Konzepts der Sprezzatura, einer gewissen Nachlässigkeit, die jeden Eindruck von Anstrengung und Mühe der Bildgenese vermeidet, ohne jedoch den Drang des Rezipienten nach Dechiffrierung des Werkes und seiner Entstehung zu mildern.

Ausstellung„Melting the traces“ bis 29. November, p66.gallery, Plattleite 66, 01324 Dresden. geöffnet nach Vereinbarung, www.p66.gallery

Von Greta Levi

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