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Regional Vater mit steinernem Gesicht – Natascha Wodin las in Dresden
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19:13 21.11.2019
Autorin Natascha Wodin. Quelle: dpa/Jan Woitas
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Dresden

Der Zweite Weltkrieg ist längst zu Ende. Doch vergangen ist er nicht. Wunden hat er auch in den Seelen jener hinterlassen, die keine Soldaten waren, sondern ihn als Zivilisten erlitten. Ebenso wie in den Seelen der unmittelbar Nachgeborenen. Wie tief und lang wirkend sie sein können, erfahren wir in Natascha Wodins neuem Buch „Irgendwo in diesem Dunkel“ – auf solch erschütternde Weise wie nur selten. Jetzt hat sie es in der Villa Augustin in der Dresdner Neustadt vorgestellt und mit dem Dresdner Schriftstellerkollegen Michael G. Fritz darüber gesprochen.

Das Buch beginnt mit dem Tod des Vaters

Das Mindeste, was sich darüber sagen lässt: Es ist genau, es schleicht sich nicht um die Abgründe von Menschen herum, sondern lässt uns mitten hinein blicken. Seine Härte lässt kein Ausweichen zu. Das sind Sätze, die treffen einen in ihrem lakonischen Ton ungeschützt ins Mark.

Die Autorin, Anfang Dezember 1945 im mittelfränkischen Fürth geboren, war in „Sie kam aus Mariupol“ (2017) den Spuren ihrer ukrainischen Mutter gefolgt und hatte deren Lebensgeschichte rekonstruiert, die 1956 mit dem Freitod in der Regnitz endete. Der Vater spielte dort nur eine Nebenrolle. „Ich habe gespürt, dass ich ihm etwas schuldig geblieben bin“, erklärte Natascha Wodin im Gespräch.

Das Buch beginnt mit seinem Tod 1989, mit seinen letzten Lebensjahren. Wir sehen ihn in seinem Verfall, seinem elenden Dahindämmern. In der ungeschminkten Schilderung bis in Details nimmt die Autorin keine Rücksicht auf Pietät. Dieser Nikolaj, 1900 als ältester von vier Söhnen eines Gemischtwarenhändlers in Kamyschin an der Wolga geboren, begegnet uns als zäher Mann mit steinernem Gesicht, dem die Erlösung durch den Tod allzu lange versagt bleibt.

Eine gnadenlose Schilderung, so scheint es. Aber nur auf den ersten Blick. Denn die Autorin fragt, wie er so geworden ist. Woher diese undurchdringliche innere Emigration kommt, in der eingeschlossen sie ihn erlebt hat. „Ich wollte darüber schreiben, dass es möglich ist, einen Vater zu haben, den man nicht kennt, über den man nichts weiß“, sagt sie.

Wenig, viel zu wenig kann sie über ihn herausbekommen. Er selbst hat geschwiegen. Einer seiner Brüder, den sie in den Achtzigern in Moskau besucht, gibt sich einsilbig. Doch dann erfährt sie Genaueres über die Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion in Deutschland. Zu diesen mehreren Millionen, von denen nicht einmal die genaue Zahl bekannt ist, gehörte auch er. Zu den Insassen der rund 30.000 Zwangsarbeitslager. Schuften mussten er und seine Frau in einem Rüstungsbetrieb des Flick-Konzerns.

Leerstelle des Schweigens füllen

Aber auch da ist sie auf das angewiesen, was sie bei anderen in Dokumentationen gelesen hat. Unübersehbar häufen sich auf diesen Seiten Wörter wie „vielleicht“, „sicherlich“, „wahrscheinlich“. Dieses Erzählen, das nur mutmaßen kann, ist ein Wagnis. Aber Natascha Wodin muss die Leerstelle des Schweigens füllen. Das gelingt ihr glaubwürdig. Und damit auch, ihrem Vater, zuvor nur in seinem elenden Zustand und seinen abstoßenden Eigenschaften beschrieben, eine Geschichte zu geben.

Aufs engste ist die mit der Erzählerin verbunden, die wir, wie sie selbst bestätigt, mit der Autorin gleichsetzen dürfen. Sie lernt sich selbst in der traumatischen Beziehung zu ihm kennen und ist, was peinliche Details anbelangt, mit sich ebenso unerbittlich. Eine ihrer frühesten Erfahrungen: Als Kind kitzelt sie ihn an den Füßen. „Er schreckt hoch, starrt mich einen Moment mit verständnislosen Augen an, dann versetzt er mir einen Schlag von solcher Wucht, dass ich gegen die Bretterwand vis-à-vis dem Bett fliege. Von diesem Moment an habe ich einen Vater.“

Natascha Wodin: Irgendwo in diesem Dunkel. Rowohlt. 240 S., 20 Euro Quelle: PR

Alle Formen von Gewalt und Demütigungen gehören nach dem Tod der Mutter zu ihrem Alltag. Das wirft sie aus der Spur. Sie haut ab, lebt auf der Straße. Von Anfang an nimmt ihr Leben einen verhängnisvollen Verlauf.

Spät erst, nach seinem Tod, mit dem Wissen um die Zwangsarbeiter erwägt sie: „Auch in den brutalen Schlägen meines Vaters traf mich vielleicht etwas von seiner Lagervergangenheit.“ Spätestens hier hört die Erzählung auf, unbarmherzig zu sein, wäre sie es denn je gewesen.

Gleichzeitig erfahren wir, wie sie verzweifelt dieser isolierten Welt der Russen am Rand der Stadt, den „Häusern“, zu entkommen versucht. Ganz eine Deutsche zu werden, ist ihre Sehnsucht. Ausgerechnet in jener Umgebung möglichst unsichtbar aufzugehen, die sie ausgrenzt und erniedrigt. Auf ungewöhnliche Art legt diese Autorin uns die Frage nach Identität und Zugehörigkeit vor.

Und am Ende des Buches, wenn man schon meint, alles sei erzählt, kommt es noch einmal ganz hart: Vergewaltigung, Abtreibung. Dass man mit zusammengebissenen Zähnen lesen muss, dürfte nicht allzu oft vorkommen.

Es verschont uns nicht, dieses Buch, und lässt uns der Suche nach eigenen Antworten nicht entkommen.

Von Tomas Gärtner

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