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Regional Um-Ordnung der Dinge – Tschechische Surrealisten im Lipsiusbau Dresden
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19:08 20.11.2019
Die Ausstellung „Move little Hands... „Move!“ hat Jan Švankmajer maßgeblich selber gestaltet. Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

Mit einer ganz besonderen Überraschung warten die Staatlichen Kunstsammlung Dresden im Lipsiusbau auf. Innerhalb von nur zehn Wochen sei die spontane Idee einer retrospektiven Ausstellung des tschechischen Surrealisten-Paars Jan Švankmajer und Eva Švankmajerova verwirklicht worden, erklärte Generaldirektorin Marion Ackermann am Montag vor der Presse. In einer solch knappen Zeit konnte freilich kein Katalog erarbeitet werden, und selbst Fotos für das Begleitheft mussten erst noch aufgenommen werden.

Aber ganz im Sinne des animierenden Ausstellungstitels „Move little hands… Move!“ war auch ein Eröffnungstermin nahe am Jubiläum der Samtenen Revolution in der Tschechoslowakei (17. November) unbedingt gewollt. Schon wegen des Hauptwerks oder zumindest Hauptfilms der Ausstellung „Das Ende des Stalinismus in Böhmen“, in dem Švankmajer alle Register im fließenden Übergang zwischen Realfilm und Stop-Motion-Animation zieht – in bester ironisierter Agit-Prop-Manier.

Blick in die Ausstellung im Lipsiusbau Quelle: Dietrich Flechtner

Bei dem Ausstellungsprojekt, das nicht die Filme in den Vordergrund stellt, sondern eine wohl auch für Tschechien völlig neuartige Zusammenschau anstrebt, handelt es sich gewissermaßen um ein Zwischenspiel der langfristig angestrebten Zusammenarbeit der Kunstsammlungen mit Prag und gleichzeitig um das kuratorische Nachspiel mit dem inzwischen abgelösten Prager Generaldirektor Jiri Fajt.

Allerdings wird wie bei der Dresdner Ausstellung in Prag etwas gezeigt, was am Herkunftsort eher unbekannt ist. Freilich weiß man in Dresden allgemein eher wenig von Kunst im Nachbarland, die sich längst viel stärker an der westlichen Avantgarde misst und daher in einem deutlich anderen Kontext steht als etwa die Dresdner bis – und nach 1989. Ähnliches gilt für die Politik. So entsteht nun ein typischer surrealer Dialog mit Antworten auf Fragen, die unbekannt sind.

Ein Pionier und seine Frau, die „man unmöglich dirigieren konnte““

Švankmajer, dessen Frau bereits 2005 nach langer Krankheit verstarb, gilt international vor allem als Pionier des Animationsfilms. Sein Œuvre umfasst 27 Filme, davon sieben Spiel- und 20 Animationsfilme, 17 Arbeiten mit insgesamt etwa fünf Stunden Länge laufen nun in Endlosschleife. Entsprechende Sitzpositionen und meist Kopfhörer stehen zur Verfügung.

Ganz anders sieht es bei den Wahrnehmung der bildkünstlerischen Arbeiten aus. Im Unterschied zu Dalí, dem Švankmajer ein frühes Werk als Hommage gewidmet hat und zu dem er keinen Vergleich zu scheuen brauchte, will er kein Narzisst sein. Er sei vielmehr, was seine Kunstwerke betrifft, nicht am Markt interessiert. Ausstellungen sieht er in erster Linie als Inspiration für und Austausch mit Kollegen und Gleichgesinnten, also als Teil einer Verschwörung im Kampf um die „absolute Freiheit“.

Denn weniger, so sagt Švankmajer, der zur Vorstellung der maßgeblich von ihm selbst aufgebauten Schau zugegen war, dürfe man sich nicht vornehmen, weil sonst die unerbittliche Realität nichts von freiheitlichen Ansätzen übrig lasse. In diesem Sinne hat er auch einen eigenen Dekalog formuliert, den man in der Ausstellung studieren kann. Damit ist auch einiges gesagt über die Zusammenarbeit mit der Ehefrau, die vor allem getan habe, was er selbst nicht so gut konnte, und ansonsten ein Wesen war, „das man unmöglich dirigieren konnte“. Trotzdem oder gerade deshalb entstanden immer wieder so zauberhafte Dinge wie das Faust-Theater mit seinen Puppen bis zu lebensgroßen Marionetten und ihrer Ausstattung.

Am Ende ihres Lebens schuf Eva Švankmajerova „spiritistische“ Bilder, die den Übergang der Existenz in andere Sphären suchen und gewissermaßen die Krönung des Magischen verkörpern, das beide Künstler wohl von Anfang an verband.

