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Regional „Vom Singen geht eigentlich alles aus“ – ein Nachruf auf Peter Schreier
Nachrichten Kultur Regional „Vom Singen geht eigentlich alles aus“ – ein Nachruf auf Peter Schreier
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07:38 27.12.2019
Peter Schreier Quelle: Sebastian Kahnert/dpa
Dresden

Es gibt Gedanken, die zu Ende zu führen man sich fürchtet. Ein solcher war das Wissen um den seit langem geschwächten Gesundheitszustand Peter Schreiers. Am Mittwoch nun, einen Tag nach Heiligabend, war seine Lebenskraft aufgebraucht. Im Alter von 84 Jahren ist Dresdens berühmter Tenor in seiner Heimatstadt verstorben. Das teilte das Sekretariat des Sängers im Namen der Angehörigen mit. Die Familie trauere um den Ehemann, Bruder, Vater, Großvater und Urgroßvater und bitte um Zurückhaltung und Wahrung der Privatsphäre.

Eine unverwechselbare Stimme ist verstummt. Eine Jahrhundertstimme? Ja, eine solche hatte Peter Schreier, und in Verbindung mit seinem künstlerischen Ethos, seiner Disziplin, seinem gestalterischen Willen ist er auch ein Jahrhundertinterpret gewesen.

Erste Schritte im Dresdner Kreuzchor

Am Anfang seiner beeindruckenden Karriere als Sänger – später auch Dirigent – stand die Musica sacra. Am 29. Juli 1935 in Meißen geboren, verbrachte er seine ersten Jahre in Gauernitz, wo der Vater Kantor und Lehrer war und ihm und seinem Bruder die Musik nahebrachte. 1945 wurde Peter Schreier Mitglied des Dresdner Kreuzchores unter Rudolf Mauersberger.

Der Dresdner Kreuzchor gab Peter Schreier die entscheidenden Impulse. Quelle: Aus „Peter Schreier. Melodien eines Lebens“, Foto: aus dem Privatarchiv des Künstlers)

Der Kreuzkantor, der das einzigartige Talent des Altisten erkannte, förderte und forderte und begleitete ihn auf der ersten Station zur Solistenlaufbahn. „Der Kreuzchor war die beste Schule“, erinnerte sich Schreier im Gespräch mit mir aus Anlass seines 80. Geburtstages 2015. „Chor ist für mich eine Gattung, wo Musikalität und Disziplin Voraussetzung sein müssen, man sich ins Klangbild anpassen und unterordnen können muss. Vom Singen geht eigentlich alles aus. Die Zeit im Kreuzchor war auch insofern etwas ganz Besonderes für mich, weil wir ja nach dem Krieg bei Null anfangen mussten. Diese Situation hat uns zusammengeschweißt, und meine besten Freunde stammen aus dieser Zeit.“

Die Kirchenmusik gehörte immer zu Peter Schreier. Seine exemplarische Gestaltung des Evangelisten in den Bachschen Oratorien bleibt unvergesslich und Zeugnis seiner Fähigkeit, das von Bach Notierte als klingende Aussage zu gestalten, mit aller Expressivität und Dramatik. Als er vom Sänger- zum Dirigentenpult wechselte, wusste er dies auch seinen musikalischen Mitstreitern so zu vermitteln, dass die Aufführungen zu außergewöhnlichen Ereignissen wurden.

Der Knabenalt wird zum Tenor

Im Alter von 16 Jahren war aus Schreiers Knabenalt ein Tenor geworden, es folgten privater Gesangsunterricht und ein Studium Gesang sowie Chor- und Orchesterdirigieren an der Dresdner Musikhochschule. 1959 gab der junge Sänger in seiner Heimatstadt sein Bühnendebüt als Erster Gefangener in Beethovens „Fidelio“. Es war der Auftakt für eine grandiose Laufbahn als Opernsänger. Als Mozarts Tamino, Don Ottavio und Ferrando, Wagners Loge, Pfitzners Palestrina, Webers Max, Tschaikowskis Lenski und in vielen anderen Rollen mehr ...

Seit 1963 hatte er einen Vertrag bei der Staatsoper Berlin Unter den Linden, ab 1966 war er alljährlich zu Gast an der Wiener Staatsoper. Sein Debüt im gleichen Jahr in Bayreuth gab er als junger Seemann in „Tristan und Isolde“. Der lyrische Tenor sang an den großen, bedeutenden Häusern der Welt, 1967 begann die Zusammenarbeit mit den Salzburger Festspielen und Herbert von Karajan, die 25 Jahre lang hielt.

Ruhm: „ein zweifelhaftes und vergängliches Gebilde“

Im Jahr 2000 hatte sich Peter Schreier von der Opernbühne verabschiedet, dem Liedgesang aber blieb er zunächst weiterhin treu. Jenem Genre, dem er sich so sehr verbunden fühlte, weil er hier den individuellsten Ausdruck wählen und umsetzen konnte. Mit dem „Mut, mich auf das Wesentlichste zu konzentrieren. Dass ich aus dem Geist des Stückes heraus singe und die Freiheit habe, das auszudrücken, was ich empfinde.“ Denn um Wahrhaftigkeit im Gesang ging es ihm immer. Bei Schubert, Beethoven, Mozart, Wolf, bei Volks- und Weihnachtsliedern – und bei Robert Schumann, zu dessen Ehren er das kleine feine Festival Schumanniade in Kreischa ins Leben gerufen hatte.

Bilder aus dem bewegten Leben von Peter Schreier

Bilder aus dem Leben von Peter Schreier

Dresden blieb immer sein Lebensmittelpunkt. 2016, spät, aber nicht zu spät, hat die Landeshauptstadt ihm ihren Kunstpreis verliehen. Peter Schreier wusste, dass Ruhm, wie er selbst sagte, „ein zweifelhaftes und vergängliches Gebilde“ ist, und fühlte sich so um so mehr verwurzelt in seiner Heimat. Hier hat sich sein Lebensweg vollendet, sein Gesang wird in unserer dankbaren Erinnerung bleiben.

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