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Regional Um die Wette getragen werden – „Milliarden“ in der Scheune
Nachrichten Kultur Regional Um die Wette getragen werden – „Milliarden“ in der Scheune
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06:00 22.10.2018
Klare Worte, klare Stimme: Milliarden in der Scheune.
Klare Worte, klare Stimme: Milliarden in der Scheune. Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden

Einen absolut tempo- und energiegeladenen Aufenthalt bot die Band Milliarden aus Berlin in Dresdens ausverkaufter Scheune. Die fünf Jungs knallten vom ersten Titel an eine ungeheure Energie in den Saal. Ihre aktuelle Tour zum zweiten Album „Berlin“ führt sie durch die urbanen Konzerthäuser des Landes, und dass diese meist ausverkauft sind, zeigt, dass Können, Talent und „Bock drauf haben“, die richtigen und zahlreichen Empfänger findet.

Gegründet 2013 von Sänger Ben Hartmann und Keyboarder Johannes Aue, begannen Milliarden ihre Karriere mit dem Titel „Himbeereis und Kokain“, der mit „Kennt ihr den noch?“ in der Mitte des zweistündigen Konzerts in der Scheune angekündigt wird. Ihrem Stil sind sie seit fünf Jahren treu, eine Mischung aus Punk, Rock, Pop – mit deutschen Texten – über alles Wichtige im Leben, nie anklagend, eher aufrüttelnd und nah am Alltag.

Der Abend startet mit „Regenbogen“. Sänger Ben transportiert mit seiner ehrlichen, teils heiseren und emotionalen Art zu singen, nicht nur Texte, sondern Erlebnisse und Momente des Lebens. Nie hingeworfen, zusammengestückelt oder als Programm, sondern glaubhaft, seelenoffen und mitreißend. In „Rosemarie“ wird die Sehnsucht und Hingabe zu einer spontanen und lebensfrohen Frau besungen, in „Über die Kante“ die absolute Liebeserklärung ausgesprochen, um dann in „Ultraschall“ dem Thema Abtreibung und den Gefühlen dazu eine Stimme zu geben. Immer nah dran, dem besungenen „Roberto“, der aus seinem Alltag als Obdachloser berichtet, wird ein Schlafplatz auf dem Dachboden des Sängers gewährt, nicht weil er nicht mehr gehen kann, sondern weil sein Leben so spielt und Roberto das wohl so mag.

Wir haben die Fotos vom energiegeladenen Konzert der Berliner.

Überhaupt fühlen sich die Band und ihr Ausdruck live sehr kraftvoll und lebensbejahend an, immer wieder wird das Publikum zum Mitsingen und „Dresden, kommt schon!“ angeregt, dies wäre gar nicht nötig, da alle in Hüpf- und Feierlust sind. Spürbar waren die Nachwehen der Festivallaune des Sommers, sind die Milliarden dort vielfach gewünscht und gesehen worden, erfreuen sie sich so und mit ihren zahlreichen anderen Projekten, wie ein Teil der Filmmusik zu „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk“, steigender Bekanntschaft.

Schlimm für sie und für viele andere auch ist die wachsende Anhängerschaft der Rechten in Deutschland. Milliarden positionieren sich deutlich dagegen, fordern zum Gegendruck auf und missbilligen das Auftrittsverbot der Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ in Dessau. Das Publikum antwortet einstimmig mit „Nazis raus!“-Rufen. Milliarden seien bereit zur Unterstützung und wenn sie gebraucht würden, sollten sie kontaktiert werden, sie kämen sofort. Klare Worte, klare Stimme.

Zwischen Politikum und Posititionierung kommt die Party dennoch nicht zu kurz. Springen bereits beim dritten Titel die ersten Fans von der Bühne in die Arme der anderen feierwütigen Gäste, lassen es sich Ben und Teammitglied Lisandra nicht nehmen, einen Contest zu machen. Wer ist als erster, von Händen getragen, am Ende des Saales beim Mischpult und zurück auf der Bühne? Egal, wer gewonnen hat (natürlich die charmante Lisandra), die Stimmung ist grandios, alle kommen den beliebten Publikums-Spielchen nach, hocken sich gerne hin oder bilden Kreise, um den smarten Sänger im schwarzen Einteiler in die Mitte zu bekommen, aber nichts wirkt aufgesetzt oder gewollt. Der Abend lebt vom Charisma der Milliarden und der Lust der Gäste. Mit ihnen kann man „Im Bett verhungern“ (Album „Betrüger“, 2016), weil man sie so lange erleben will, wie es möglich ist.

Von Anne Gräfe