Eva Svankmajerova: Surrealist Personality who lost Face, 1995. Quelle: SKD

Zwischen der Wirklichkeit und dem Surrealen liege oft nur ein Wimpernschlag, meint Švankmajer, und das ist eben nicht nur das Prinzip der Stop-Motion, sondern auch seiner Objekte, Gemälde, Zeichnungen. Aus Rekombinationen mit Stellvertreterfunktion erwachsen unversehens eigenständige Gebilde oder Wesenheiten, die Švankmajer schon versucht war, in einem eigenen , also eingedeutscht einem Schwank-Mayerschen. Lexikon aus collagierten Originalen zusammenzufassen, aber das wäre ja eine eigene Lebensaufgabe, also eine Einschränkung jeglichen weiteren Tuns und kein Ausleben von Freiheit gewesen.

Phantastisch, skurril, hintersinnig und politisch

Der Surrealismus, der in Deutschland nach Max Ernst fast verschwunden schien, immerhin auch in Dresden mit Jürgen Schieferdecker noch einen Nachhall fand, sei in Tschechien durchaus eine beachtliche aktive Strömung der zeitgenössischen Kunst, erklärt Fajt, und Švankmajer gelte als ältester Vertreter der 3. Generation. Dabei liegen seine Wurzeln viel tiefer und weit früher als etwa bei Paul Klee, nämlich in den Kunst- und Wunderkammern – in Dresden und Prag, wo einstmals ein Giuseppe Arcimboldo tätig war, der u.a. ein Bildnis seines Dienstherrn Rudolf II. einzig und allein aus Früchten komponierte. An die Nautilusschnecken und anderes fremdartige Getier, das von Dinglinger und Kollegen einst zu kostbaren Präziosen verarbeitet wurde, wird man ebenso erinnert durch die historisierenden Vitrinen, die nun samt Inhalt zu einem fulminanten Gastspiel aus einem böhmischen Schloss nach Dresden gebracht wurden.

Kurator Jiri Fajt (l.) und Jan Švankmajer Quelle: Dietrich Flechtner

Da lässt sich das Entzücken der SKD-Generaldirektorin angesichts der vielen Bezüge zu den hiesigen Sammlungen, von der Puppentheatersammlung über das Grüne Gewölbe bis zum Porzellan (gipfelnd etwa in einer Masochistischen Alchemie) sehr gut nachvollziehen. Allerdings steht hier nicht das spielerisch Kostbare im Vordergrund, sondern das Phantastische, Skurrile, Hintersinnige, das bei Švankmajer, neben einer tiefgründig von de Sade bis Freud geschulten menschlichen, meist auch eine daraus folgernde politische Dimension besitzt. Der Künstler hat sich, wie die Protagonisten der Klassischen Moderne, auch mit afrikanischen und Südseekulturen auseinandergesetzt. Aber auch mit dem Absurden, wie in seinen Fetisch-Kästen, deren wenig appetitliche Entstehung bis hin zum endlich mumifizierten Inhalt er bildhaft und pointiert zu schildern weiß.

Abgesehen von den durch Glas geschützten Dingen sind die meisten anderen – move little hands! – zur Berührung gedacht, wie sie ja auch durch Berührung der Hände, im einfachsten Fall durch knetende Finger entstanden sind. Dem reinen Betrachter entgeht eine wichtige, vielleicht die wesentliche Dimension. Aber der programmatische Ernst wird auch gleich wieder ironisch gebrochen durch einen mit verschiedenen Bürsten bestückten Stuhl, der im Sinne der therapeutischen Wirkung am besten nackt zu besetzen sei …

Mag sein, dass die vielleicht auch nicht ganz zufällig bis zum Internationalen Frauentag am 8. März währende Ausstellung nicht nur am Ort eine Überraschung darstellt, sondern darüber hinaus die Wahrnehmung der Künstler nachhaltig verändert. Denn das Düstere, Morbide, hergeleitet etwa von Bezügen zu Edgar Allen Poe, löst sich doch, wie die Arbeiten hier arrangiert sind, weitgehend auf in einer kosmischen Heiterkeit, die allerdings mit Naivität wenig zu tun hat. Tatsächlich sieht der Künstler in Anbetracht der bekannten Konflikte von Arm und Reich über Migration und Klimawandel bis zu Beschäftigungslosigkeit und Künstlicher Intelligenz keine guten Zukunftsaussichten für unsere Zivilisation.

„Move little Hands ... „Move!“– Die tschechischen Surrealisten Jan & Eva Švankmajer, bis 8. März 2020, Kunsthalle im Lipsiusbau

Von Tomas Petzold

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