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Regional Wer A singt … Ólafur Arnalds im Kulturpalast Dresden
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19:15 18.11.2019
Olafur Arnalds im Kulturpalast Quelle: Andreas Weihs
Dresden

Er sei den ganzen Tag nicht aus „diesem Haus“ rausgekommen, sagte Ólafur Arnalds im Kulturpalast. Ehrliche Haut, dieser Isländer! Er vermied es also, mit durchaus üblichen Plattitüden über „eure schöne Stadt“ zu ermüden. Schon als er 2008 das erste Mal hier war, hatte er nicht viel gesehen, was bei ihm nach wie vor mit einer Art Gesamtkonzept zu tun hat.

„A“ klingt überall anders, außer in der Schweiz

Der Komponist, Pianist, Elektroniker und Soundlandschaftsgestalter kümmert sich tagsüber um den Ton, den perfekten Klang für seine Musik, er kümmert sich um seine zwei Mitspielerinnen und drei Mitspieler, den Männern an Pulten, hat ein paar nette Worte für den Rest der Crew und die Frau an der Schokofontäne, anstatt durch Innenstädte zu ziehen. Und er kümmert sich um sich.

Fast mühelos – das war eine der wirklich schönen Beobachtungen an diesem Freitagabend – hat der heute 33-Jährige den Weg aus kleinen Clubs heraus in mittelgroße Säle und von dort in die edlen Gemäuer der Unterhaltungs- und Klassik-Kunst genommen. Weltweit. Es war eine Bereicherung, letztlich auch für ihn.

Auf Socken und mit einem schlichten Herzilein-T-Shirt nimmt er den sehr gut gefüllten Kulturpalast ein, gemischt mit eisernen Fans, temporären Verfolgern, Zufallsbekanntschaften und Jazztage-Neugierigen. Schon am Beginn seiner Zwanziger hatte Arnalds zumeist jungen Menschen jede Ängstlichkeit vor der „hehren Kunst“ genommen, als er mit Streicherfreunden die Rock-Clubs zu Kammermusikorten machte. Er, der sich damals gerade auf den Weg gemacht hatte, um seiner Hardcore-Jugend bei Fighting Shit, dort als Drummer, etwas entgegenzusetzen. Gänzlich gelassen hat er vom Da-gibt-es-noch-was-Anderes nie. Im Beatpol saßen ihm dereinst 80 Menschen zu Füßen. Sie saßen auf dem Hosenboden.

Jetzt, um ein Vielfaches hochmultipliziert, entfernt er den Besuchern gleich nach einem ersten elegischen Klavierstück die Manschetten. Sie müssen singen. Ein gestrecktes „Ahhhhhh“ ist‘s, das er sogleich aufnimmt und fürs nächste Stück loopt. Es klänge in jeder Stadt anders, sagt er. Außer in der Schweiz. Da klänge es gar nicht. Bann gebrochen, falls es überhaupt einen gab.

Minimalistisch genug, ohne Minimal zu sein

Es ist das Ende einer langen Welttour zu bislang letzten CD „re: member“ von 2018. Sie ist noch immer das gedankliche und praktische Stützrad von zwei Stunden Konzert. Songs nennt Ólafur Arnalds das Material bewusst, nicht nur, weil gerade „Unfold“ nun wirklich einer ist, auf Platte mit Sohn am Mikro.

Doch auch elegische Breite ist die Sache des Arnalds nicht. Seine Sanftheit ist noch intensiver geworden, feiner noch einmal die Klinge (man mag gar nicht Klinge schreiben), mit der er vorwiegend zart seine Zeichen in Räume und Ebenen ritzt. Da gibt es keine künstlich ausgetriebenen Crescendi, die vorgetäuschten Höhepunkten gleichen. Oft kehlig setzen sich zwei Violinen und eine Viola auf die Tasten, ein Cello sorgt für den Unterbau. Natur- und elektronische Drums kommen eher wie Sprengsel und selten durchgängig. Alles perlt. Arnalds selbst bedient temporär per Software, parallel zu seinem Flügel, zwei zusätzliche Klaviere. Doch auch im Dreierpack läuft der Saal nicht mit drängendem Volumen und Fülle über. Wichtig wird ein ums andere Mal, was er alles nicht spielt, was eher im Hörer nachhallt.

Es ist minimalistisch genug, ohne Minimal zu sein. Vor allem aber ist es homogen. Obwohl noch jung an Jahren, war Ólafur Arnalds einer der Wegbereiter für ein neues, unakademisches Klassik- und Hybrid-Verständnis in der, ja, Populärmusik. Jene, die vor Monatsfrist Nils Frahm an gleicher Stelle erlebt haben oder Federico Albanese in der Tonne, die demnächst vielleicht wieder zu Martin Kohlstedt gehen, zu Lambert oder erstmals zu Kirill Richter, werden ihn einzuschätzen wissen.

Man hätte danach nicht klatschen dürfen!

Auch in seiner Lieber zu Harmonien, was für nicht wenige Mut heißt. Im neuen Film von Jan-Ole Gerster, der gerade im Kino ist, „Lara“ heißt und eine brillante Corinna Harfouch als verhinderte Konzertpianistin zeigt, die sich über ihren ebenfalls Klavier spielenden Sohn neu zu definieren versucht, wird das mit den Harmonien, die immer die Rauchzeichen der Beliebigkeit am Horizont wissen, thematisiert. Dieser Viktor hat ein erstes eigenes Stück komponiert und es raubt einem alles andere den Atem. Die originale Musik hat die japanisch-deutsche Pianistin Alice Sara Ott eingespielt – mit ihr hat Ólafur Arnalds die CD „The Chopin Project“ aufgenommen.

Chopin, eine alte Liebe, die direkt zur Großmutter führt. Im Dresden-Konzert gab es einige lockere, humorvolle und direkt zur Herzen gehende Moderationen von Arnalds. Eine davon drehte sich um eben jene Oma. Ihr widmete er auch das letzte Stück des Abends. Da saß er allein auf der Bühne, die Band musizierte aus der Künstlergarderobe heraus, die Tür zum Saal stand offen. Man hätte danach nicht klatschen dürfen!

Das nunmehr dritte Dresden-Konzert des Mannes aus Mosfjellsbaer, nahe Reykjavik, schließt den Bogen zum 2018 an nur einem Abend aufgeführten Dok-Film „Island Songs“, der sieben extra komponierte Stücke an sieben Orten Islands zeigte. Ólafur Arnalds, der Kollaborationen einfach mag, hatte sie mit Musikern eingespielt, die jeweils dort leben. Mit dabei waren die Sängerin von Of Monsters And Men, Nanna Bryndís Hilmarsdóttir, Volksdichter Einar Georg Einarsson, der South Iceland Chamber Choir und der längst im Ruhestand befindliche Hornist des Icelandic Symphony Orchestras, Þorkell Jóelsson. Nachzusehen wäre jetzt an der Reihe.

Von Andreas Körner

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