Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Regional Soloflötistin der Sächsischen Staatskapelle überzeugt mit Bach-Aufnahme
Nachrichten Kultur Regional Soloflötistin der Sächsischen Staatskapelle überzeugt mit Bach-Aufnahme
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
10:17 29.01.2020
CD-Cover. Quelle: Cover
Anzeige
Dresden

Johann Sebastian Bachs Suiten für Violoncello solo (BWV 1007 bis 1012) sind uns wohlbekannt – oder wohl bekannt? Ganz eindeutig ist die „Lage“ nämlich nicht. Die Suiten existieren nur in Abschriften, und wer sie alle einstudieren möchte, kann sich nicht auf eine einzelne Quelle stützen, muss Widersprüche auflösen. Zudem ist nicht geklärt, ob Bach wirklich das Violoncello meinte. Gerade bei der fünften Suite (BWV 1011) gibt es spieltechnische Fragen, die den Interpreten vor die Wahl stellen, sich auf dem gewohnten Instrument einzurichten oder ein anderes (etwa fünfsaitiges) zu verwenden. Bach selbst hat übrigens eine Vorliebe für die Viola gehabt.

Mit Einfühlungsvermögen und Wärme

Viele Instrumentalisten gehen heute „fremd“ – gerade die Cellisten „wildern“ gerne bei Holzbläsern oder Sängern. Umgekehrt gibt es Bachs Solosuiten recht selten auf anderen Instrumenten zu hören. Jetzt nicht mehr: Sabine Kittel, die Soloflötistin der Sächsischen Staatskapelle Dresden, hat sie auf ihrem Instrument eingespielt, dazu die Solopartita a-Moll, von der vermutet wird, dass Bach sie für Gabriel Buffardin, den Soloflötisten der Dresdner Hofkapelle und damit ein Amtsvorgänger Kittels, geschrieben hat.

Anzeige

Sabine Kittel nähert sich den Suiten mit Einfühlungsvermögen und Wärme. Tragend ist die nach Carl Friedrich Zelter „einsame“ Stimme, die jedoch eine große Weite in sich birgt und tief berührt. Kittels Flötenlehrer Paul Meisen, der für das Arrangement verantwortlich ist (nur die sechste Suite wurde von D-Dur nach C-Dur transponiert) findet die Suiten auf der Flöte überraschend natürlich spielbar. Diese Natürlichkeit vermittelt sich beim Hören – zu keinem Zeitpunkt hat man den Eindruck aufgesetzter Virtuosität oder einer Anpassung oder. Korrektur des Werkes. Die Sätze entfalten sich frei und atmend.

Transzendentale Tiefe

Bearbeitungen leben oft vom Effekt des Ungewohnten. Bach auf dem Saxofon oder Akkordeon ist heute keine Seltenheit mehr (die Suiten gibt es sogar auf der Marimba!). Doch der Neuheitseffekt verliert sich nach mehrmaligem Hören. Hier nicht – eben weil die Stücke so natürlich fließen und der Stimme zu „gehören“ scheinen, bleibt der Eindruck dauerhaft bestehen, die Flöte wird nicht erdrückend.

Sabine Kittel verfügt über eine bestechende Technik, welche ihr diese Freiheit des Tones – der zu schweben scheint – erlaubt. Auch in der Aufnahme gibt es keinen „Bruch“. Das Label Querstand aus dem Kamprad-Verlag Altenburg ist für ausgezeichnete Aufnahme und Aufbereitung bekannt, und so finden sich keine technischen Mängel.

Entstanden sind die beiden CDs in der Jakobuskirche Freital-Pesterwitz (2014 bis 2017) und der Emmauskirche Dresden-Kaditz (2012 / 2013). Doch weder der andere Ort noch die dazwischenliegende Zeit ist etwa durch eine andere Klangfarbe oder den Hall spürbar. Sabine Kittels Ton bleibt in flinken Sätzen gelassen und entwickelt in den langsamen eine transzendentale Tiefe. Diese große Ausgeglichenheit macht es leicht, nicht nur einzelnen der Suiten, sondern allen zu lauschen. Und doch verliert man sich darin nicht, man folgt, stringent, den klugen Worten Bachs, in eine wunderbar sinn- und tonreiche Einsamkeit. Cellosuiten auf der Flöte? Das passt!

Sabine Kittel: Johann Sebastian Bach – Suiten für Flöte BWV 1007–1012, Partita BWV 1013 (2 CDs), Querstand / Verlagsgruppe Kamprad

Von Wolfram Quellmalz