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Regional „WG GSucht“ in Dresden: Wie eine unbeschwerte Party im Drogenrausch endet
Nachrichten Kultur Regional „WG GSucht“ in Dresden: Wie eine unbeschwerte Party im Drogenrausch endet
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12:53 24.11.2019
Olympia Scardi tanz durch die WG-Flure. Quelle: Anja Schneider
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Dresden

Donnerstagabend in der Äußeren Neustadt: Ich gehe zu einer WG-Party, zu der ich nicht eingeladen bin. Ich kenne weder die Gastgeber, noch die Gäste, habe keinen Schimmer, was mich erwartet. Denn diese Party ist eigentlich keine Party – es ist die Premiere der Tanzperformance „WG Gsucht“.

Außer mir haben sich rund zwanzig weitere Personen über das Anmeldeformular des Projekts einen Platz gesichert. Wir treffen uns im Garten des Mehrfamilienhauses, es wird Pfeffi ausgeschenkt, den ich ablehne, weil mir gerade nicht nach Zähneputzen ist. Irgendwann gibt es das Signal: es kann losgehen!

Die Gäste setzen sich in Bewegung, es geht in den zweiten Stock des Altbaus. Abgelegt wird draußen, denn auch wenn die Party nicht real ist: die WG, in der sie stattfindet, ist es schon. Fünf Personen wohnen hier, drei Erwachsene, zwei Kinder. Wer hier eigentlich zum Inventar gehört, ist für Außenstehende nicht ersichtlich. Einem inneren Kompass folgend zieht es alle als erstes in die Küche, wo uns ein gut gelaunter DJ erwartet, der sich offenbar zumindest ganz wie zu Hause fühlt. Erneut wird Pfeffi in Minibechern ausgeschenkt, an der Wand gibt es psychedelisch anmutende Projektionen zu bewundern, aus den Boxen dringt sphärische Musik.

“Wo ist Franco?“

Plötzlich sind wir mittendrin in einer typischen WG-Party-Situation, wie sie vermutlich alle schon unzählige Male erlebt haben. Doch etwas ist anders. Kleine Tütchen wechseln scheinbar zufällig den Besitzer, verschwinden unauffällig in Hosentaschen. Unruhe bricht aus. „Wo ist Franco?“, vermisst jemand einen noch fehlenden Gast, „Ach keine Ahnung“, sagt ein anderer. „der kommt doch immer zu spät.“

Die elektronische Musik legt an Tempo zu, die Küchencrew löst sich langsam auf und die Party beginnt sich auf die anderen Räume und den Flur auszuweiten. In einem Zimmereingang sitzt Performerin Olympia Scardi auf einem Stuhl. Von einer mystischen Aura umgeben, unterstützt von scheinbar zufällig eingesetzten Klangeffekten, erzählt sie auf englisch von zwei dem Drogenkonsum offenbar sehr zugeneigten Freunden, was Ende der achtziger Jahre möglicherweise ziemlich unschön ausging. Ihr zu folgen ist schwierig, denn es ist laut.

Wagner Moreira, eigentlich künstlerischer Leiter des innovativen Projekts, nun aber in der Rolle eines überdrehten Partygasts unterbricht ständig die Erzählung: „Olympia redet immer zu viel, wenn sie nichts genommen hat!“

In einer echten WG in Dresden verschwimmen die Grenzen zwischen Realtität und Spiel. Wir haben die Bilder von der Premiere von „WG GSucht“.

Ausgelassen packt er mich am Arm und zieht mich ins Badezimmer, wo silbrig glitzernde Vorhänge und glänzende Dekoelemente Decke, Wände und Spiegel zieren, der stumme Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung der Droge Crystal. Schließlich, so ruft er euphorisch, sei es später sicher gut zu wissen, wo das Bad ist, „man weiß ja nie, was noch passiert“.

Im Flur wird gerade ein imaginäres Büffet angepriesen, „Hackt euch rein!“ werden wir aufgefordert, uns zu bedienen. Erstmal bekommen wir alle bunte Masken. Ein lustiges Gimmick, denke ich zuerst, schließlich wird die Veranstaltung live auf Facebook übertragen. Schnell merke ich jedoch, wie sich durch das verengte Sichtfeld die Szenerie immer mehr verändert. Der Druck des dicken Filzes auf meinem Gesicht empfinde ich zunehmend als unangenehm. Wie durch Scheuklappen verliere ich langsam den Überblick, was genau um mich herum passiert. Und das ist ziemlich viel. Ein bisschen zu viel, wenn ich ehrlich bin.

Christian findet alles geil

Plötzlich finde ich mich in einem anderen Zimmer wieder. Christian Novopavlovski tanzt selbstvergessen in der Mitte des Raumes. Christian findet alles „geil!“. Die Party, die Stimmung, die Mucke, die Leute. Wie in einer Endlosschleife gefangen ruft, schreit, flüstert er diese Empfindungen immer wieder. Dabei wird die Zunge stetig schwerer, die Sprache verwaschener, verlangsamt.

Sein Smartphone liegt auf dem Boden, vibriert. Christian irgendwann auch. Er windet sich zuckend in einem krampfartigen Zustand, verliert dabei seine Adilette. Irgendwann tastet er nach seinem Handy, hört die Rückrufbitten ab, lässt sich bei der Suche nach seinem Schuh helfen und geht weiterfeiern. „Pfeffi?“, ruft es von draußen, dann verbreitet sich die frohe Kunde: Franco sei endlich aufgetaucht.

