Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Regional „Sonny Boys“ – Alte und neue Bühnen-Legenden in Radebeul
Nachrichten Kultur Regional „Sonny Boys“ – Alte und neue Bühnen-Legenden in Radebeul
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:30 24.10.2019
„Sonny Boys“ mit Olaf Hörbe als Al und Michael Heuser. Quelle: Norbert Millauer
Radebeul

Neil Simon, der im Herbst des Vorjahres verstorbene US-amerikanische Dramatiker (*1927), hatte seine „Sonny Boys“ im Jahr 1972 als Gegenwartsstück und Hommage an seine Väter-Generation geschrieben. Es geht um zwei recht betagte einstige Comedy-Stars die seit dem Ende der zwanziger Jahre mit dem immer gleichen Programm, mit immer wieder erfolgreichen Gags durch die Staaten tourten, bis ihre Zeit einfach abgelaufen war, ohne dass einer – im Privaten wie in der Gesellschaft – daran gedacht hätte, was danach noch kommen sollte oder müsste.

Das unmöglich Scheinende wird denkbar

Die Sonny Boys, das waren also einst der Komiker Willie Clark und sein Partner Al Lewis, ein Künstlerpaar, das nach 43 gemeinsamen Bühnenjahren aufgerieben und scheinbar heillos zerstritten auseinanderbrach, indem der vermeintlich Schwächere (und so behauptet es ja auch die Rollenbezeichnung), nämlich Al, eines Tages die Zusammenarbeit schlicht und einfach beendete und sich aufs Land zu seiner Tochter zurückzog, während Willie sich fortan von kleinen zu kleinsten Rollen in irgendwelchen Werbespots hangelte, die meiste Zeit aber mit Fernsehen und Illustrierten totschlug.

Dabei träumte er immer noch ebenso heftig von seinem Ruhm und seiner Größe wie von seinem Widersacher, der ihn mit präzise ins Gesicht gespuckten Konsonanten und einem in die Rippen bohrenden Zeigefinger zur Weißglut gebracht hatte.

Elf Jahre geht das so, Jahre, in denen sein Hotelzimmer immer schäbiger und kleiner, sein Gedächtnis immer brüchiger, seine Gesundheit immer fragiler wird. Bis eines Tages Neffe Ben – der einzige Mensch, mit dem er Kontakt pflegt und der zugleich sein hoffnungslos überforderter Manager ist – zu seinem regelmäßigen Mittwoch-Besuch nicht nur Verpflegung und ganze drei eigentlich verbotene Zigarren, sondern auch die Nachricht mitbringt, dass ein großer Fernsehsender plane, die beiden für eine Retrospektive noch einmal auf die Bühne bzw. ins Studio zu holen.

Das unmöglich Scheinende wird denkbar, weil ein stattliches Honorar damit verbunden ist, und so stimmt Willie mit einer in der Realpolitik gerade wieder aktuellen Formel zu: obwohl er eigentlich dagegen ist. Das ist auch der gemeinsame Nenner, unter dem sich der für Willie unerwartet angereiste Al ebenfalls zu einer Probe bereit bzw. im Hotelzimmer einfindet.

Radebeuler Inszenierung eher klein und bescheiden

In Dresden hat Peter Herden, ein Schauspieler mit vornehmem Stil und Grandezza den Willie in zwei Inszenierungen gespielt. 1984 noch relativ jung, hatte er Gerhard Vogt als Partner; im Jahr 2000, in seiner allerletzten Rolle, statt des ursprünglich vorgesehenen Horst Schulze den mit heute 98 Jahren immer noch aktiven Herbert Köfer.

Was für Legenden, die freilich auch Michael Funke nur zu gut bekannt sein dürften, dem Regisseur der aktuellen Radebeuler Inszenierung, die eher klein und bescheiden über die Studiobühne geht, aber in einer weitgehend überzeugenden, etwas anders interpretierten Konstellation. An nach Alter und Profil geeignetem Personal fehlt es dafür nicht. Funke hat zu Recht vertraut auf Persönlichkeit und Temperament seiner Darsteller, hält sich ans mittlerweile recht historische Milieu (Zeit der ersten Mobiltelefone), legt Wert auf sprachliche wie darstellerische Genauigkeit ohne allzu vordergründige Übertreibungen.

