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Regional Der gewollte Theaterskandal – „Das blaue Wunder“ mit AfD-Bezug
Nachrichten Kultur Regional Der gewollte Theaterskandal – „Das blaue Wunder“ mit AfD-Bezug
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08:42 28.01.2019
„Das blaue Wunder“ lässt gar eine eigenartige Kreuzfahrt-Kulisse entstehen. Quelle: Sebastian Hoppe
Dresden

Es endet recht furios: Nach zwei Stunden pausenloser Spielzeit rauscht „Das Boot“ mit den Klängen aus dem gleichnamigen Film mit Volldampf die Elbe herauf, um stramm Kurs auf den Dresdner Landtag zu halten und ihn zu entern: Doch die neun Kämpfer als Vereinigung von IS und NS, die unter Führung von Matthias Reichwald als energische Matthias-Rößler-Karikatur und dem Publikum als wehrlose Abgeordnete das Parlament übernehmen, müssen gar nicht mehr kämpfen: Der Boden ist schon zuvor bereitet, es erfolgt eine freundliche Übernahme des Hohen Hauses, nachdem sich kurz zuvor noch die fünf grünen Muselmanen mit Krummsäbel gegen vier grellblaue Neofaschisten (bewaffnet mit AK 47 aus dem Theaterfundus) im „Heiligen Krieg” gegeneinander wähnten, aber nun die Demokraten als gemeinsamen Feind erkennen. Danach kommt nichts mehr – außer einer großen chorischen Warnung, ja nicht rechts zu wählen, weil „Sachsen so geil sein könnte“.

Ausgerechnet dort, wo es anfängt, spannend zu werden, endet die Show. Die war zuvor, in ihrer zweiten Halbzeit mit insgesamt neun (!) Interventionen von je zwei bis sechs Minuten Länge samt einfallslosem Vorhang unterbrochen, in denen Dresdner Initiativen völlig untheatral zu Wort kamen, die seit Jahren gegen den Rechtsruck kämpfen.

Lösch verheißt Interesse

Zuvor ging es, unter Anleitung der taffen blonden Kapitänin Ursula Hobmair, auf eine Art Kreuzfahrt, auf der man für echte deutsche Schiffsmark arbeiten durfte (und wollte), die Elbe hinab ins Polarmeer zur Nordmeertaufe, wo die Wutbürger mit Baseballkeulen endlich die Sau rauslassen durften, dann zur heißen Südsee, wo das Trinkwasser ausgeht und beinahe Afrikaner das Schiff übernehmen.

Regisseur Volker Lösch ließ sich von Thomas Freyer und Ulf Schmidt eine Textvorlage für zehn Figuren schreiben. Er verheißt als Theaterguru bundesweite Aufmerksamkeit und bescherte Dresdnern schon viele Streitgespräche über die Außenbetrachtung des Zustandes ihrer Stadt. Unbeleckt von der akuten Weltlage gebar man so das Stück zur Landtagswahl, das eigentlich mit dem Arbeitstitel „Dresden 2029“ als Groteske angekündigt war, aber nun als eine Art Farce schon im September 2019 endet.

Neben der Bootszene und dem Prolog gibt es noch eine eindrucksvolle Nummer: Holger Hübner tritt aus dem Schiff und liest dem Publikum vorm eisernen Vorhang lautstark die Leviten: per Zitaten aus dem Spiegel von Februar 1990, als jener die damaligen Wirtschaftsflüchtlinge aus der Zone so trübe beschrieb, wie wir heute über Flüchtlinge lesen müssen: faule Schmarotzer, die das Sozialsystem belasten, sich im Lager prügeln und gern den Frauen unter den Rock gehen.

Bunt vermengt über alle Politikebenen und Anlässe dient das „Blaue Buch” als eine Art Bibel, (mangels verantwortlichem Regierungshandeln) als Melange des gepredigten Alltagsrassismus.

Ein Panzerkreuzer Potemkin?