Franco, so erzählt Wagner Moreira mir später, ist eigentlich nur eine Metapher. Für Stoff. Jetzt, wo er da ist, kann die Party erst richtig losgehen. Tatsächlich läuft sie immer mehr aus dem Ruder. Musik, Video und Klanginstallationen kreieren eine derart verstörende Stimmung, dass ich mich inzwischen selbst im Rausch wähne.

Jemand hämmert gegen die Türen, laut und dumpf, ein Anflug von Hysterie erfasst die Gäste, die sich in den Räumen drängen. Es ist eng, warm und dunkel, Lichtblitze zucken. Die Musik wird immer schneller, passt zu der unterschwelligen Aggression, die sich unter den Akteuren aufzubauen scheint. Die wirken zunehmend derangiert, werden körperlicher, rempeln sich an, taumeln, fallen. Rappeln sich wieder auf. Torkeln zurück in die Küche. Tanzen. Feiern. Die Musik schwillt an zu einem dumpfen Summen, die Performer lassen stapelweise bunt bedrucktes Papier, das ihr Gesicht verdeckt, auf den Boden gleiten. Schließlich liegen sie selbst auf dem Dielenboden, inmitten des Chaos aus Magazinseiten. Die Blätter zeigen allesamt Menschen.

„Unsere persönlichen Sachen bieten die komplette Szenerie“

Nach dem tosenden Schlussapplaus werden wir von den Künstlern persönlich zur Tür geleitet. „Pass auf dich auf“ bekommt jeder als guten Wunsch mit auf den Weg. Auch die eigentlichen Bewohner der WG lassen sich jetzt blicken.

Daniela Lehmann hat die Show in ihrem Schlafzimmer verbracht – die Performance fiel genau in die Zubettgehzeit ihrer kleinen Tochter, die am Morgen früh wieder zur Schule muss. Die siebenjährige Talu durfte aber bereits am Vortag bei den Proben zuschauen. „Man muss sich schon im Klaren darüber sein, dass man sich eine Performance ins Haus holt, die eine so krasse Stimmung kreiert“, sagt Daniela, die es dann doch ziemlich laut fand.

Die 40-Jährige ist selbst Tänzerin, fand die Idee faszinierend, die Performance in eine echte WG zu holen: „Das ist ja ein wirklicher Haushalt, das macht es viel nahbarer. Trotzdem ist es auch ein Stück weit befremdlich, denn unsere persönlichen Sachen bieten die komplette Szenerie, das ganze Bühnenbild. Deswegen blieben einige Räume auch tabu“. Ihre Privatsphäre sieht die Gastgeberin jedoch nicht zu sehr eingeschränkt, nimmt es eher mit Humor: „Das ist vermutlich die erste WG-Party, wo ich nicht selber aufräumen muss“.

„Man kriegt das alles gar nicht mehr so mit“

Das übernehmen Wagner Moreira und sein Team. „Wir wollten zeigen, dass es Jeden treffen kann. Sucht hat viele Gesichter, man sieht es den Leuten nicht immer an.“ Das Setting der WG-Party ist bewusst gewählt. Alles scheint lustig, bunt und harmlos, der Konsum von Alkohol und vielleicht auch Drogen ist in so einer Situation für viele ganz selbstverständlich.

Auch Carolin kam vieles bekannt vor. Über Mundpropaganda wurde sie auf die Performance aufmerksam geworden und ist begeistert von der Vorstellung: „Es war total krass, sowas mal nüchtern und von außen mitzuerleben. Meist ist man bei solchen Partys ja selbst eher angetüdelt und kriegt das alles gar nicht mehr so drastisch mit“.

Auch Freundin Xenia hat sich wiedererkannt: „Natürlich kenne ich auch Leute, die genau so sind. Und ich mochte das Interaktive, wusste manchmal nicht, was ist echt, was ist Show? Soll ich der Person jetzt aufhelfen?“

Diese Unsicherheit, so Moreira, ist gewollt. „Es ist nicht immer so, wie es aussieht. Die Masken wirken nach außen lustig und schön, was hinter der Fassade passiert, sieht man nicht sofort. Das hier simuliert eine Party, auf der man zufällig landet und sich am nächsten Morgen im Krankenhaus oder woanders wiederfindet – und keine Ahnung hat, wie das passiert ist“.

Quelle: Anja Schneider

Am Donnerstag und Freitag in Löbtau

Der Performance merkt man an, mit wie viel Liebe zum Detail und Herzblut sie entstanden ist –und mit welcher Professionalität. Der gebürtige Brasilianer und Partnerin Helena Fernandino haben sich ein hochprofessionelles Team zusammengestellt. Moreira selbst erhielt erst vor wenigen Monaten den sächsischen Ursula-Cain-Förderpreis für Tanz, ist international in Projekten aktiv.

In all diesen verfolgen er und Fernandino einen sozialpolitischen Ansatz: „Wir wollen mit Kunst Menschen verändern“. Das ist auch die Grundidee des Kulturjahrs Sucht, das den Rahmen für diese einzigartige Veranstaltungsreihe bietet. Über innovative und vielseitige Kunstprojekte soll ein leichterer Zugang zum komplexen Thema Sucht und Abhängigkeit geschaffen werden. Nach den großangelegten Aktionstagen im Stadtgebiet findet das Jahr mit „WG GSucht“ nun einen intimeren Abschluss.

Nach vier Vorstellungen in der Äußeren Neustadt geht es am Donnerstag und Freitag in eine neue WG – diesmal in Löbtau. Für die Vorstellung am Freitag um 22 Uhr gibt es noch freie Plätze. Anmeldungen sind nur online möglich, der Eintritt ist frei. Wer keinen Platz ergattert kann die „Party“ auch gefahrlos vom Sofa aus verfolgen und bei Facebook streamen. Weitere Vorstellungen sind geplant.

Von Kaddi Cutz

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