Die Protagonisten sind, kaum zu glauben, mittlerweile auch schon seit vier Jahrzehnten an Bühnen der Region aktiv. Michael Heuser ist immer noch ein Energiepaket, gibt den Willie als berechnenden Choleriker, der ständig schauspielert, ja übel chargiert, um seine Schwächen je nach Bedarf zu kaschieren oder mitleiderregend herauszustellen und das vage Ziel zu verfolgen, irgendwie eine später Genugtuung zu erhalten, dafür dass er eines Tages ohne Plan im Regen stand. Er ist einer, der sich oft verheddert in seinen Plänen wie in den im Zimmer herumliegenden Strippen.

Olaf Hörbe als Al erscheint dagegen vordergründig Melancholiker, sehr kontrolliert, sehr ironisch, fast unnachgiebig konsequent, manchmal geradezu triefend vor Heimtücke, so dass die gefährlichen, am Ende aber eher gutartigen Wutausbrüche Willies an ihm abprallen. Er ist hier keineswegs der schwächere Partner, vor allem aber, trotz der vordergründig resignativen Züge, der Geduldigere.

Das Ende im Heim

Wie sich die beiden erst in der Zimmer-, dann in der Studioprobe ineinander verbeißen, das ist von herbem, eher tragikomischem Witz, während die zitierte Comedy doch etwas gewöhnlich daherkommt. Auch hat Heuser ein gewisses Problem, seine Energie nach dem Herzinfarkt auf einen glaubhaften Rest zu begrenzen und die ziemlich stoisch ihren Dienst tuende Pflegeschwester (Charlotte Schiffler) nicht gar zu jugendlich anzumachen.

Jürgen Haase als Ben der zweiten Vorstellung gelang es, dieser Situation einigermaßen überzeugend den Wandel vom gutmütigen, beflissenen, selbst bis zum Infarkt gestressten und deshalb etwas distanzierten Organisator zum mitfühlenden Verwandten. Eine hilfreiche Grundierung für die von den Antipoden stets verdrängte bzw. verleugnete Neigung zu einander, die erst zur Geltung kommen kann, wenn Willie seine krankhafte Eitelkeit besiegt. Das geschieht hier recht unsentimental, ohne dass die gemeinsame „Perspektive“ in einem nun endlich eingerichteten Heim für alternde Schauspieler zu sehr ausgemalt wird.

nächste Vorstellungen: 24., 27., 31.10. Studiobühne Radebeul; 10.11. Schloss Großenhain

www.landesbuehnen-sachsen.de

Von Tomas Petzold

Der Erinnerungsreigen der thematischen 30-Jahre-Rückblicke auf das Ende der DDR reißt nicht ab. Auch das Europäische Zentrum der Künste Hellerau widmet sich der Friedlichen Revolution auf vielfältige künstlerische Weise: mit dem Festival „89/19 – Vorher/Nachher“ vom 24. Oktober bis 2. November.

24.10.2019

Am Donnerstag beginnt die Saison der „Musikbrücke Prag-Dresden“ in Prag, einen Tag später ist sie in der Annenkirche zu Gast. Das Collegium 1704 gehört zu den wichtigsten Gästen. Wolfram Quellmalz sprach vorab mit dem Gründer und Leiter Václav Luks.

24.10.2019

Die Sebastian Weber Dance Company aus Leipzig ist für ihre Produktion „Cowboys“ , eine „krachende Symbiose aus brillantem Stepptanz und einer kruden, ausgelassenen, wütend inspirierten Körperlichkeit der Tanzbilder“ mit dem sächsischen Tanzpreis ausgezeichnet worden. Der Ursula-Cain-Förderpreis ging an den Dresdner Tänzer Wagner Moreira für sein Solo „I play d(e)ad“.

23.10.2019