Über Herkunft und genossene Bildung der Propheten erfährt man aus dem Stück aber ebenso wenig wie über Ursachen und Wirkungen der akuten sächsischen Politmalaise – und kurz vorm Ende meucheln die Jünger erst per Flutung der Ankerkammer all jene vermeintlichen Maschinenmenschen (auch Ölgesichter genannt) unter Deck, erschießen auf Befehl des stets wechselnden Führers („Schiff heil”) schon tote Flüchtlinge und dissen oder schwängern sich gegenseitig alle mehrfach. Um hernach nahezu biblisch wiederaufzuerstehen.

Im Wissen darum, dass ob Bezahlbarkeit (und Stromverbrauch) der Bühnen- und Spielidee schon der Ansatz in anderen sächsischen Theater durchfallen würde, fragt man sich vorm Happy End, ob mit dem halben Schiff (Bühne: Cary Gayler), das von der Form her dem Fronttorso der legendären Wasa ähnelt, eher Arche oder Titanic gemeint sei, obwohl eher eine Aurora not täte.

Aber es ist wohl ein Panzerkreuzer Potemkin, der hier als großes, beeindruckendes Stahl- und Klettergerippe ins Schlachtfeld geführt wird, dabei aber gar nicht fahren, sondern nur sich drehen sowie aufsteigen und sinken kann, was im zweiten Rang besonders eindrucksvoll wirken muss.

Volker Lösch startete in Dresden 2001 mit „Die Rassen“ echt blutrünstig und bekam vor sechs Jahren den Kamenzer Lessingpreis. Im November 2015 führte er bei „Wir sind das Volk“ noch anhand von Max Frischs „Graf Öderland“ en passant eine Story mit Handlung auf, scheiterte aber vor 15 Monaten mit seinem Dokuversuch „Der lange Weg ins Leben“ über DDR-Jugendwerkhöfe arg langweilend. Nun, zu seiner zehnten Dresdner Inszenierung, wollte er unbedingt wieder den Theaterskandal.

Den wird er – vermutlich gar besser als bei seinen später so genannten „Dresdner Webern“– unter Garantie bekommen, weil hier in den jüngsten 85 Jahren keine legale Landtagspartei derart einseitig vorgeführt wurde, obwohl deren amtierende Abgeordnete kaum Stoff dazu liefern dürfen. Verwunderlich dabei: Die EU-Wahl Ende Mai wird völlig ausgeklammert, die übrigens auch in Dresden am gleichen Tag wie die Kommunalwahl stattfindet, die im Programmheft seltsamerweise schon für den März angekündigt wird.

Einer poltert aus dem Saal

Die guten Dresdner Bürger, allesamt mit der Gesamtgesellschaft unzufrieden, was aber nur bei einigen in echte Systemkritik mündet, weshalb sie hier teilweise (aber nur vermeintlich) anonymisiert auftreten, nehmen kurz die SPD, aber stets die CDU aufs Korn: Ob der offenbar in ihrem Geiste so gut wie manifestierten Koalition mit der AfD, obwohl genau dies der in allen Medien alltäglich vertretene Parteichef stets verneint: nix mit Linken, nix mit Rechten. Nur ein Mann rief zur Premiere bei den Anschuldigungen gegen CDU, Polizei und Verfassungsschutz laut „Quatsch“ und „Mumpitz“, um polternd protestierend den Saal zu verlassen.

Der rund 20-minütige Stromausfall zu Beginn am Sonnabend, wodurch noch einmal inmitten des spielerisch durchaus gelungenen Prologs begonnen werden musste und sich danach das Boot dank Ton samt romantischen Klängen drehend aus dem Boden bis zum Bühnengiebel schraubte, war weder Symbol noch Akt der Zivilcourage, sondern vermutlich einfach der Überlast passend zum Tag 1 des Strukturwandels der Ostsachsen geschuldet. Diese dürfen dadurch 50 Jahre Transformation ganz ohne Braunkohlekumpels feiern – auch das wurde beiläufig bis böse persifliert. Und ganz zum Schluss, vermengt mit den zahlreichen Aktivisten, tauchte dann endlich Löschs berühmter Dresdner Bürgerchor auf.

nächste Vorstellungen: 2., 11. sowie 15. Februar (je 19.30 Uhr)

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Andreas Herrmann

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