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Regional Städtische Galerie Dresden zeigt Bilder aus der X. Kunstausstellung der DDR
Nachrichten Kultur Regional Städtische Galerie Dresden zeigt Bilder aus der X. Kunstausstellung der DDR
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15:34 12.10.2019
Einblick in die Ausstellung mit (v.l.n.r.) Urlich Hachullas „Café IV“ (1986/87), Steffen Fischers „Wohin willst du, Adam?“ (1986), Sighard Gilles „Wir Beide“ (1986) und Gerhard Schwarz’ „Bauwagen“ (1986/87). Quelle: Sophie Arlet/Städtische Galerie
Dresden

Ein großes weißes Fragezeichen auf schwarzem Untergrund. Malerei aus der X. Kunstausstellung der DDR – was lässt sich heute damit anfangen? War dies das Ende der Eindeutigkeit vor dem Eintritt in die gewollte Vieldeutigkeit?

Mehr als 30 Jahre ist es her, dass die 34 Gemälde, die jetzt in der neuen Sonderausstellung der Städtischen Galerie Dresden zu sehen sind, schon einmal auf einem einzigen Rundgang zu erleben waren: Am 3. April 1988 schloss nach sechsmonatiger Dauer die X. und zugleich letzte Kunstausstellung der DDR. 323 Gemälde waren damals neben Grafik und Plastik im Albertinum versammelt, dessen Galerieräume (bis auf das Provisorium des Grünen Gewölbes) dafür völlig ausgeräumt worden waren. Parallel dazu wurden in den Ausstellungshallen am damaligen Fučikplatz die angewandten Künste von Formgestaltung bis Fotografie, im heutigen Kunsthaus auf der Rähnitzgasse szenografische Arbeiten präsentiert. Man zählte 1,1 Millionen Besucher.

Die Malerei war sicherlich der prominenteste Teil, bevorzugter Gegenstand spontaner, nicht organisierter Besichtigungen, immer wieder angefeuert durch öffentlich wie privat ausgetragene Diskussionen, deren Umfang wie Art und Weise sich unter heute völlig anderen Verhältnissen wohl kaum jemand vorstellen kann, der es nicht mit erlebt hat.

In einem gesellschaftlichen Bildgedächtnis verankert

Es gehe aber in erster Linie überhaupt nicht um Erinnerung, suchte Galeriedirektor Gisbert Porstmann gleich anfangs einen womöglich nur nostalgischen Betrachtungswinkel auszuschließen, als er gestern die von ihm kuratierte Auswahl der Presse vorstellte. Was er anstrebe, sei vielmehr mit eine Re-Vision, eine Neubesichtigung aus zeitlichem Abstand, um zu erfahren, was die Bilder heute zu sagen haben. Bei den Auseinandersetzungen um die Kunst aus der DDR in jüngster Zeit sei ihm aufgefallen, dass da oft von Bildern die Rede war, die nicht zum Bestand der Staatlichen Kunstsammlungen gehören, also in einem gesellschaftlichen Bildgedächtnis verankert sein könnten.

Interessant scheint zum Teil darüber hinaus die Frage, welchen Befindlichkeiten und Visionen die Gemälde der „X.“ ausstrahlen, Werke also, die entstanden und gezeigt wurden, als noch niemand an den nahe bevorstehenden Umbruch glauben konnte. In der Tat scheint es so, dass die Kunst viel mehr ahnte, als man sehen oder wahrhaben wollte, jedenfalls viel deutlicher von Desillusion, Konflikt- und Krisenbewusstsein geprägt war als von hochfliegenden Utopien. Zu sehen sind schon die neuen Typen, nicht nur die Punks, die das Überlebte umwerfen werden.

Noch bewegte sich hier freilich alles im vorgegebenen Rahmen der „Weite und Vielfalt des sozialistischen Realismus“, auch wenn viele Künstler das Adjektiv für sich ausgeklammert hatten. Porstmann spricht stattdessen zu Recht vom Expressionismus und vom Verismus als zwei großen Bezugssystemen, die für die Entstehung der Bilder wesentlich waren: aufgeladen mit der Fülle seitheriger Kunst- und Welterfahrung, zum Teil umgedeutet im Sinne einer neuen Ästhetik in erkennbarer Abkehr vom offiziellen Eiapopeia gesellschaftlicher Harmonie.

Wenig Stillleben und Landschaften

Ein oder gar das Schlüsselbild der „X“ existiert meiner Erinnerung nach nicht, heute ließe sich manches interpretieren. Manfred Peukers ernüchterndes Frauenporträt „A. P., geboren 1949“ vor dem Brandenburger Tor, Frank Voigts trauriger Ikarus-Clown zeigen die Symbolik mit ganz unterschiedlichen malerischen Konzepten. Am weitesten über alle Grenzen ist hier Hartwig Ebersbach, geradezu seherisch mit „Kaspar II – Abwicklung eines Porträts“ streift er die Gefilde des Informellen. Nichts an Klarheit zu wünschen ließ Wolfgang Mattheuer mit „Drinnen, Draußen und Ich“ (1986), wo der Maler durch große offene Fenster in eine scheinbar blühende Landschaft blickt und hinter sich im Spiegel-Bild sieht, wie sein Sisyphus das brennende Haus verlässt.

Bei der Auswahl habe er von vornherein auf Stillleben und Landschaften (obgleich es da einiges gibt, was zu heutigen Debatten passt) verzichtet und sich darauf konzentriert, „wie sich die Individuen selbst bespiegeln und ins Verhältnis zur Gesellschaft setzen“, so Porstmann. Abgesehen davon kann man auch schlicht unterstellen, dass er, mit der zitierten Einschränkung, schlicht der Bildauswahl des Katalogs von 1987 gefolgt ist und danach zusammengestellt hat, was aufzutreiben war, beginnend mit Willi Sittes immer noch hoch aktuellem Diptychon „Sie wollten nur Lesen und Schreiben lehren“, endend diagonal gegenüber mit Lothar Böhmes dunklem, tief introvertiertem „Sitzendem Akt“. Sogar in unmittelbarer Nachbarschaft wie im Buch finden sich Jürgen Wenzels überdimensionales aufgebrochenes Schwein (Schlachthaus) und Eberhard Göschels gleichsam fließende, stürzende Landschaft (o.T.). Nur gelegentlich, bei Arno Rink (Der Aufstieg), Trak Wendisch (Frau vorm Fernseher) und Rainer Zille (Gewächshaus) wurden alternative Werke aus der „X.“ beschafft.

Überraschendes Duo: Jürgen Wenzels „Schlachthaus“ (1985/87) neben Eberhard Göschels unbetiteltem Bild von 1986. Quelle: Tomas Petzold

Es handelt sich durchweg um Leihgaben, die nur zu einem geringen Teil aus den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden stammen. Etwa ein Drittel der Künstler lebte damals (und in den meisten Fällen bis heute) in Dresden. Etwa gleich stark sind die beiden anderen Kunstzentren des verschwundenen kleinen Landes vertreten: Leipzig/Halle und Ostberlin. Vermissen könnte wie immer mancher manchen, auffällig ist aber doch das Fehlen von Bernhard Heisig und Werner Tübke, zwei Namen, ohne die die Kunstausstellungen der DDR eigentlich gar nicht denkbar waren. Mit Neo Rauch, dessen unbetiteltes Bild einer Beziehungskrise am Gitterbett sich heute in Prag befindet, ist, immerhin, ein einziger Künstler vertreten, der inzwischen zum Weltstar wurde.

Ein solcher Begriff im Bezug auf Bildende Kunst war den Besuchern damals ebenso völlig fremd, wie den Künstlern der kapitalistische Kunstmarkt, mit dem sich bis heute die wenigsten so richtig anfreunden konnten. Andererseits scheint die Überlebensrate höher, als von manchem erwartet, der meinte, nur völlige Anpassung an die neuen Gegebenheiten respektive Unterwerfung biete eine Chance in der neuen Gesellschaft. Stattdessen sind sich viele in ihrer Art bis heute unverwechselbar und treu geblieben. Jedes Bild hätte eigentlich einen kleinen Essay verdient, aber so etwas gab es schon damals als Katalogzugabe für 118 der ausgestellten Werke und sei, wie Porstmann bemerkte, auch heute lesenswert.

In der Vermittlung andere Wege beschreiten

Die Auswahl erscheint weder gewollt paritätisch, ist nicht auf nachträgliche Entdeckungen aus, fragt nicht nach vermeintlich Gut und Böse, sondern lässt einfach die Bilder sprechen. Ein Schritt dahin, dass etwas zum schönen Selbstzweck wird, weil es keiner Beweise bedarf – nur gelegentlicher Erinnerung und des Heranführens der nachwachsenden Generationen.

In der Vermittlung sollen allerdings andere Wege beschritten werden. Vorgesehen sind nicht nur etliche Kunstgespräche und speziell angelegte Führungen für ein junges Publikum. Die Reihe „Kunst statt Kantine“ stellt in jeweils 15 Minuten mittwochs ab 12 Uhr einzelne Werke vor. Im Leistungskurses Deutsch des Kreuzgymnasiums haben sich Schüler mit den Bildern auseinandergesetzt, Gedichte und Texte dazu verfasst, die demnächst präsentiert werden sollen. Vielleicht ein Beispiel zu zwangloser Nachahmung.

Bis 12. Januar, Städtische Galerie Dresden, Di.-Do., Sa./So. 10-18, Fr. 10-20 Uhr

Von Tomas Petzold

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